Wirtschaft
Muss Tegel Berlin vorm Chaos retten?
Muss Tegel Berlin vorm Chaos retten?(Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe)
Sonntag, 16. Juli 2017

Berliner Flughafen-Chaos: Macht das BER-Drama Tegel unentbehrlich?

Von Diana Dittmer

Berlin steuert auf einen Kollaps im Flugverkehr zu. Ein Weiterbetrieb des Airports Tegel kommt offiziell nicht in Frage. Ohne ihn drohen aber Kapazitätslücken, denn der Hauptstadtflughafen BER wird zu klein. Die politischen Fronten sind verhärtet.

Auch mit dem neuen Hauptstadtflughafen BER ist der Berliner Luftverkehrskollaps programmiert. Daran ist wohl nicht zu rütteln. Die geplanten Passagier-Kapazitäten werden bald nicht mehr ausreichen, heißt es in einem Schreiben der Berliner Flughafengesellschaft FBB an den Aufsichtsrat, das der "Bild am Sonntag" vorliegt.  

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"Durch das schnelle Wachstum wird es immer schwieriger, die notwendigen Kapazitäten zur Verfügung zu stellen", zitiert die BamS aus der Vorlage. Die Flughafengesellschaft rechne 2024 mit 41 Millionen Passagieren - sieben Millionen mehr als heute. Selbst wenn die Kapazitäten erweitert würden, reichten sie nach jetzigem Stand nur für 33 Millionen Passagiere. Damit würde immer noch eine Lücke von acht Millionen klaffen.

Die Zahlen kommen nicht überraschend. Sie bestätigen auch die jüngsten Äußerungen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, der mittlerweile voll und ganz für den Tegeler Airport als Zweitflughafen entbrannt ist. Vergangene Woche monierte der CSU-Politiker die Tatenlosigkeit angesichts der absehbaren Engpässe: "Der BER bekommt ein Kapazitätsproblem. Das muss man bewerten, wenn man eine leistungsfähige Anbindung Berlins an die Welt will", forderte er.

"Hauptstädte mit mehr als einem Flughafen sind keine Seltenheit. Darüber nachzudenken ist auch für Berlin sinnvoll", präsentierte Dobrindt gleichzeitig die Lösung. Die 20 Jahre alten Beschlüsse zu BER und Tegel zeigten die damaligen Fehleinschätzungen für das Luftverkehrswachstum in Berlin: "Wir müssen uns den aktuellen Realitäten und Wachstumszahlen stellen." Offiziell ist der Weiterbetrieb des am Rande des Zusammenbruchs manövrierenden Tegeler Flughafens jedoch ein Tabuthema. Tegel soll sechs Monate nach der BER-Eröffnung runtergefahren werden. So wurde es beschlossen.

Müller: "Lustig finde ich das nicht"

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller ist deshalb über solche Äußerungen auch alles andere als erfreut. Erst jüngst stellte er wieder klar, den Bürgern, "die vom Fluglärm, von Abgasen und der Gefahr eines Absturzes direkt über dem Stadtgebiet betroffen sind", sein Wort gegeben zu haben. Der Senat argumentiert außerdem, Tegel könne gar nicht einfach so weiterbetrieben werden wie bisher.

Eine alternative Antwort auf die Berliner Flughafenmisere hat der SPD-Politiker aber auch nicht parat. Dabei wird der Druck immer großer. Müller stellt sich bereits darauf ein, dass der Hauptstadtflughafen erst Anfang 2019 eröffnet werden könnte. Die zögerlichen Fortschritte beim verkorksten Mammutprojekts BER versucht er stoisch hinzunehmen.

"Wenn mir jetzt von den Verantwortlichen gesagt wird, es kann Ende 2018 oder Anfang 2019 sein, muss ich das akzeptieren und sehen, wo Dinge noch beschleunigt und optimiert werden können", sagte Müller dem "Tagesspiegel". "Glauben Sie mir, lustig finde ich das nicht", betonte er in einem gemeinsamen Interview mit seinem brandenburgischen SPD-Amtskollegen Dietmar Woidke.

Im Interview betonten beide Länderchefs, sie wollten trotz der anhaltenden Probleme beim Brandschutz und der ansteigenden Kosten den BER auf jeden Fall zu Ende bauen. "Wir reden schließlich nicht über eine Mondlandung, sondern über die Eröffnung eines Flughafens", sagte Woidke. Zur umstrittenen Frage, ob man angesichts der absehbaren Kapazitätsprobleme am BER den Berliner Flughafen Tegel doch offen halten sollte, sagten beide SPD-Politiker, Tegel müsse schließen.

Tegel, BER und ein Kompromiss

Der Stein, den Verkehrsminister Dobrindt in Wasser geworfen hat, scheint angesichts mangelnder Alternativen jedoch weiter Wellen zu schlagen. 70 Prozent der Berliner sind laut Umfragen bereits für den Weiterbetrieb Tegels.

Eine vollständige Sanierung des Flughafens Tegels würde rund eine Milliarde Euro Kosten, rund 400 Millionen Euro wären für neuen Schallschutz fällig. Der BER, von dem immer noch kein einziger Flieger abheben oder landen kann, kostet monatlich ein Zehntel davon: 41 Millionen Euro. Insgesamt wird der BER voraussichtlich 6,5 Milliarden Euro kosten, 3,3 Milliarden mehr als 2012 veranschlagt.

Im Streit um den Weiterbetrieb von Tegel hatte Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa erst kürzlich einen Kompromiss ins Gespräch gebracht: Nur das Terminal C könnte offengehalten werden. "Es geht um pragmatische Lösungen der offensichtlichen Probleme", sagte Faulenbach. Pragmatisch ist das Stichwort.

Quelle: n-tv.de

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