Wirtschaft
Verantwortlich für das Handeln ihre Mitarbeiter: Bob Diamond (l.) und Verwaltungsratschef Marcus Agius (r.).
Verantwortlich für das Handeln ihre Mitarbeiter: Bob Diamond (l.) und Verwaltungsratschef Marcus Agius (r.).(Foto: REUTERS)

Paukenschlag im Libor-Skandal: Barclays-Chef tritt zurück

Die Affäre um manipulierte Zins-Angaben kostet einem weiteren Londoner Spitzenbanker den Posten: Nach tagelanger Kritik muss Barclays-Chef Bob Diamond nun doch seinen Hut nehmen. Wie zuvor sein Vorgesetzter stolpert er über Libor-Tricksereien in seinem Haus. Unter Hochdruck sucht die Großbank nun einen neuen Chef.

"Externer Druck": Diamond galt selbst unter Londons Bankern als nicht unumstritten (Archivbild).
"Externer Druck": Diamond galt selbst unter Londons Bankern als nicht unumstritten (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Nach dem Verwaltungsratschef hat im jüngsten Finanzskandal Großbritanniens nun auch der Vorstandschef der britischen Großbank Barclays, Bob Diamond, seinen Posten aufgegeben. Diamond trete mit sofortiger Wirkung zurück, teilte das Unternehmen mit. Der Bankchef begründete diesen Schritt mit dem "externen Druck" auf Barclays. Der Bank wird vorgeworfen, den Interbanken-Zinssatz manipuliert zu haben.

Diamond stand in diesem Zusammengang im Kreuzfeuer der Kritik. Die britische Regierung begrüßte seinen Rücktritt umgehend. Finanzminister George Osborne sagte, dies sei eine richtige Entscheidung für Barclays.

Mit seinem Abtritt zog Diamond die Konsequenzen aus dem Skandal um die eingestandenen Manipulationen von Barclays-Mitarbeitern am Interbanken-Zinssatz Libor. Ungeklärt ist bislang, ob die Tricksereien an dem marktbewegenden Zins-Barometer auf Anweisung oder mit duldender Kenntnis der Bank-Spitze erfolgten. Barclays bestreitet das. Diamond verwies bislang stets auf irreguläres Verhalten von einzelnen Mitarbeitern.

Der Druck auf Barclays habe ein Niveau erreicht, das die Zukunft des Unternehmens bedrohe, sagte Diamond laut Mitteilung der Bank. "Das durfte ich nicht geschehen lassen." Ein Nachfolger steht noch nicht fest. Die Aufklärung der Hintergründe im Libor-Skandal steht damit womöglich vor einem schweren Rückschlag: Diamond sollte den Abgeordneten des britischen Unterhauses Mitte der Woche Rede und Antwort stehen und erklären, welche Kenntnisse er von den Praktiken im eigenen Hause hatte.

Im Geschäftsbetrieb der britischen Großbank Barclays ergibt sich aus Diamonds Rücktritt eine pikante Situation: Die Suche nach einem Nachfolger verantwortet bis auf Weiteres noch Verwaltungsratschef Bei Barclays rollt erster Kopf , der am Vortag ebenfalls seinen Rückzug angekündigt hatte. Sein Abschied ist jetzt zumindest so lange aufgeschoben, bis er einen Nachfolger für Diamond gefunden hat. Solange leitet Agius auch die operativen Geschäfte der Bank.

Mit seinem Rücktritt wollte Verwaltungsratschef Agius eigenen Angaben zufolge die volle Verantwortung für den Libor-Skandal übernehmen. Dieser Plan, die Bank vor weiteren personellen Konsequenzen zu bewahren, ist nun offensichtlich gescheitert.

Der Skandal um Zinsmanipulationen zieht mit dem Diamond-Rücktritt immer weitere Kreise. Barclays war vergangene Woche zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert worden, weil es die ermittelnden Behörden in Großbritannien und den USA als erwiesen ansahen, dass das Institut Marktzinsen manipuliert hat. Die Bank hat als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt. An der Börse ging anschließend die Angst um, dass sich der Skandal ausweiten könnte.

Großbanken in der Vertrauenskrise

Die Hintergründe des Skandals bergen zudem erhebliche politische Sprengkraft. Beobachtern zufolge könnte sich das Klima des Misstrauens gegenüber Großbanken selbst am traditionell sehr bankenfreundlichen Finanzstandort London weiter eintrüben. Befürworter einer verschärften Regulierung erhalten durch den Skandal neue, schwergewichtige Argumente.

Aufgedeckt wurde der Skandal durch Ermittlungsbehörden in Großbritannien und den USA. Sie gingen dem Verdacht nach, dass Banker Zinssätze, zu denen sich die Institute untereinander Geld leihen, unerlaubt beeinflusst haben. Der britische Interbanken-Zins Libor und der Euro-Zins Euribor sind für internationale Bankengeschäfte von enormer Bedeutung. Im Kern geht es jeweils um den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Errechnet wird dieses Niveau durch Umfrage unter ausgewählten Großbanken.

Milliardentricks auf Kosten der Kunden?

In den seit Monaten laufenden Untersuchungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank und die UBS, geht es um gigantische Summen. Der täglich in London fixierte Libor-Satz dient als Referenz für Kredite von Privatleuten und Unternehmen, Derivate sowie andere Finanzprodukte im Gesamtvolumen von 360 Billionen Dollar. Er basiert auf den Daten mehrerer Großbanken, die diese täglich abliefern.

Die britische Finanzaufsicht FSA war zu dem Schluss gekommen, dass die Verfehlungen zumindest bei Barclays "ernst und großflächig" gewesen seien. Eine Manipulation des Interbankensatzes kann durchaus auch das Niveau von Kundenkrediten künstlich erhöhen. Um die Ermittlungen der Aufseher zu beenden, hatte Barclays vergangene Woche in die millionenschweren Strafzahlungen eingewilligt - und damit nach Marktauffassung indirekt die Verfehlungen im eigenen Haus eingestanden.

An der Londoner Börse reagierte der Kurs der Barclays-Aktien zunächst mit deutlichen Abschlägen auf den Diamond-Rücktritt: Barclays-Aktien fielen kurzzeitig mehr als drei Prozent ins Minus, drehten dann aber ins Plus und lagen im frühen Geschäft zeitweise rund zwei Prozent höher.

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Quelle: n-tv.de

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