Wirtschaft
Japan ist schon lange kein Wirtschaftswunderland mehr.
Japan ist schon lange kein Wirtschaftswunderland mehr.(Foto: picture alliance / dpa)

Toyota bekommt ausländischen Vize: Japan AG bricht mit ihren Traditionen

Nach mehr als 20 Jahren Stillstand versucht Japans Regierung, die verkrusteten Strukturen in der Wirtschaft des Landes aufzubrechen. Das Vorbild für viele der Reformen stammt aus Deutschland.

Einst galt Japan als wirtschaftliches "Wunderland": Mit seiner in Europa oft als fremdartig empfundenen Unternehmenskultur, seinem eigenen Wertesystem und seiner politischen Ordnung gelang es der fernöstlichen "Wirtschaftsmaschinerie", die westlichen Märkte "zu erobern". Konzerne wie Sony oder Sharp lehrten der Welt als "Japan AG" das Fürchten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Viele Unternehmen der einst stolzen Elektronikindustrie hinken heute hinter Rivalen wie dem US-Riesen Apple, Samsung aus Südkorea oder Haier aus China her. Japans große Industriekonzerne müssen umdenken.

Video

Angesichts des immer schärfer werdenden Wettbewerbs auf den Weltmärkten und der rapiden Überalterung der eigenen Bevölkerung zeichnet sich in Japans vielfach noch konservativer Unternehmenslandschaft langsam ein Umdenken ab. Der Elektrokonzern Hitachi hat sich gar von einem Eckpfeiler der japanischen Unternehmenskultur getrennt: Dem Senioritätsprinzip, bei dem sich die Entlohnung nach Alter und Dauer der Betriebszugehörigkeit richtet statt nach Leistung.

Ein weiteres Indiz für einen möglichen Wandel ist die wachsende Bereitschaft, frischen Wind in die Unternehmensführung zu holen. Wurde diese traditionell aus den eigenen Reihen besetzt, blicken nun mehr Firmen über den Tellerrand hinaus und holen sich Expertise sogar aus dem Ausland. Jüngstes Beispiel ist der Autoriese Toyota. Erstmals in der fast 80-jährigen Unternehmensgeschichte ernannte der VW-Konkurrent mit dem Franzosen Didier Leroy einen Ausländer zum Vize-Präsidenten.

"Abenomics" zwingt Unternehmen zu Reformen

Zwar ist Leroy längst nicht der erste Ausländer in japanischen Führungsetagen. Toyotas Rivale Nissan wird von Carlos Ghosn geführt, bei Sony stand lange Howard Stringer an der Spitze. Doch solche Fälle sind bisher die Ausnahme.

Das soll sich ändern. "Japans Unternehmenslandschaft öffnet sich. Sie wird offener und internationaler", stellt Peter Babucke fest. Der deutsche Finanzexperte ist selbst ein gutes Beispiel. Seit 2013 ist er Vize-Präsident im Listing Department an der Tokioter Börse (TSE). Diese Rolle ermöglicht ihm als einem der wenigen Ausländer einen intimen Einblick in die inneren Prozesse der japanischen Finanzwelt.

Chart

Die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe will diese Entwicklung nun als Teil ihrer "Abenomics" genannten Wirtschaftspolitik mit Reformen untermauern. So hat die Regierung erstmals Richtlinien zur Unternehmensführung erlassen. Sie sollen für eine größere Transparenz und eine Öffnung der verkrusteten Unternehmenskultur sorgen. Unternehmen werden etwa angehalten, mindestens einen unabhängigen Direktor in den Aufsichtsrat zu holen - die meisten haben bislang keinen einzigen.

War es traditionell in Japan zudem bislang so, dass Unternehmen auf gewaltigen, unproduktiven Cash-Beständen saßen, legen inzwischen immer mehr von ihnen Wert auf höhere Renditen und Ausschüttungen. So kauften japanische Unternehmen im Geschäftsjahr 2014/2015, das am 31. März ablief, so viele Aktien zurück wie seit sechs Jahren nicht.

Aktienkurse steigen

Dadurch steigt in der Regel der Wert der Aktien. Zudem will die Regierung die Unternehmen anhalten, ihre Überkreuzbeteiligungen abzubauen. "Das lehnt sich an die Agenda 2010 von (Deutschlands Altkanzler) Gerhard Schröder an", erläutert Babucke. Von einem Aufbrechen dieser Strukturen verspricht sich die Regierung künftig mehr Wettbewerb.

Zu den Anreizen gehört auch ein neuer Index an der Tokioter Börse, der JPX-Nikkei400. Dort sind Unternehmen gelistet, die im Sinne von "Abenomics" besonders effizient wirtschaften und hohe Eigenkapitalrenditen aufweisen. Zudem hat der staatliche Pensionsfonds GPIF, die größte Pensionskasse der Welt, entschieden, von Staatsanleihen stärker in Aktien umzuschichten. Auch soll stärker in ausländische Papiere und Anleihen investiert werden.

"Jetzt ist ein sehr guter Zeitpunkt für ausländische Firmen, Finanzierung in Japan zu tätigen", so Babucke. All diese Entwicklungen tragen nicht nur dazu bei, dass die Börsenkurse zuletzt deutlich angezogen haben. Mit den Reformen will Regierungschef Abe letztlich erreichen, dass die Industrie ihre globale Wettbewerbsstärke wiedererlangt.

Experten zufolge haben die Unternehmen gar keine Wahl. "Angesichts der rapiden Überalterung der Gesellschaft wird Japans Wirtschaft noch viel schneller als bisher auf ausländische Märkte expandieren müssen", meint der Ökonom Martin Schulz vom Fujitsu Research Institute.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen