Schockstarre löst sichKonjunkturlok zieht an
Die Konjunkturindikatoren sprechen eine eindeutige Sprache: Die deutsche Wirtschaft nimmt ein Jahr nach dem Lehman-Schock wieder Fahrt auf. Dies hätte noch zu Jahresanfang kaum jemand für möglich gehalten.
Die Konjunkturindikatoren sprechen eine eindeutige Sprache: Die deutsche Wirtschaft nimmt ein Jahr nach dem Lehman-Schock wieder Fahrt auf. Dies hätte noch zu Jahresanfang kaum jemand für möglich gehalten. Damals überboten sich die Experten mit düsteren Prognosen. Trotz der Aufheiterung sitzt vielen Firmen und Finanzexperten jedoch weiter die Angst vor Rückschlägen im Nacken. Deshalb werden die Rufe wenige Wochen vor dem G20-Gipfel in Pittsburgh wieder lauter, einem ähnlichen Kollaps in Zukunft mit strengeren Regeln für den Bankensektor vorzubeugen.
Firmen zweifelten an Grundfesten des Wirtschaftens
Die Lehman-Pleite am 15. September 2008 verursachte in der globalen Wirtschaft eine Epidemie der Unsicherheit und des Misstrauens. "Die Unternehmen zweifelten an den Grundfesten des Wirtschaftens und haben alle aufschiebbaren Investitionen storniert", erklärt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, die plötzliche Schockstarre der Unternehmen. Die Folge: Die Konjunktur brach so stark ein wie zuletzt zur Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre; im ersten Vierteljahr produzierte die Industrie gut ein Viertel weniger als ein Jahr zuvor.
"Es hat sich aber gezeigt, dass das extreme Misstrauen nicht berechtigt war", resümiert der Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Heilsam war Krämer zufolge vor allem das "entschlossene Handeln der Regierungen und das Fluten der Märkte mit Zentralbankgeld". Mittlerweile würden die Unternehmen bereits einen Teil der Investitionen nachholen.
Weg aus dem Konjunkturtal wird lang
Die gleichzeitige Bearbeitung von neuen und auf Eis gelegten Aufträgen führe jetzt zu einer überproportionalen Produktionssteigerung, so dass die deutsche Wirtschaftsleistung im laufenden dritten Quartal bereits um bis zu ein Prozent zulegen könne, erläutert Krämer. "Das nenne ich die Umkehr des Lehman'schen Unsicherheitsschocks."
Bereits im zweiten Quartal 2009 war die Wirtschaftsleistung erstmals seit einem Jahr wieder gestiegen - und zwar um 0,3 Prozent gegenüber dem Jahresanfang. Auch wenn diese Zahlen eine Erholung signalisieren, zeigt das Minus von über sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr weiterhin, wie stark der Einbruch war.
Der Weg aus dem Konjunkturtal ist also noch lang, trotzdem zeigen sich die Volkswirte mehrheitlich zuversichtlich. "Ich erwarte ein sehr starkes zweites Halbjahr 2009 und ich glaube auch nicht, dass wir danach wieder in eine Rezession zurückfallen", sagt Krämer. Keine Konjunkturerholung verläuft jedoch wie an einem Lineal entlang - Rückschläge drohen etwa mit dem Ende der Konjunkturpakete und dem befürchteten Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Kreditklemme konnte bislang verhindert werden
Auch im Finanzsektor lauern weiter Gefahren. Die konjunkturelle Wende war nur möglich, weil die Notenbanken den Geldhahn bis zum Anschlag aufdrehten und so eine berüchtigte Kreditklemme bislang abwenden konnten - denn diese würde jede Erholung im Keim ersticken. Der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier, warnt, dass die schwierige Finanzierungssituation vieler Unternehmen einer nachhaltigen Erholung ab diesem Herbst vorerst einen Strich durch die Rechnung machen könnte.
Auch Hüther vom IW hält in der Finanzbranche weiter Aufräumarbeiten für nötig. Über ein Jahr nach der Pleite gilt es nun, den Bankensektor langfristig krisenfester zu machen. Dabei richten sich alle Augen auf den Weltfinanzgipfel Ende September im US-amerikanischen Pittsburgh. Aber auch in der Industrie ist der Schock noch lange nicht komplett verdaut - die Firmen müssen sich etwa damit abfinden, auch in Zukunft angeblich gesicherten Informationen und Markteinschätzungen - beispielsweise von Ratingagenturen - zu misstrauen. "Die Unternehmen kennen nun die Gefahren überhitzter Märkte und äußerst harter Korrekturen", sagt Treier vom DIHK.