Wirtschaft
Ein Mann vor einem Wahlplakat der konservativen kroatischen HDZ. Am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt.
Ein Mann vor einem Wahlplakat der konservativen kroatischen HDZ. Am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt.(Foto: picture alliance / dpa)

Zwei Jahre nach EU-Beitritt: Kroatien ist noch lange nicht angekommen

Nationalisten oder Sozialdemokraten – am Sonntag haben die Kroaten die Wahl. Vier Jahre lang war eine sozialliberale Koalition unter der Führung von Regierungschef Zoran Milanovic an der Macht. Jetzt ist eine Ablösung durch die patriotische Koalition des HDZ-Präsidenten Tomislav Karamarko möglich. Was die Bürger mehr als alles andere bewegt, ist die schwierige wirtschaftliche Lage. Daran hat der EU-Beitritt vor gut zwei Jahren nichts geändert. Die Produktion liegt darnieder, die Jugend wandert aus. Seit 2008 stagniert die Wirtschaft, und erst seit Jahresbeginn wird ein zaghaftes Wachstum verzeichnet. Das ändert aber vorerst noch nichts an der hohen Arbeitslosenquote von etwa 15 Prozent. Kroatien hat noch viel Arbeit vor sich, sagt Artur Bris, Direktor an der Schweizer Elite-Uni International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Im Gespräch mit n-tv.de liefert er einige Vorschläge, wie das Land den Anschluss finden könnte. Die Zurückhaltung der Regierung in Zagreb beim Flüchtlingsthema hält er für berechtigt.

n-tv.de: Kroatien ist das jüngste EU-Mitglied. Welche Bilanz kann man nach zwei Jahren ziehen? Hat Kroatien vom EU-Beitritt profitiert?

Auch im Talent Report 2015 gehört Kroatien zu den letzten Heulern Europas.
Auch im Talent Report 2015 gehört Kroatien zu den letzten Heulern Europas.

Arturo Bris: In Kürze veröffentlicht das IMD eine neue Studie, den Talent Report 2015. Darin bewerten wir, wie attraktiv ein Land für den europäischen Top-Nachwuchs ist, wie viel für junge Talente getan wird. Da zeigt sich: Kroatien hat noch viel Luft nach oben. In dem Ranking schneidet das Land neben Bulgarien mit am schlechtesten ab. Die beiden Staaten sind die am wenigsten konkurrenzfähigen Länder Europas. Sie stehen sogar noch schlechter da, als Griechenland. Für Kroatien hat sich seit 2013 nichts geändert.

Was heißt das?

Kroatien leidet unter einer zügellosen Korruption. Die Unternehmensführung und deren Aufsicht sind so schlecht wie fast nirgendwo sonst in der Welt. Nur Slowenien schneidet noch schlechter ab. Manager haben zudem eine extrem negative Einstellung zur politischen Führung. Es fehlt an Vertrauen. Um wirklich aus der EU-Mitgliedschaft einen Nutzen zu ziehen, müsste Kroatien diese Probleme angehen. Ich würde deshalb aber nicht sagen, dass das Land gar nicht von der EU profitiert hätte. Aber Reformen brauchen Zeit.

Brüssel hat Kroatien bereits mehrfach ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Am Sonntag wählen die Kroaten. Was sollte die neue Regierung besser machen?

Ich würde der neuen Regierung raten, ihren Einfluss auf den öffentlichen Sektor zu reduzieren. Insbesondere Beteiligungen an Unternehmen müssten zurückgefahren werden. Kroatien und Slowenien sind die einzigen Länder Europas, wo Regierungen noch Gesellschaften kontrollieren. Es lassen sich aber auch noch andere, schnelle Veränderungen herbeiführen: Zum Beispiel durch Gesetze, die den Wettbewerb fördern, die Korruption bekämpfen und kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu Kapital erleichtern.

Arturo Bris, Direktor am International Institute for Management Development in Lausanne.
Arturo Bris, Direktor am International Institute for Management Development in Lausanne.

Das Defizitverfahren der EU-Kommission, das seit Jahren läuft, ist kein Thema im Wahlkampf. Ist Wirtschaft überhaupt ein Thema für die Parteien?

Kaum. Das ist typisch europäisch. Wir widmen uns eher sozialen Fragen als wirtschaftlichen Überlegungen.

Ein großes Thema in der EU sind die Flüchtlinge. Wie steht Kroatien dazu?

Einwanderung kann grundsätzlich sehr positive Effekte haben, weil sie hilft, Nachwuchs, neue Talente für ein Land zu rekrutieren. In Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit ist es aber sehr wichtig, solche Talente zu finden, die im Land gebraucht werden. So sind beispielsweise für die Schweizer Wirtschaft Bankkaufleute und Ingenieure wichtig. Auch Kroatien muss gezielt solche Talente ins Land holen, die die Wirtschaft braucht. Kleine Länder haben dabei das Problem, dass sie für qualifizierte Einwanderer weniger attraktiv sind. Die Sorgen über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise sind also durchaus berechtigt.

Wo sehen Sie die Stärken des Landes?

Für Kroatien gilt, was fast überall im ehemaligen Ostblock gilt: Die Stärke liegt in der Infrastruktur, insbesondere im Gesundheits- und Bildungssektor.

Wo sehen Sie Kroatien in zehn Jahren?

Reformen brauchen Zeit. Bis sie greifen, vergeht eine Generation. Deshalb sehe ich in zehn Jahren nur eine leichte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Längerfristig sieht es besser aus. Kroatien als Euroland, das mit den europäischen Institutionen zusammenarbeitet, hat außergewöhnlich viel Potenzial. Vorausgesetzt, das Land stellt jetzt die richtigen Weichen.

Mit Arturo Bris sprach Diana Dittmer

Übersetzung aus dem Englischen von Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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