Wirtschaft
MAN: Börsenaus droht und das Ende eines Traditionsunternehmens.
MAN: Börsenaus droht und das Ende eines Traditionsunternehmens.(Foto: picture alliance / dpa)

Was bleibt, sind nur drei Buchstaben: MAN-Anleger rechnen mit VW ab

Eine 255-jährige Unternehmensgeschichte geht ihrem Ende entgegen. Einem Ende mit Schrecken, so sehen es zumindest die Aktionäre des Lkw-Herstellers MAN. Mit der Bestätigung des Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrags mit der Konzernmutter Volkswagen wird MAN endgültig zum festen Bestandteil des Wolfsburger Auto-Imperiums.

MAN verabschiedet sich in schwierigen Zeiten nach 255 Jahren aus der Selbstständigkeit. Der traditionsreiche Konzern hat wie die Konkurrenz heftig mit der Krise auf den europäischen Nutzfahrzeugmärkten zu kämpfen. Auch die Maschinenbausparte der VW-Tochter etwa bekommt die Flaute in der Frachtschifffahrt in ihrem Dieselmotorengeschäft zu spüren. Doch das Geschäft interessierte auf der Hauptversammlung kaum.

Denn mit der Bestätigung des mit VW geschlossenen Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrags verliert MAN seine Eigenständigkeit und unterstellt sich Volkswagen komplett. Im Gegenzug sind die Wolfsburger verpflichtet, den übrigen Aktionären eine Abfindung für jede Aktie anzubieten - deren Höhe von Gutachtern festgestellt wurde. Vielen Aktionären ist die zu niedrig. Ohne Widerstand wird die Sache nicht abgehen, Aktionärsanwälte deuteten rechtliche Schritte an.

Piëch erwartet Gerichtsverfahren

MAN- und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch stellt sich schon mal auf einen juristischen Streit ein. "Wir werden uns noch länger vor Gericht sehen", sagte der 76-Jährige in Richtung der Aktionäre, die Dutzende Fragen gestellt hatten. Später kritisierten sie, Antworten als falsch oder unvollständig - ein Schritt der eine Anfechtungsklage gegen die Hauptversammlung möglichen machen könnte. Erst nach einer mehr als zehnstündigen Marathonsitzung konnte die Abstimmung schließlich über die Bühne gebracht werden.

Streitthema Abfindung

"Der Vertrag bedeutet für MAN das Ende der Unabhängigkeit", damit könne VW nun "durchregieren", sagt Christoph Niesel, Portfoliomanager bei Union Investment. Das Ende einer Ära, wie Aktionärsvertreterin Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) resümiert.

Auch wenn die Abstimmung der Aktionäre praktisch folgenlos bleibt, nutzen sie ihre Gelegenheit für harsche Kritik am VW-Management. Vor allem ein Thema beschäftigt die Anteilseigner seit Wochen: Die Abfindung.

"Die Höhe der Abfindung hat verständlichen Unmut ausgelöst", sagte Daniela Berdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Sie klinge wie Hohn in den Ohren der Aktionäre. Denn Aktionäre sollen pro Stamm- und Vorzugsaktie von Volkswagen 80,89 Euro erhalten, was unter dem derzeitigen Börsenkurs von 84,42 Euro liegt. "Wir erleben es nicht zum ersten Mal, dass ein Unternehmen dann, wenn es um die Bewertung der Anteile ausscheidender Aktionäre geht, urplötzlich schlechte Zahlen veröffentlicht", sagte sie.

Damit spielte sie auf die schwachen operativen Ergebnisse der Münchner an, die vor wenigen Tagen bereits zum zweiten Mal im laufenden Jahr ihre Prognose kappen mussten. Rückstellungen im dreistelligen Millionenbereich, ein schwächeres wirtschaftliches Umfeld als zu Beginn des Jahres erwartet und steuerliche Neubewertungen belasteten den Gewinn.

"Angemessen" ist anders

Im ersten Quartal hätten sich "noch einmal dunklere Wolken zusammengezogen". Die derzeitige Situation sei alles andere als komfortabel, sagte Pachta-Reyhofen.

Deshalb sei die angebotene Ausgleichszahlung "angemessen", versuchte der Manager die Aktionäre zu beruhigen. Denn seit dem Pflichtangebot von Volkswagen im Jahr 2011 hätten sich die gesamtwirtschaftlichen und unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen deutlich geändert. Damals zahlte Volkswagen pro Stammaktie 95 Euro.

Das sieht Portfoliomanager Niesel anders. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich seit 2011 für MAN nicht grundlegend geändert. Vielmehr stellten beispielsweise die steuerlichen Neubewertungen eine Art Vorabprüfung für Integration in den VW-Konzern dar. Es sollen keine plötzlichen Altlasten aus der Vergangenheit auftauchen. "Die derzeitige schwache operative Entwicklung ist allein unter diesem Aspekt zu sehen", glaubt Niesel.

Vor allem das Bewertungsgutachten, das als Grundlage zur Berechnung der Abfindung erstellt wurde, wurde während der Hauptversammlung mehrfach hinterfragt. Zig Wirtschaftsanwälte, die im Namen von Aktionären vor Ort waren, stellten jedes kleine Detail in Frage und bombardierten Vorstand und Aufsichtsrat mit ganzen Fragenkatalogen.

