Wirtschaft
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Dienstag, 12. September 2017

VW-Chef im n-tv Interview: Müller würde wieder Diesel kaufen

Abgasskandal, Diesel-Debatte und E-Mobilität: Der VW-Chef glaubt, dass sein Konzern die jüngsten Krisen überwunden hat. Man müsse zwar weiter Vertrauen zurückgewinnen, sagt Matthias Müller im n-tv Interview. Der Abgasskandal sollte aber "zu den Akten gelegt werden".

n-tv: Würden Sie sich heute noch einen neuen Dieselwagen kaufen?

Matthias Müller: Wenn ich ein überzeugter Dieselfahrer bin, dann würde ich mir wieder einen Diesel kaufen - am besten von Volkswagen. Denn es ist ja nun so, dass Messungen von neutralen Stellen und Behörden den Beweis erbracht haben, dass unsere Diesel heute schon sauber sind. Und ich kann Ihnen sagen, wir arbeiten an der nächsten Generation, die wird dann etwa 2019 auf den Markt kommen. Und die werden die NOX-Emissionen noch einmal um etwa 50 Prozent reduzieren.

Könnte sich so ein Kauf nicht dennoch als Fehlentscheidung entpuppen? Fahrverbote in Großstädten sind ja nicht auszuschließen.

Das ist, wenn man einen Euro-6-Diesel kauft, keine Fehlentscheidung. Ich denke nicht, dass die Behörden und Gerichte entscheiden, den Diesel zu verbieten. Sondern ich denke, es wird darauf hinauslaufen, dass man dann über NOX-Emissionen spricht und das ganze Thema auch wieder ein wenig versachlicht.

Sie nehmen haufenweise alte Diesel zurück, zahlen bis zu 10.000 Euro im Einzelfall. Warum tun Sie das?

Nachhaltige Mobilität steht auf der Agenda von Volkswagen ganz oben - zumindest seit zwei Jahren. Und diese Maßnahme, diese Verschrottungsprämie zu zahlen - wir nehmen die Autos nicht nur zurück, wir verschrotten sie - soll einfach helfen, die Luft sauberer zu machen und ein Stück Vertrauen in die Autoindustrie und speziell Volkswagen wieder zurückzugewinnen.

Beim Thema Elektromobilität treibt Tesla Sie quasi in der öffentlichen Debatte vor sich her.

Zunächst haben wir vor jedem Wettbewerber großen Respekt und natürlich auch vor Tesla. Aber man muss da schon die Kirche im Dorf lassen: Wir verkaufen zehn Millionen Autos pro Jahr, Tesla etwa 80.000 pro Jahr. Tesla verbrennt pro Quartal einen dreistelligen Millionenbetrag, wir haben ein operatives Ergebnis von etwa 15 Milliarden vielleicht. Von daher muss man schon aufpassen, dass man hier nicht Äpfel mit Birnen vergleicht. Nichtsdestotrotz ist Tesla ein Unternehmen, das mit der Zukunft geschickt umgeht, insbesondere marketingmäßig, und das den Vorteil hat, sich nur mit der Zukunft auseinandersetzen zu müssen. Das tun wir nicht, sondern wir bewältigen auch die Vergangenheit. Wir haben ein sehr breites Spektrum an Antriebskonzepten und das wird auch so bleiben.

Was kann man von Tesla lernen?

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Die sind sehr mutig, sind sehr agil, entscheiden schnell. Das ist schon interessant, wie die unterwegs sind, aber Sie wissen auch, dass, seitdem ich bei Volkswagen bin, wir einen kulturellen Wandel herbeiführen. Wir haben vieles verändert in unserem Konzern. Wir sind auch agiler und entscheidungsfreudiger geworden. Wir haben uns gegenüber dritten Partnern geöffnet. Und das werden wir auch so weiterführen.

Sie haben bislang erst zwei Elektromodelle im Angebot. Haben Sie zu lange gezögert?

Ich glaube nicht, dass wir zu lange gezögert haben. Volkswagen hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass man die Situation im Markt beobachtet. Man darf ja da die deutsche Diskussion nicht unmittelbar auf die ganze Welt projizieren. Wir starten hier auf der IAA unsere "Roadmap E" als elementaren Bestandteil unserer Strategie. Das wird eine Elektrifizierungsoffensive sein. Wir werden bis zum Jahr 2025 über 80 neue elektrifizierte Modelle haben, davon 50 rein batteriebetrieben. Die Offensive wird Volkswagen auch an die Spitze der neuen Mobilität führen.

Bis wann werden sich Elektroautos flächendeckend durchsetzen?

Das hängt sicherlich auch von den Rahmenbedingungen ab. Die Ladeinfrastruktur ist ein wichtiges Thema. So wie die Kunden von Verbrennungsmotoren wissen, wo die nächste Tankstelle ist, so wollen die Kunden von elektrisch betriebenen Autos wissen, wo sie ihr Auto an eine Steckdose anschließen können. Und da gibt es Nachholbedarf. Das haben Bund und Länder erkannt. Deswegen gibt es ja auch den Fonds in der Größe von einer Milliarde Euro und man kann nur hoffen, dass diese Konzepte jetzt sehr schnell Wirklichkeit werden.

