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Immer wieder kommt es bei Foxconn zu Selbstmorden.
Immer wieder kommt es bei Foxconn zu Selbstmorden.(Foto: picture alliance / dpa)

HP und die Selbstmorde bei Foxconn: Keine Ahnung, kein Interesse

Von Marcel Grzanna, Schanghai

Der IT-Konzern Hewlett-Packard verschweigt Details zu Selbstmorden von Arbeitern beim Vertragspartner Foxconn. Hintergründe zu den Bedingungen für ihre chinesische Belegschaft interessieren die Amerikaner aber ohnehin kaum.

"Ein Gewinnerlächeln" will der IT-Konzern Hewlett-Packard von seinen deutschsprachigen Kunden. Einzureichen als digitales Foto über die Webseite des Unternehmens. Wer richtig schön lächelt, hat die Chance auf Konzertkarten. Es ist eben eine schöne heile Welt, die große Unternehmen kreieren, um dort ihre Produkte einzubetten. Das ist legitim. Mit der Realität hat das aber nur selten zu tun.

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Im Fall von HP, einem der weltweit führenden Entwickler von Notebooks und Druckern, verbirgt sich hinter der Fassade eine global ausgelagerte Produktionsmaschine, in der wenig Platz für Lebensfreude bleibt. Ihr Zentrum: China. Ihr Inbegriff: Foxconn. Mehr als eine Million Menschen schuften in der Volksrepublik unter fragwürdigen Bedingungen für den zwielichtigen Elektronikhersteller mit taiwanesischer Muttergesellschaft. Angestellte klagen bis heute über Ausbeutung, militärischen Führungsstil und soziale Vereinsamung. Foxconn bietet ein Produktionsmodell, das den Auftraggebern größtmögliche Effizienz bei geringstmöglichen Kosten verschafft. Kein anderes Unternehmen der Welt schraubt so viele Einheiten für HP zusammen. Das schafft Verpflichtungen für HP gegenüber der chinesischen Belegschaft, würde man meinen. Doch wenn es Probleme gibt im Apparat, duckt sich der Konzern aus Kalifornien lieber weg.

Eine Reihe von Selbstmorden zwischen Frühjahr 2013 und April 2014 hat den Foxconn-Standort im westchinesischen Chongqing erschüttert. Dort werden vorwiegend Laptops für HP gefertigt. Arbeiter berichten von bis zu neun Fällen in diesem Zeitraum. Der letzte ereignete sich demnach im April dieses Jahres. Es existieren Fotos und Videos, die drei Fälle belegen sollen. HP dementiert die Selbstmorde nicht, behauptet aber, es seien deutlich weniger als von den Arbeitern behauptet und verweist auf interne Untersuchungen des Vertragspartners. Wie viele Selbstmorde offiziell bestätigt wurden von Foxconn, will HP nicht preisgeben. Man habe sich entschieden, keinerlei Informationen an die Öffentlichkeit zu geben, sagt eine Sprecherin der Firmenzentrale in Palo Alto. Foxconn reagierte nicht auf entsprechende Anfragen.

Vor wenigen Wochen hatte HP bestätigt, dass es zu "Zwischenfällen" in der Fabrik in Chongqing gekommen sei, die untersucht würden. Doch immer noch bleiben die Amerikaner konkrete Details schuldig. Dabei sind Vertreter des Managements von HP China in Chongqing vertreten und hätten die Möglichkeit, Foxconn zu einer schnellen Aufarbeitung der Geschehnisse zu drängen. Doch in den USA weiß man nicht einmal, wie häufig die eigenen Leute überhaupt in der Fabrik gewesen sind, um die Untersuchungen anzukurbeln. Es gibt keine Direktive aus Palo Alto.

Nichtregierungsorganisationen wie China Labour Watch, die sich für die Rechte von Arbeitern in China einsetzen, aber auch diverse Forschungseinrichtungen, die sich mit den industriellen Beziehungen im Land befassen, werfen den großen ausländischen Unternehmen vor, dass sie nur oberflächlich auf die Bedingungen bei ihren Vertragspartnern achten würden. Um das eigene Gewissen zu beruhigen, nähmen die Unternehmen gutgläubig gerne alles für bare Münze, was ihnen erzählt wird. Wenn etwas schiefgeht, verweisen die Firmen auf die Informationen, die ihnen vorgelegt wurden, und waschen ihre Hände in Unschuld.

Betriebsgewerkschaften ohne Einfluss

HP ist ein gutes Beispiel. 95 Prozent aller chinesischen Arbeiter in Chongqing seien Mitglied der Gewerkschaft, teilt das Unternehmen mit. Die Gewerkschaft sei unabhängig vom Management, behauptet die Sprecherin. Das ist bestenfalls formell richtig, praktisch aber falsch. Die Betriebsgewerkschaften gelten in China als verlängerter Arm des Unternehmens. "Ihre Tätigkeiten konzentrieren sich tendenziell auf Freizeitaktivitäten und Erziehung und sie befassen sich üblicherweise nicht mit Lohnforderungen", heißt es in einem Forschungspapier der Sun-Yat-Sen-Universität in Guangzhou.

Wer vor dem Foxconn-Standort in Shenzhen ein paar Dutzend Arbeiter befragt, ob ihnen eine unabhängige Betriebsgewerkschaft zur Seite steht, erntet Dutzende Male Kopfschütteln und oftmals zynische Bemerkungen. Dabei gilt Shenzhen im Perlflussdelta noch als Vorzeigemodell im System Foxconn. 2010 war die größte Fabrik des Herstellers Zentrum einer Selbstmordserie binnen weniger Wochen, die international Schlagzeilen machte und die Ausbeutung der Arbeiter auf die Agenda setzte. "Die Bedingungen in Shenzhen sind nicht gut, aber sie haben sich verbessert seit 2010. Dort werden jetzt die Foxconn-Kunden herumgeführt, um die Integrität des Unternehmens zu beweisen", sagt ein studentischer Mitarbeiter der Sun-Yat-Sen-Universität, der in den vergangenen Jahren mit Hunderten Arbeitern gesprochen hat.

Doch längst hat sich die IT-Produktion, angeführt von Foxconn, ins Landesinnere verlagert und der Westen Chinas sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Baustein entwickelt. Fernab der internationalen Aufmerksamkeit für das ehemals als Werkbank der Welt bezeichnete Perlflussdelta bei Hongkong herrschen in anderen Provinzen andere Sitten. Die lokalen Behörden, die nach Investitionen und Steuereinnahmen gieren, entpuppen sich in diesen Regionen häufig als Komplizen der rigorosen Unternehmensführungen. Am Ende der Kette stehen die Arbeiter, die sich zumindest von ihren westlichen Auftraggebern mehr Unterstützung wünschen. Doch alle Verbesserungen wie steigende Löhne und bessere Freizeitmöglichkeiten haben sie sich erst durch Streiks selbst erkämpft. HP dagegen ist bislang einen Beweis schuldig geblieben, dass dem Unternehmen die chinesischen Arbeiter wirklich wichtig sind.

Quelle: n-tv.de

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