Viele offene Fragen

Doch fernab der juristischen und finanziellen Fragen stand vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie geht es mit dem Traditionsunternehmen mit 255-jähriger Unternehmensgeschichte im großen Volkswagen-Konzern weiter? Denn auch wenn sich die Aktionäre aufbäumen und juristische Schritte eingeleitet haben, über kurz oder lang wird sich VW den Münchner Konzern einverleiben.

  "Wie wird die weitere Führung, wie wird die Konzernstruktur aussehen", fragte Aktionärsvertreterin Bergdolt. Und an Aufsichtsratschef Ferdinand Piech gerichtet: "Was haben Sie mit der MAN vor?" Denn Patriarch Piech führt in Personalunion sowohl das Aufsichtsgremium von Volkswagen als auch von MAN, was im Zuge der Übernahme immer wieder für Kritik gesorgt hatte. "Ein Aufsichtsrat sollte Aufsicht führen und dem Vorstand als Ratgeber und nicht als Bestimmer zur Seite stehen", wetterte auch ein erboster Kleinaktionär.

Vorstandschef Pachta-Reyhofen beruhigte in seiner Rede, der Vertrag mit VW besiegle weder das Ende von MAN, noch sei das Unternehmen nun komplett fremdbestimmt. Auch werde in Zukunft nicht nur der Markenname übrigbleiben. "Durch die Bündelung unserer Kräfte haben wir jetzt aber die Chance, in einem immer wettbewerbsintensiveren und zugleich ökonomisch schwierigen Umfeld nicht nur zu bestehen, sondern erfolgreich an der Spitze mitzufahren", sagte er.

Wie genau es weitergehen soll, darüber schweigt sich VW derzeit allerdings noch aus. Synergien im Einkauf und auch in der Entwicklung sollen gehoben werden, mehr steht nicht fest.

Synergien in Millionenhöhe

An der Allianz hatte Volkswagen-Patriarch Piech über Jahre gebastelt. Zukünftig will man im Verbund mit Scania und Volkswagens Nutzfahrzeugsparte Wettbewerber wie Volvo und den weltgrößten Lkw-Hersteller Daimler angreifen. Synergien von 200 Mio. Euro sollen vor allem in der Beschaffung gehoben werden. Piech verspricht, wenn die Kooperation erst einmal richtig ins Rollen kommt, sogar Synergien in Milliarden-Höhe. Dafür wurde innerhalb des VW-Konzerns im vergangenen Jahr eigens ein Lkw-Vorstandsressort geschaffen - das von Scania-Chef Leif Östling geführt wird.

Christoph Domke, Analyst bei IHS Automotive, sieht beispielsweise eine Zusammenarbeit bei einer von MAN geplanten leichten Nutzfahrzeug-Baureihe zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen. Denn in diesem Segment sei MAN bis jetzt noch nicht vetreten, dieses erfahre aber steigenden weltweiten Bedarf.

Auch wenn aber konkrete Projekte noch nichts öffentlich bekannt sind, glauben Branchenexperten, dass MAN in der Nutzfahrzeug-Troika wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen wird. Aus Wolfsburg sei zwar immer wieder das Signal gekommen, dass die jeweiligen Marken MAN und Scania eigenständig bestehen bleiben sollen, "trotzdem wird das MAN-Management wohl keine große Rolle mehr spielen", sagt Portfoliomanager Niesel. Zukünftig werde hauptsächlich das Scania-Management das Sagen haben. "MAN wird von einem faktischen in einen Vertragskonzern übergeführt", glaubt auch ein weiterer Kleinaktionär.

Wird MAN von der Börse genommen?

Immer wieder war im Vorfeld der Hauptversammlung in Branchenkreisen auch über die Möglichkeit eines sogenannten Squeeze-Out gesprochen worden. Danach könnte Volkswagen, sofern der Konzern mindestens 95 Prozent der Stimmrechte besitzt, die Restaktionäre zwangsweise aus der Gesellschaft herauskaufen. VW und MAN hätten diverse Alternativen, auch einen Squeeze Out geprüft. Die Alternativen seien entweder rechtlich nicht durchsetzbar gewesen oder hätten die erwünschten Ziele nicht erreichen können. Das überzeugte Aktionärsschützerin Bergdolt nicht. "Noch bleibt MAN an der Börse notiert, warten wir ab, wie es weiter geht."

"Ich denke, dass MAN von der Börse genommen wird", glaubt Portfoliomanager Niesel. Aus Volkswagen-Sicht hätte der einige Vorteile. Dann wäre es für VW möglich, MAN von der Börse zu nehmen. Teure Hauptversammlungen wären dann nicht mehr nötig und mit renitenten Aktionären müsste sich der Konzern auch nicht mehr herumschlagen. Diesen Eindruck halte wohl auch ein Kleinaktionär gewonnen, als er auf dem Podium das Publikum zur Hauptversammlung von VW begrüßte.

Quelle: n-tv.de

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