Wirtschaft
Abschied ohne Wehmut: Eurogruppen-Chef Juncker.
Abschied ohne Wehmut: Eurogruppen-Chef Juncker.(Foto: REUTERS)

Schelte vom "großen Europäer": Junckers letzter Auftritt

Acht Jahre stand er an der Spitze der Eurogruppe: Jean-Claude Juncker gibt Ende Januar sein Amt auf. Zum Abschied mahnt der 58-Jährige Europas Politiker und heimst dafür viel Lob ein. Für seinen Nachfolger hat er noch einen Rat parat und genaue Vorstellungen davon, in welche Hände die neue Europäische Bankenaufsicht gelegt werden sollten: Weiblich und französisch sollten sie sein.

Er gilt als Mann des offenen Wortes und schlitzohriger Taktiker. Genau deshalb ist der scheidende Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker beim Volk beliebt. Genau deshalb hat sich "Mister Euro" aber auch des Öfteren bei Europas Spitzenpolitikern unbeliebt gemacht. Seinen letzten Auftritt im Wirtschaftsausschuss des Europaparlaments nutzte der 58-Jährige für ausgiebige Schelte für Europas Politiker - die Brüsseler Abgeordneten dankten ihm mit viel Applaus und Lob.

"Es ist nicht Zeit für Nostalgie, sondern für Handeln", machte Juncker gleich zu Beginn seines eineinhalbstündigen Auftritts klar. Im Europa der Krise seien viele Probleme ungelöst. Die Regierungen würden nicht entschlossen genug gegen die Arbeitslosigkeit angehen. "Wir unterschätzen generell die enorme Tragödie der Arbeitslosigkeit, die uns am Ende erdrücken wird", warnte Juncker, der acht Jahre an der Spitze der 17 Euro-Finanzminister stand.

In puncto Staatsschuldenkrise richtete Juncker zum Abschied klare Worte an die Politiker: Die Euro-Krise sei nicht vorbei, es bleibe viel zu tun, auch wenn einige Staatenlenker bereits das Ende der Krise feierten. "Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben."

Deutsch-französisches Orchester nicht "hochwertig"

Der vielsprachige Juncker kritisierte auch das Verhältnis zwischen den zwei Euro-Schwergewichten Deutschland und Frankreich. Mit dem für ihn typischen Sprachwitz zog Juncker einen Vergleich zur Musikwelt, um die Spannungen zwischen Frankreichs Präsident François Hollande, einem Sozialisten, und der konservativen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu beschreiben: "Ich bin nicht ganz sicher, ob das Konzert mit Herrn Hollande und Frau Merkel allen Erfordernissen der qualitativ hochwertigen Musik entspricht. Das deutsch-französische Orchester ist nicht unbedingt immer von der Qualität, die alle Musikliebhaber beeindrucken würde." Das Verständnis sei "gut, aber es könnte besser sein."

Die Parlamentarier überschütteten Juncker geradezu mit Lob. Er sei ein "Charismatiker" und "großer Europäer", sagte der unabhängige EU-Abgeordnete Hans-Peter Martin. Der konservative Franzose Jean-Paul Gauzès lobte: "Ich glaube, man kann dich weise nennen." Juncker genoss das Lob lächelnd, gab sich aber bescheiden: "Ich finde vieles, was gesagt wird, überzogen."

Mit einer Bilanz seiner achtjährigen Amtszeit tat sich Juncker schwer. "Ich habe im Kopf alles das, was nicht gelungen ist. Ich habe im Kopf alles das, was wir nicht zustande gebracht haben", sagte er mit müder Stimme.

Die Arbeitsbelastung sei enorm gewesen, mit unzähligen Telefonaten und Sitzungen bis zum Morgengrauen. Als Premier Luxemburgs war Juncker ja quasi nur nebenberuflich Vorsitzender des einflussreichen Gremiums. Jedes seiner Worte habe er genau abwägen müssen. "Ich war gefesselt von den Finanzmärkten. Wenn Sie als Präsident der Eurogruppe sprechen, hören Sie auf, ein freier Mann zu sein."

Künftig wieder Luxemburg

Und was wird Juncker künftig tun? Er werde sich um eine weitere Amtszeit als Premier Luxemburgs bemühen. "Ich werde glücklich sein, wenn meine Landsleute mich wiederwählen würden." Dass er dann statt auf der großen europäischen nur noch auf nationaler Ebene stehe, betrübe ihn nach 30 Jahren in der Europapolitik nicht. "Die Macht, die sogenannte Macht, hat jede erotische Dimension verloren, die Sie sich vorstellen können." Dem Vorschlag, 2014 EU-Kommissionspräsident oder EU-Ratspräsident zu werden, lauschte Juncker nur schweigend.

Und schließlich gab er seinem Nachfolger - dessen Name noch offen ist - doch noch einen Tipp: "Der Präsident der Eurogruppe muss zuhören können, und erst dann entscheiden." Deshalb sei ein Vertreter eines kleineren Landes im Vorteil. "Wir Vertreter von kleineren Staaten haben üblicherweise größere Ohren als Vertreter größerer Länder." Aller Voraussicht nach wird sich wohl der niederländische Finanzminister Jeroen Dijesselbloem als Vorsitzender der Euro-Gruppe gewählt werden.

Für die Führung der neuen Europäischen Bankenaufsicht hat Jean-Claude Juncker eine Frau im Sinn: "Ich bin absolut für eine weibliche Vertreterin", sagte er. "Sie wird Französin sein." Inwiefern damit Daniele Nouy gemeint ist, die in französischen Medienberichten als erste Anwärterin gehandelte Chefin der französischen Bankenaufsicht, ließ Juncker offen. Die Mitgliedstaaten waren zuletzt vom EU-Parlament heftig unter Druck gesetzt worden, europäische Spitzenposten künftig öfter an Frauen zu vergeben und damit die Dominanz der Männerzirkel aufzubrechen.

Quelle: n-tv.de

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