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Ein Logo aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: Die Quelle-Milliarden haben sich in Luft aufgelöst.
Ein Logo aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: Die Quelle-Milliarden haben sich in Luft aufgelöst.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die arme Ex-Milliardärin: Madeleine Schickedanz wird 70

Einst zählte sie zu den reichsten Frauen Deutschlands. Heute kämpft Madeleine Schickedanz um die Reste ihres Vermögens. Mitten im laufenden Rechtsstreit feiert die Quelle-Erbin Geburtstag. Aufgeben will sie nicht.

Erbin westdeutscher Wirtschaftsgeschichte: Madeleine Schickedanz.
Erbin westdeutscher Wirtschaftsgeschichte: Madeleine Schickedanz.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist ihr tiefer Sturz, der das Leben und das Schicksal von Madeleine Schickedanz aus den Tiefen der Klatschspalten hervorhebt: Ihr Vater, der Quelle-Gründer Gustav Schickedanz, hinterließ seiner Tochter ein Milliardenvermögen und ermöglichte ihr ein sorgenfreies Leben in Luxus. Lange galt die öffentlichkeitsscheue Quelle-Erbin als eine der reichsten Frauen Deutschlands. Doch nach der Quelle-Pleite zerrinnt der glücklosen Tochter das Geld zwischen den Fingern.

Am kommenden Sonntag kann die gebürtige Nürnbergerin einen runden Geburtstag begehen: Madeleine Schickedanz wird 70 - und blickt dabei auf ein bewegtes Leben zurück. Die Gegenwart ist nicht minder aufregend. Denn das Jubiläum fällt mitten in einen zähen Rechtsstreit, dessen Ende und Ergebnis noch nicht abzusehen sind. In einem der größten Schadenersatzprozesse der deutschen Justizgeschichte versucht Madeleine Schickedanz, einen Teil ihres verloren gegangenen Vermögens zurückzugewinnen. Der Streitwert liegt bei 1,9 Milliarden Euro.

Rückblick, 20. Oktober 1943: In Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Madeleine Schickedanz kommt im Luftschutzbunker der Nürnberger Frauenklinik zur Welt. Sie ist die einzige Tochter des legendären Versandhauskönigs aus seiner zweiten Ehe mit der unternehmerisch begabten Grete Schickedanz.

Die 1950er und -60er Jahre sind für Quelle goldene Zeiten: Anfangs unter der Führung von Grete Schickedanz entwickelt sich das visionäre Konzept eines Versandhandels von Kleidung und Haushaltswaren aller Art zu einem Erfolgsmodell der jungen Bundesrepublik. Das Unternehmen wächst. Die Eltern von Madeleine Schickedanz führen ein Leben, wie es "Normalbürger" nur aus Kinofilmen und bunten Illustrierten kennen: Gustav und Grete Schickedanz sind Mitglied des internationalen Jetset und nehmen rege am gesellschaftlichen Leben teil. In ihren Villen im Nobel-Skiort St. Moritz und in Spanien sowie einem herrschaftlichen Anwesen im fränkischen Hersbruck gehen Wirtschaftsgrößen, Stars und Prominente ein und aus.

Der Fürther Versandhauskönig und seine zweite Frau Grete: Gustav Schickedanz (1895 - 1977).
Der Fürther Versandhauskönig und seine zweite Frau Grete: Gustav Schickedanz (1895 - 1977).(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die stille Tochter hält sich im Hintergrund. Ein Wirtschaftstudium bricht sie nach wenigen Semestern ab. Ganz anders als ihre Mutter scheut Madeleine Schickedanz den Kontakt mit der Öffentlichkeit. Eine aktive Rolle spielt sie im Unternehmen nicht. Gewichtige Entscheidungen überlässt sie ihren jeweiligen Ehemännern, die zeitweise sogar für sie im Aufsichtsrat sitzen. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" zählte Madeleine Schickedanz noch 2007 zu den reichsten Deutschen. Mit einem geschätzten Vermögen von knapp 3,9 Milliarden Euro rangierte sie demnach auf Platz 16 der Superreichen.

Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Weichen schon gestellt für das folgende Drama. Denn Madeleine Schickedanz hatte den größten Teil ihres Vermögens in den Handelsriesen KarstadtQuelle und dem daraus hervorgegangenen Arcandor-Konzern investiert. Den Kauf weiterer Anteilsscheine finanziert sie teilweise sogar mit Krediten. Als das Unternehmen 2009 in die Pleite schlittert, verliert sie Milliarden.

Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wird später der "Bild"-Zeitung sagen: "Ich habe Frau Schickedanz dringend geraten, ihre Risiken durch einen Verkauf zu senken." Schickedanz hält dagegen, ihre Berater, darunter auch Vermögensverwalter Josef Esch, hätten sie als Großaktionärin zu weiteren Zukäufen überredet - und das, obwohl sie das Geld lieber konservativ anlegen wollte.