Mit welchem Elektroanteil rechnen Sie in den kommenden Jahren?

Ich gehe davon aus, dass der Volkswagenkonzern im Jahr 2025 ein Viertel seiner Fahrzeuge elektrisch betrieben verkauft.

Sie stehen jetzt seit zwei Jahren an der Spitze der VW-Konzerns. Seitdem gab es diese Abgas-Betrügereien, die Diesel-Krise, die Elektrifizierung der Autos, die immer weiter voranschreitet. Wie erklären Sie das Ihren Mitarbeitern? Da scheint es ja viele Unsicherheiten zu geben.

Das kann ich auch gut verstehen. Denn die negativen Nachrichten und Botschaften über den Volkswagenkonzern waren in den vergangenen zwei Jahren en masse, klar. Es tut mir leid für unsere Mitarbeiter, denn jeder Mitarbeiter möchte in einem erfolgreichen Unternehmen arbeiten, das ein positives Image hat. Wie gehe ich damit um? Ich versuche, Distanz zu den Mitarbeitern abzubauen. Ich stelle mich in Mitarbeitergesprächen auf jeder Hierarchieebene für Kritik, für Ideen und so weiter zur Verfügung. Ich glaube, dass das am Ende hilft, die Mitarbeiter bei der Stange und die Stimmung im Unternehmen auf einem positiven Niveau zu halten.

Was sagen Sie einem Motorentwickler, der an einem Vierzylinder arbeitet, den in Zukunft vielleicht niemand mehr haben will?

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Sie werden sich wundern, wie viele da noch verkauft werden. Denn es gibt in meinen Augen eine Koexistenz zwischen Verbrennungsmotoren und elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Das wird sich noch über einen längeren Zeitraum hinziehen. Ich gehe davon aus, dass wir auch im Jahr 2030 noch Verbrennungsmotoren - zumindest weltweit - anbieten werden. Nur die werden noch einmal ein ganzes Stück sauberer sein und verbrauchsärmer als die heutige Generation.

Beim Dieselgipfel habe Sie sich mit der Politik auf Software-Updates geeinigt. Warum haben Sie diese Software nicht von vornherein aufgespielt, wenn es so leicht ist, die Emissionen zu senken?

Wir haben ja schon 2,5 Millionen Autos umgerüstet. Wir wissen, wovon wir reden. Und wir haben jetzt noch einmal über eine Million Fahrzeuge zur Umrüstung angeboten. Wir sind von dieser Lösung sehr überzeugt. Wir forcieren das ganze Thema und hoffen, dass wir in wenigen Monaten diese Umrüstung hinter uns gebracht haben, um dann auch wieder den Blick nach vorne zu richten.

Kritiker sagen, mir der Abgasmanipulation in den USA hätten Sie sogar das Label "made in Germany" ein Stück beschädigt.

Dass wir Fehler gemacht haben in der Vergangenheit, das steht außer Zweifel. Und dass wir neben den europäischen und den asiatischen auch die amerikanischen Kunden schwer enttäuscht haben, auch das steht außer Zweifel. Wir sollten das Thema jetzt auch mal zu den Akten legen. Wir haben in Amerika ein sehr weitreichendes Settlement mit den Behörden gefunden. Das setzen wir sehr konsequent und ich glaube auch sehr erfolgreich um.

Die Kanzlerin kommt am Donnerstag und eröffnet die IAA. Sie hat in der Vergangenheit kritisiert, dass Entwicklungen möglicherweise verschlafen wurden und dass die Industrie nicht so schlagkräftig ist, wie sie sein müsste. Was antworten Sie ihr?

Ich habe ja dankenswerterweise öfter Kontakt zu Frau Merkel. Ich sage ihr: Wir haben nichts verschlafen – Volkswagen nicht und die deutsche Autoindustrie nicht. Wir sind nach wie vor führend, insbesondere was Premiumprodukte anbelangt. Dass wir aufholen müssen, das ist klar, weil sich offensichtlich das Bewusstsein der Menschen zur Mobilität verändert. Und damit müssen wir Schritt halten. Ich werde nicht müde, der Kanzlerin unsere Konzepte darzulegen und auf diese Weise auch bei den Politikern wieder das Vertrauen zurückzugewinnen, das wir - ich habe es mehrfach erwähnt - verspielt haben.

Zur Zukunft des VW-Konzerns: Könnten Sie sich vorstellen, einzelne Marken des Konzerns zu verkaufen, um finanzielle Mittel zu heben?

Das ist eine Diskussion, die in der Öffentlichkeit geführt wird, und die ich nur bedingt nachvollziehen kann. Es ist eine meiner herausragendsten Aufgabenstellungen, über das Portfolio in so einem großen und komplexen Konzern permanent nachzudenken. Das tun wir in aller Gelassenheit und mit aller Sorgfalt. Und wenn es zu gegebener Zeit zu Zu- oder auch Verkäufen kommt, dann werden wir die Öffentlichkeit auch informieren.

Mit Matthias Müller sprach Ulrich Reitz

Quelle: n-tv.de

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