Wirtschaft
Zehntausende illegale Goldschürfer tragen in Venezuela die Malaria in die Städte.
Zehntausende illegale Goldschürfer tragen in Venezuela die Malaria in die Städte.(Foto: REUTERS)
Samstag, 20. August 2016

Illegale Goldminen als Brutstätten: Malaria kehrt nach Venezuela zurück

Von Hannes Vogel

Der Wirtschaftskollaps in Venezuela treibt Zehntausende in illegale Dschungel-Minen. Die Wanderung der Verzweifelten bringt eine längst ausgerottete Krankheit zurück. Die Regierung hütet die Elends-Epidemie wie ein Staatsgeheimnis.

Eigentlich gibt es Malaria in Venezuela schon seit Jahrzehnten nicht mehr. 1961 war der südamerikanische Staat laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) das erste Land der Welt, das die Tropenkrankheit vollständig besiegte, noch vor den USA. Für den sozialistischen Präsidenten Nicolas Maduro, den Nachfolger von "Comandante" Hugo Chavez, wäre so eine Nachricht heute ein willkommener Sieg über die "Imperialisten" in Washington, die Venezuela angeblich gerade gezielt zugrunde richten.

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Es ist eine bittere Ironie, dass sich nun ausgerechnet in Venezuela die Geschichte umkehrt. Das katastrophale Scheitern des "Sozialismus im 21. Jahrhundert" wirft das Land um 50 Jahre zurück. Die "Chavistas" haben eine Wirtschaftskrise ausgelöst, die das Land ruiniert. Nun grassiert dort wieder die Malaria, wie die "New York Times" in einer erschütternden Reportage beschreibt.

Die Wirtschaftskrise hat zehntausenden Menschen die Existenzgrundlage genommen. Früher waren sie Computertechniker, Büroangestellte, Taxifahrer oder sogar Staatsbeamte. Doch die Inflation galoppiert. Von ihrem Hungerlohn können sie nicht länger leben. Also ziehen sie in illegale Dschungel-Minen, um Gold zu schürfen. Dort stecken sie sich mit Malaria an: Die wassergefüllten Gruben sind die ideale Brutstätte für die Anopheles-Mücke, die die Krankheit überträgt.

"Jemand könnte bis dahin sterben"

Wenn die Goldsucher in die Städte zurückkehren, bringen sie die Malaria mit. Medikamente und funktionierende Krankenhäuser gibt es nicht mehr. Und so infizieren sich immer mehr Menschen. Die Welle rollt durch das ganze Land. Der wirtschaftliche Zusammenbruch habe "eine große Wanderung in Venezuela ausgelöst, in deren Spur sich die Malaria ausbreitet", verrät ein Forscher im Dienste des Staates der Zeitung.

Der Bericht der "New York Times" über die Elends-Epidemie ist voll von bewegenden Einzelschicksalen. So wie das von Pedro Pérez, der laut der Zeitung Aufseher in einer staatlichen Metallraffinerie war. Ihm gehörte ein Haus mit sechs Zimmern und ein Auto. Seine Frau ist Anwältin. Nun arbeitet er in einer Mine.

Oder das von Griselda Bello, einer Krankenschwester in Ciudad Guayana. "Kommen Sie morgen um 10 Uhr wieder", muss sie die Kranken immer wieder nach Hause schicken, weil es keine Medizin mehr gibt. "Jemand könnte bis dahin sterben", antworten ihre Patienten. "Das stimmt", sagt Bello dann.

Die Regierung vertuscht die Epidemie

Illegale Mine in Venezuela.
Illegale Mine in Venezuela.(Foto: REUTERS)

Mindestens 70.000 Menschen seien im vergangenen Jahr in die Minengebiete im Süden des Landes geströmt, zitiert die "New York Times" Jorge Moreno, einen der führenden Moskito-Experten des Landes. "Aktuell wird eine massive Zunahme der Malariafälle vor allem in den Provinzen Amazonas und Bolivar beobachtet", warnt auch das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen. "Das öffentliche Gesundheitssystem in Venezuela ist nicht mehr in der Lage, Kranke adäquat zu versorgen oder notwendige Operationen durchzuführen."

Die Regierung hüte die Malaria-Epidemie wie ein Staatsgeheimnis, schreibt die "New York Times". Caracas leugnet die Gesundheitskrise. Offizielle Berichte über die Ausbreitung der Krankheit gibt es nicht mehr. Laut internen Erhebungen, die die Zeitung von Ärzten erhalten hat, die die Daten sammeln, ist die Zahl der Malariafälle im ersten Halbjahr aber um 72 Prozent auf insgesamt 125.000 gestiegen. Das venezolanische Gesundheitsministerium wollte sich der "New York Times" gegenüber nicht äußern oder ein Interview geben.

Mehr als die Hälfte der 23 Provinzen soll betroffen sein. Selbst in Caracas soll es wieder Fälle geben. "Es ist eine nationale Schande", zitiert die Zeitung José Oletta, einen ehemaligen Gesundheitsminister des Landes. "Ich habe solche Dinge gesehen, als ich vor einem halben Jahrhundert Medizinstudent war. Die Krankheit war verschwunden."

Bewaffnete Banden regieren die Minen

Ihre Rückkehr ist umso tragischer, als dass sie mit den richtigen Medikamenten ganz einfach zu behandeln ist. Als ölreichstes Land der Welt hätte Venezuela genug Geld dafür. Doch die öffentliche Ordnung ist vielerorts zusammengebrochen. Und die Verzweiflung der Menschen ist größer als ihre Furcht vor der Krankheit. Mit bloßen Händen in einer Grube nach Gold zu suchen, ist für viele offenbar besser, als in den Städten zu verhungern. Dort plündern wütende Mobs die Supermärkte, es gibt Schießereien.

In Städten wie Las Claritas an der Grenze zu Guyana gibt es wenigstens Essen. Dort frisst sich die Mine "Cuatro Muertos" (Vier Tote) auf der Größe eines Fußballfeldes 15 Stockwerke tief in die Erde. Die Regierung hat sie längst verlassen. Kontrolliert wird sie laut "New York Times" von einer bewaffneten Bande, die sich "Die Union" nennt. Ihr Boss befehligt seine Männer mit einem Schlagring aus Gold. "Erst als die Malaria verschwand, konnten Straßen entstehen", sagt der ehemalige Gesundheitsminister Oletta. "Das war ein krankes Land, und als es gesund wurde, veränderten sich die Dinge". Nun ist es wieder krank.

Quelle: n-tv.de

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