Umstrittene Rolle im Umfeld der Privatbank Sal. Oppenheim: Josef Esch liegt im Streit mit Bank, Middelhoff und Schickedanz.
Umstrittene Rolle im Umfeld der Privatbank Sal. Oppenheim: Josef Esch liegt im Streit mit Bank, Middelhoff und Schickedanz.(Foto: picture alliance / dpa)

Was die Quelle-Erbin tatsächlich dazu veranlasste, sich so stark bei dem seit Jahren dahin taumelnden Konzern zu engagieren, darüber wird viel gerätselt. War es die Verbundenheit mit dem väterlichen Erbe? Sah sich Schickedanz dazu verpflichtet, mit ihrem Vermögen zu einer Rettung des Konzerns beizutragen? Hörte sie schlicht auf die falschen Berater? Oder hoffte sie bis zum Ende, mit der Filetierung von Arcandor viel Geld zu verdienen, wie es die "Bild"-Zeitung nahelegt? Die juristische Klärung dieser Fragen steht noch aus. Ihr Vater Gustav Schickedanz soll einmal gesagt haben: "Madeleine hat kein richtiges Verhältnis zum Geld." Das scheint im Rückblick prophetisch.

"Ich habe viel zu spät gemerkt, dass ich die Kontrolle verloren hatte", gesteht Madeleine Schickedanz schließlich ein. "Und ich hätte schon viel früher Themen wie Internet im Versandhandel und die Zukunft und Veränderung der Kaufhäuser angehen müssen." Die Karstadt-Dachgesellschaft Arcandor rutscht 2009 in die Pleite. Ein Jahr später übernimmt der US-Milliardär Nicolas Berggruen die Warenhauskette Karstadt aus der Arcandor-Insolvenzmasse.

Spott nach dem Discounter-Geständnis

Dank Online-Bestellung via Tablet erlebt der Versandhandel in Deutschland derzeit eine ungeahnte Renaissance. Für Arcandor kommt der Boom zu spät. Unbekannt ist, wie viel die Ex-Milliardärin heute noch besitzt. Es gibt Schätzungen, nach denen sie noch immer über ein Vermögen von 400 Millionen Euro verfügt. Und es gibt ihre eigene Darstellung: "Wenn die Rettung von Arcandor scheitert und die Banken die Kredite fällig stellen, verliere ich alles - Häuser, Aktien, Beteiligungen an anderen Firmen."

Schickedanz gegen "Esch u.a.": Der Prozess läuft.
Schickedanz gegen "Esch u.a.": Der Prozess läuft.(Foto: picture alliance / dpa)

Ausgiebig schilderte Schickedanz auf dem Höhepunkt der Arcandor-Krise in einem ihrer höchst seltenen Interviews ihre Verarmungsängste und Sparbemühungen. "Wir leben von 500 bis 600 Euro im Monat", erklärte sie der "Bild"-Zeitung. "Wir kaufen auch beim Discounter. Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten", sagte sie damals und löste damit eine Welle an Hohn und Spott aus.

Tatsächlich muss sich Madeleine Schickedanz finanziell wohl keine allzu großen Sorgen machen: Ihr dritter Ehemann Leo Herl sagte kurz nach der Arcandor-Pleite in einem Interviews: "Meine Frau hat ihren Ehemann und die Kinder, die sie unterstützen." Das Ehepaar hatte vor der Heirat Gütertrennung vereinbart. Eigentlich sei das geschehen, weil er nichts vom Geld seiner Frau gewollt habe. Doch heute habe sich dies aus umgekehrter Sicht als eine gute Entscheidung erwiesen, sagte Herl damals.

Welche Rolle spielen Middelhoff und Esch?

Nun versucht Madeleine Schickedanz von ihrem Erbe so viel zu retten wie möglich: Vor dem Kölner Landgericht hat sie ihre ehemalige Hausbank Sal. Oppenheim, deren ehemalige Führungsmannschaft, sowie den Immobilienunternehmer Josef Esch auf die Rückzahlung von insgesamt 1,9 Milliarden Euro verklagt. Sie wirft ihnen vor, ihr Milliardenvermögen gegen ihren Willen riskant angelegt und dadurch verschleudert zu haben. Die Gegenseite bestreitet das.

Schon zu Prozessbeginn machte das Gericht Schickedanz wenig Hoffnung auf einen Erfolg der Klage: Der Vorsitzende Richter Stefan Singbartl betonte in der mündlichen Verhandlung, eine Frau mit dem Vermögenshintergrund und der Bildung von Frau Schickedanz habe wissen müssen, mit welchen Gefahren derartige Milliardengeschäfte verbunden seien. Auch Vergleichsverhandlungen, die hinter den Kulissen nach wie vor stattfinden, treten auf der Stelle, wie ihr Anwalt Stefan Homann mit Blick auf die aktuelle Lage sagt. Ein Ende des Prozesses sei nicht in Sicht.

So könnte es sein, dass am Ende vom Wirken der Quelle-Erbin vor allem eines übrig bleibt: Die Schickedanz-Kinderkrebs-Stiftung. Madeleine Schickedanz hatte das Hilfswerk 1990 ins Leben gerufen, nachdem ihre jüngste Tochter Carolin von Leukämie geheilt worden war.

Quelle: n-tv.de

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