Wirtschaft
Bahn-Chaos in Deutschland: Finden GDL und Bahn einen Weg in die Schlichtung?
Bahn-Chaos in Deutschland: Finden GDL und Bahn einen Weg in die Schlichtung?(Foto: REUTERS)

"Jeder Streiktag ist einer zu viel": Lokführer wollen weiter streiken

Der große Bahnstreik geht in seinen zweiten Tag: GDL-Chef Weselsky bekräftigt die Bereitschaft der Lokführer, an ihren Plänen für einen unbefristeten Arbeitskampf festzuhalten. In der Streikkasse der Gewerkschaft sei mehr Geld, als die Bahn sich das wünsche.

Im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn beharrt die Lokführergewerkschaft GDL auf ihrem Recht, eigene Tarifverträge für ihre Mitglieder abzuschließen. Wenn die Tarifautonomie für die Einzelgewerkschaft gesichert sei, könne es ein Schlichtungsverfahren über die Streitpunkte wie den prozentualen Lohnzuwachs und die Arbeitszeitenregelung geben, sagte GdL-Chef Claus Weselsky der "Bild"-Zeitung.

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Weselsky mahnte die Arbeitgeberseite zu einer raschen Einigung - "denn jeder Streiktag ohne Lösung ist einer zu viel". Durch ihren Kurs im Tarifstreit habe die Bahn 400 Millionen Euro "verbrannt", erklärte der GDL-Chef. Dieses Geld fehle nun bei Instandhaltung von Schienen, Brücken und Straßen.

Zieht die EVG nach?

Trotz der wirtschaftlichen Folgen und der enormen Auswirkungen auf Unternehmen und private Bahnkunden halten die Lokführer an der Streikschiene fest: Seine Gewerkschaft könne den Arbeitskampf weiterführen, betonte Weselsky. In der Streikkasse der GDL sei mehr Geld "als das Management der Deutschen Bahn und die Reisenden sich wünschen", sagte er.

Für die Deutsche Bahn und ihre streikgeplagten Kunden stehen an diesem Donnerstag wichtige Entscheidungen an: Gelingt mit der GDL doch noch der Einstieg in eine Schlichtung, könnte der flächendeckende Streik der Lokführer innerhalb eines Tages gestoppt werden, heißt es. Gleichzeitig stehen "finale Verhandlungen" der Bahn mit der größeren Gewerkschaft EVG an, die ebenfalls mit Streik droht, falls sie mit ihren Vorstellungen nicht durchdringt.

Geheimgespräche in Frankfurt

400 Millionen Euro verbrannt? GDL-Chef Claus Weselsky spricht über die Streikkosten (Archivbild).
400 Millionen Euro verbrannt? GDL-Chef Claus Weselsky spricht über die Streikkosten (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Schon seit Dienstag beraten Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber und GDL-Chef Weselsky unter Mithilfe des früheren Bundesarbeitsrichters Klaus Bepler, über Wege in die Schlichtung. Bis in die Nacht saßen sie in Frankfurt zusammen, wie ein Bahnsprecher am frühen Donnerstagmorgen sagte. Beide Seiten vereinbarten Stillschweigen über den Stand der Gespräche.

Für zusätzlichen Druck sorgt die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die an diesem Donnerstag mit der Bahn in Berlin einen Tarifabschluss erreichen will. Anderenfalls droht auch sie mit einem Arbeitskampf. Die Bahn werde noch einmal nachlegen müssen, erklärte EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. "Die angebotenen 4,7 Prozent sind uns zu wenig, die vorgeschlagene Laufzeit von 29 Monaten ist zu lang."

4,7 Prozent mehr sind zu wenig

"Wir werden streiken müssen, wenn wir am Donnerstag nicht zu einem Ergebnis kommen", sagte EVG-Chef Alexander Kirchner der "Passauer Neuen Presse". "Die Kolleginnen und Kollegen wollen jetzt ein Ergebnis." Kirchner bekräftigte, dass er eine Einigung am Verhandlungstisch anstrebe. "Wenn das nicht machbar ist, werden auch wir in den Arbeitskampf gehen", fügte der Gewerkschaftschef hinzu.

Streik-Infos der Bahn

Die Deutsche Bahn hat für die Dauer des unbefristeten GDL-Streiks ein "stabiles Angebot" im Form eines "Ersatzfahrplans" angekündigt.

Bahnreisende können sich unter der kostenlosen Servicenummer 08000 99 66 33 oder per Live-Auskunft im Internet über bestehende Verbindungen informieren. Weitere Informationen finden Bahnkunden hier.

Die angebotenen 4,7 Prozent mehr Lohn seien "weit von dem entfernt, was für uns akzeptabel wäre". Die EVG wolle für die unteren Einkommensgruppen eine soziale Komponente von mindestens 150 Euro mehr haben, die Bahn habe aber lediglich 75 Euro angeboten. "Bei diesem Betrag fühlen sich viele Kolleginnen und Kollegen verschaukelt", sagte Kirchner.

EVG-Chef kritisiert GDL

Zugleich kritisierte der EVG-Chef die konkurrierende Lokführergewerkschaft GDL, die derzeit erneut den Güter- und Personenverkehr der Bahn bestreikt. "Es ist nicht vertretbar, für ein und dieselbe Beschäftigtengruppe unterschiedliche Tarife zu vereinbaren", sagte Kirchner. Er betonte, dass die EVG die Mehrheit der Bahn-Beschäftigten repräsentiere.

"Gerade streiken 1000 Lokführer und mehr als 100.000 Kolleginnen und Kollegen arbeiten", kritisierte Kirchner. Die Belegschaft könne nicht endlos auf die GDL warten. "Wenn 1,5 Prozent der Belegschaft mit ihrem Streik verhindern, dass die anderen mehr Geld bekommen, ist das nicht hinnehmbar."

Die GDL beharrt dagegen auf ihrem Recht, eigene Tarifverträge für ihre Mitglieder abzuschließen. Anders als die GDL hat die EVG in dieser Tarifrunde noch kein einziges Mal zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Die beiden Gewerkschaften hatten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können.

Notfahrplan über Pfingsten

Wer auf den Schienenverkehr angewiesen ist, muss sich bis auf Weiteres auf einen anhaltenden Ausnahmenzustand im deutschen Eisenbahnverkehr einstellen: Wie in den vorangegangenen Streikrunden hat die Bahn Ersatzfahrpläne aufgestellt. Dem Unternehmen zufolge rollte im Fernverkehr etwa ein Drittel der sonst üblichen Züge. Im Regionalverkehr würden je nach Bundesland 15 bis 60 Prozent des üblichen Verkehrs angeboten. Auch über das Pfingstwochenende werde stabil nach Ersatzfahrplan gefahren, kündigte die Bahn an.

Die Lokführer hatten in der Nacht zum Mittwoch ihren mittlerweile neunten Streik seit September auf die Personenzügen ausgedehnt. Seit Dienstag wird bereits der Güterverkehr bestreikt, ohne dass die GDL bislang ein Ende genannt hätte. Zu Beginn des langen Wochenendes drohen nicht nur wegen des Bahnstreiks hohe Preise für Mietwagen, volle Fernbusse und Rekord-Staus auf den Straßen.

Quelle: n-tv.de

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