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Nicolas Berggruen lässt die Karstadt-Angestellten im Unklaren.
Nicolas Berggruen lässt die Karstadt-Angestellten im Unklaren.(Foto: picture alliance / dpa)

Berggruen bleibt stumm: Karstadt kämpft ums Überleben

Von Jan Gänger

Für die Beschäftigten bei Karstadt ist es eine ganz schlechte Nachricht: Die Chefin wirft hin und geht. 17.000 Menschen fragen sich nun, wie es weitergehen soll. Doch der Mann, der das beantworten kann, schweigt.

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Die Chefin geht entnervt, das Unternehmen kämpft ums Überleben, die Zahlen sind mies. Und der Eigentümer? Schweigt. Wer bei Karstadt beschäftigt ist, blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Wenn der Kapitän plötzlich von Bord springt, dürfte sich die Besatzung aus gutem Grund ernsthaft Sorgen machen.

Dabei hatte im Februar alles so hoffnungsfroh begonnen, als die Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjösted als Chefin antrat. Ein Kandidat nach dem anderen hatte vorher abgewunken. Die Schwedin machte aber nicht den Eindruck, bloß eine Notlösung zu sein. Daran änderte auch nichts, dass sie keine Erfahrung mit dem hartumkämpften deutschen Einzelhandelsmarkt hatte. Denn sie brachte von Ikea etwas mit, was den Karstadt-Warenhäusern zuletzt fehlte: Den unbedingten Willen, sich an den Wünschen der Kunden zu orientieren. Vielleicht noch wichtiger waren ihre Erfahrungen, stationären Handel und Internet-Handel zu verbinden.

Das Allerwichtigste war: Eigentümer Nicolas Berggruen sicherte Sjösted seine "volle Unterstützung" für ihre Strategie zu. Und dazu gehörten dringend benötigte Investitionen in die 83 Warenhäuser. Also zog Sjösted nach Essen, lernte Deutsch und stellte sich vor Amtsantritt an diverse Kassen, um die Filialen kennenzulernen. Das kam bei den 17.000 Mitarbeitern gut an. Und so gelang es der neuen Chefin tatsächlich, Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Plötzlich erschien es durchaus wahrscheinlich, dass Karstadt eine Zukunft hat.

Schlechte Zahlen

Das alles klang allerdings viel zu schön, um wahr zu sein. Karstadt blieb ein schwerkranker Patient. Zahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht, doch in einer Präsentation für die Betriebsräte schlug die Geschäftsführung Ende Juni Alarm. "Die Warenhäuser leiden nach wie vor unter Frequenzrückgang", hieß es laut Medienberichten darin. Der "negative Umsatztrend konnte nicht gestoppt, sondern nur reduziert werden". Ohne die rigiden Sparmaßnahmen würde es der Warenhauskette noch schlechter gehen.

Schlimmer noch: Berggruen steckte offenbar kaum Geld in sein Unternehmen. Es wurde sogar kolportiert, dass er von den Filialen Millionen für die Nutzungsrechte des Namens "Karstadt" verlangt. Der Investor hüllte sich dazu in Schweigen Es wird immer wahrscheinlicher, dass der einst als Retter gefeierte Berggruen seit längerer Zeit seinen Ausstieg vorbereitet.

Im Juni 2010 übernimmt er Karstadt für einen symbolischen Preis von einem Euro und rettet das Unternehmen damit vor der Insolvenz. Berggruen verspricht "frische und attraktive" Perspektiven für die "Kultmarke." Doch es bleibt bei der Ankündigung. Investitionen fließen nur spärlich, die Sanierung kommt nicht voran. Der Konzern schreibt weiterhin tiefrote Zahlen.

Im vergangenen September verkauft Berggruen die Filetstücke - und heizt damit die Spekulationen um die Zukunft der Warenhauskette an. Die Mehrheit an den Luxushäusern wie dem Berliner KaDeWe und den Sportgeschäften geht an den österreichischen Investor Rene Benko.

"Knochen schon abgenagt"

So ruhten alle Hoffnungen auf Sjöstedt. Für die Beschäftigten muss ihr plötzlicher Weggang ein Schock sein. Zumal sich die Schwedin nicht einmal die Mühe machte, persönliche Gründe vorzuschieben. "Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich nun jedoch feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind", teilte sie in Richtung Berggruen mit und ging mit sofortiger Wirkung.

Und wie geht es jetzt bei Karstadt weiter? Das bleibt völlig ungewiss. Karstadt braucht Branchenkennern zufolge Investitionen in Milliardenhöhe. Es ist unwahrscheinlich, dass sich jemand findet, der so viel Geld in die Kette steckt. "Eigentlich war der Knochen schon vor der Bergruen-Übernahme abgenagt", sagt Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein.

Es wird schon schwierig genug, einen neuen Chef zu finden. Geeignete Kandidaten werden wohl dankend abwinken. Ein erster Schritt wäre es, wenn sich Berggruen aus der Deckung wagen und klar sagen würde, was er mit Karstadt vorhat. Doch der schweigt weiter.

Und so entsteht der Eindruck, dass das Unternehmen führungslos und ohne Strategie ums nackte Überleben kämpft. Es klingt wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde, wenn der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt sagt: "Ich muss nach vorne gucken. Wir müssen jetzt weitermachen, weitermachen, weitermachen."

Quelle: n-tv.de

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