Wirtschaft
Wälzstahl per Mausklick: Bei ThyssenKrupp in Duisburg überwachen Spezialisten die Rohstahlproduktion.
Wälzstahl per Mausklick: Bei ThyssenKrupp in Duisburg überwachen Spezialisten die Rohstahlproduktion.(Foto: REUTERS)

Die Krupp-Stiftung bestätigt: ThyssenKrupp verliert das "Bollwerk"

Die Maßnahme kommt schneller als erwartet: Der Stahlkonzern wirft kurzfristig 51,5 Millionen neue Aktien auf den Markt und nimmt so 882 Millionen Euro ein. Allerdings ändern sich nun die Machtverhältnisse. Die Krupp-Stiftung gibt ihre Sperrminorität auf.

Die Meinung am Markt ist einhellig: Mit der kurzfristig umgesetzten Kapitalerhöhung kann sich ThyssenKrupp etwas Luft verschaffen. Der Schritt führt allerdings auch zu grundlegenden Veränderungen bei den Machtverhältnisse hinter den Kulissen des größten deutschen Stahlkonzerns. Unter ungünstigen Umständen könnte die Konzernführung damit sogar langfristig das Schicksal als eigenständiges Unternehmen in Gefahr gebracht haben.

Denn die mächtige Krupp-Stiftung hat sich an der Kapitalerhöhung von ThyssenKrupp nicht beteiligt. Die Stiftung bestätigte entsprechende Meldungen. "Die Stiftung bleibt verlässliche Ankeraktionärin des Konzerns", erklärte Stiftungschefin Ursula Gather in einer ersten Stellungnahme. Die Stiftung hatte bislang einen Anteil von 25,3 Prozent an dem Mischkonzern und konnte damit bei strategischen Weichenstellungen ein Veto einlegen.

Für den Konzern und die Region fungierte die Krupp-Stiftung auf diese Weise als verlässlicher Garant für den Erhalt des Konzerns mit 150.000 Mitarbeitern. Die Stiftung galt zudem auch als verlässliches "Bollwerk" gegen feindliche Übernahmen oder eine Zerschlagung des Konzerns. Bisher konnte die Stiftung zudem drei eigene Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Da der Stiftungsanteil nun unter die 25-Prozent-Marke sinkt, wären es künftig wohl nur noch zwei.

Mehr Einfluss dürfte nach der Aktion vor allem der schwedische Finanzinvestor Cevian ausüben. Der Hedgefonds habe neue Aktien gezeichnet, hieß es aus Konzernkreisen. Er halte künftig wohl über 10 Prozent, erklärte ein Insider. Eine offizielle Stellungnahme von Cevian lag dazu zunächst nicht vor.

Schwedenmacht im Aufsichtsrat?

Ein Ergebnis der Aktienemission besteht demnach vor allem darin, dass die Schweden ihre Machtposition im Ruhrkonzern weiter ausbauen. Der Hedgefonds hatte zuvor bereits auf frühere Aussagen verwiesen. "Cevian schließt nicht aus, sich an einer Kapitalerhöhung zu beteiligen", hatte es bereits am Wochenende geheißen. Im September hatte Cevian mitgeteilt, den Fonds-Anteil auf 6,1 Prozent erhöht zu haben. Es gilt als wahrscheinlich, dass Cevian nun auch Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden will.

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Die kurzfristig umgesetzte Kapitalmaßnahme hatte der hoch verschuldete Stahlkonzern erst am Wochenende bei der extra wegen des Stahlwerk-Verkaufs verschobenen Bilanzvorlage angekündigt. Zu Wochenbeginn rutschte der Aktienkurs in einer ersten Reaktion scharf ab. Nach Börsenschluss leitete ThyssenKrupp dann - für viele Beobachter überraschend zügig - die Ausgabe neuer Aktien ein.

Die Erhöhung des Grundkapitals um zehn Prozent habe einen Bruttoerlös von 882 Millionen Euro eingebracht, teilte ThyssenKrupp am Morgen danach mit. Der Dax-Konzern will mit den Einnahmen unter anderem seine Schulden im Umfang von zuletzt fünf Milliarden Euro senken.

Niedrigste EK-Quote im Leitindex

Die 51,5 Millionen Aktien seien zu einem Preis von 17,15 Euro je Papier bei deutschen und internationalen institutionellen Investoren platziert worden, erklärte ThyssenKrupp. Der Schritt werde sich positiv auf das Verhältnis der Netto-Finanzschulden zum Eigenkapital (EK), das sogenannte Gearing auswirken und selbstverständlich auch die Eigenkapitalquote selbst positiv beeinflussen. Das Gearing war zuletzt auf 200,6 Prozent in die Höhe geschossen und die Eigenkapitalquote auf 7,1 Prozent gefallen - der mit Abstand niedrigsten Wert eines Dax-Konzerns.

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hatte am Wochenende für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro bekanntgegeben. Die Bilanzpressevorlage war kurzfristig um zwei Wochen nach hinten verschoben worden, um den Durchbruch im seit Monaten laufenden Drama um den Stahlwerksverkauf noch in die Ergebnisse eingliedern zu können.

Auch so noch bleibt die Schuldenlast erdrückend. Der Konzern braucht dringend Geld. Neben der Kapitalerhöhung soll der Verkauf des US-Stahlwerks an ArcelorMittal und Nippon Steel für rund 1,1 Milliarden Euro für Entlastung sorgen.

Zu Wochenbeginn hatten Anleger verunsichert reagiert und den Aktienkurs des Stahlkonzerns auf Talfahrt geschickt. In der Spitze büßten die ThyssenKrupp-Papiere bis zu neun Prozent ein. Am Tag danach notiert die Aktie vergleichsweise stabil bei knapp 17,13 Euro, was einem Abschlag von 2,9 Prozent entspricht.

"Chancen für eine Neuausrichtung"

Am Aktienmarkt wird der Wegfall der Sperrminorität der Krupp-Stiftung zunächst nicht negativ gesehen. "Der Kurs sollte sich schnell stabilisieren und tendenziell erholen", meinte ein Börsenhändler. Der Fall unter den Emissionspreis der Kapitalerhöhung bei 17,15 Euro liege allein am Rutsch des Gesamtmarkts. Der Dax verlor parallel dazu mehr als 1 Prozent.

"Mit dem Verlust der Sperrminorität wachsen die Chancen für eine strategische Neuausrichtung", sagte ein Marktteilnehmer. Strategisch gesehen sei ThyssenKrupp eine "Baustelle, an der sich schon viele Vorstandsmitglieder aufgerieben hätten, darunter auch Gerhard Cromme". Investoren wie Cevian könnten an einer Zerschlagung des Konzerns interessiert sein und hätten nun mehr Einfluss.

Allerdings sollten Marktteilnehmer den Einfluss der Stiftung nicht abschreiben. Diese könnte über Zukäufe von Aktien die Sperrminorität irgendwann wieder erlangen. Auch das "Poolen" der Anteile mit anderen Aktionären sei möglich. Es besteht zudem die Chance, dass statt der Krupp-Stiftung die RAG-Stiftung bei ThyssenKrupp eingestiegen ist. Angaben dazu lagen zunächst nicht vor.

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Quelle: n-tv.de

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