Wirtschaft
Keine schnelle Wende in Sicht: Ben Bernanke erläutert die Lage.
Keine schnelle Wende in Sicht: Ben Bernanke erläutert die Lage.(Foto: REUTERS)

"Das ist kein vollständiges QE3": Fed packt die Geldspritze aus

Von Martin Morcinek

Die US-Notenbank kommt den Erwartungen der Wall Street nur teilweise entgegen: Im Kampf gegen die anhaltende Wirtschaftsschwäche setzt die Fed auf Hilfen am Häusermarkt und die Niedrigzinsphase. In den Kauf von Immobilienpapieren wollen die Notenbanker 40 Milliarden Dollar investieren - Monat für Monat, zeitlich unbefristet.

Unter den Schwingen des Adlers: billiges Geld und milliardenschwere Markteingriffe.
Unter den Schwingen des Adlers: billiges Geld und milliardenschwere Markteingriffe.(Foto: dapd)

Seit Wochen haben die Märkte auf diese Entscheidung gewartet: Die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) will der US-Konjunktur mit umfassenden Wertpapier-Käufen unter die Arme greifen. Bereits ab kommenden Freitag sollen Monat für Monat Immobilienpapiere für rund 40 Mrd. Dollar aufgekauft werden, teilte der Offenmarktausschuss mit. Umgerechnet entspricht das einem monatlichen Engagement von rund 31 Mrd. Euro.

Bei den fraglichen Papieren handelt sich um sogenannte Mortgage Backed Securities (MBS), also hypothekenbesicherte Wertpapiere aus den Beständen halbstaatlicher Hypotheken-Finanzierer wie Fannie Mae und Freddie Mac. Das Ziel: Durch das Kaufprogramm sollen die Zinsraten für Hauskäufer gesenkt und der US-Immobilienmarkt gestützt werden.

Als besonders bemerkenswert bezeichneten Beobachter, dass die US-Zentralbank erstmals kein Enddatum für das Kaufprogramm am Immobilienmarkt gesetzt habe. Die Maßnahmen würden fortgesetzt, bis sich "die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessern", teilte die Fed mit. Die US-Zentralbank behielt sich außerdem eine Ausweitung des Kaufprogramms und die Einführung anderer Instrumente zur Marktintervention vor.

Zusätzlich zu den umfassenden Wertpapier-Käufen will die Fed das Wirtschaftswachstum mit der Aussicht auf eine verlängerte Niedrigzins-Politik ankurbeln: Der Leitzins soll mindestens bis Mitte 2015 im Bereich der historisch niedrigen Spanne zwischen null und 0,25 Prozent liegen, teilte die Fed mit. Damit verlängerten die US-Banker ihre seit dreieinhalb Jahren andauernde Niedrigzins-Politik um weitere sechs Monate. Der Offenmarktausschuss erwartet sich von dieser Maßnahme nach eigenen Angaben Wachstumsimpulse für den Arbeitsmarkt und eine Beibehaltung der Preisstabilität. Die "Fed zieht Konjunkturspritze auf " genannte Bilanzumschichtung von kurz- auf langlaufende Staatsanleihen wird fortgesetzt.

Eine Art Draghi-Schwur

Die ganz große Geldspritze in Form einer dritten Runde massiver Staatsanleihenkäufe sparten sich die Währungshüter um Ben Bernanke zur Enttäuschung vieler Investoren aber auf - schließlich droht zum Jahreswechsel die nächste finanzpolitische Klippe, sollte sich der Kongress bis dahin nicht auf die Verlängerung von in der Krise gewährten Steuererleichterungen für viele US-Bürger einigen. Die Hoffnungen auf den Einstieg in eine dritte Runde von Staatsanleihenkäufen zur Fortsetzung des sogenannten Quantitative Easing (Williams fordert die Dollar-Keule ) hatte in den vergangenen Tagen an den US-Börsen für kräftige Kursgewinne gesorgt.

Eine Art Draghi-Schwur von Bernanke: "Sollte der Wirtschaft die Puste ausgehen, sind wir zum Handeln bereit".
Eine Art Draghi-Schwur von Bernanke: "Sollte der Wirtschaft die Puste ausgehen, sind wir zum Handeln bereit".(Foto: dpa)

Ohne QE3 direkt zu erwähnen, deutete Bernanke weitere Maßnahmen an, sollte sich die Lage nicht verbessern: "Wenn der Ausblick für den Arbeitsmarkt sich nicht substanziell aufhellt, wird das Komitee solange damit fortfahren, Immobilienpapiere zu kaufen, zusätzliche Wertpapiere zu erwerben und andere Instrumente zu nutzen, die angemessen erscheinen, bis eine Besserung erreicht ist und die Preisstabilität zugleich gewährleistet ist. Sollte der Wirtschaft die Puste ausgehen, sind wir zum Handeln bereit".

Die Anleger greifen zu

An den New Yorker Börsen reagierten die Kurse mit deutlichen Ausschlägen: Die großen US-Aktienindizes haben deutlich von der angekündigten Lockerung der Geldpolitik profitiert. Nachdem der Dow-Jones-Index zunächst um seinen Vortagesschluss gependelt war, zog er nach den Fed-Aussagen spürbar an und schloss mit plus 1,5 Prozent bei 13.539 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500-Index schaffte es mit plus 1,6 Prozent auf knapp 1460 Punkte auf den höchsten Schlussstand seit 2007. An der Technologiebörse Nasdaq rückte der Composite Index um 1,3 Prozent auf 3155 Punkte vor, der Auswahlindex Nasdaq 100 kletterte um 1,42 Prozent auf 2 831,35 Punkte.

Der Dollar gab zum Euro und zum Yen nach und fiel zeitweise auf den tiefsten Stand seit vier Monaten. US-Staatsanleihen drehten auf breiter Front ins Minus. Der Goldpreis hingegen erklomm den höchsten Stand seit einem halben Jahr. Händler fragten sich, inwieweit die zusätzliche Liquidität, die die Fed in die Märkte pumpen wird, im Gold schon eingepreist sein könnte, nachdem der Goldpreis noch vor weniger als einem Monat unter 1600 Dollar notierte.

Aufschwung um jeden Preis

Die Lage am Arbeitsmarkt beurteilten die Fed-Mitglieder im Offenmarktausschuss weiterhin als schwach. Im Begleitkommentar zum Zinsbeschluss hieß es, die Notenbanker seien besorgt, dass das Wachstum in den USA ohne eine weitere Konjunkturspritze nicht stark genug sein könnte, um für eine anhaltende Besserung am Arbeitsmarkt zu sorgen. "Die Arbeitslosigkeit ist eine große Sorge", sagte Bernanke vor der Presse in Washington. Die Fed werde ihre "höchst stimulierende Geldpolitik deshalb sogar noch dann für eine gewisse Zeit fortsetzen, wenn sich die wirtschaftliche Erholung verstärkt haben wird".

Die Arbeitslosenquote liegt mit 8,1 Prozent für US-Verhältnisse derzeit nach wie vor deutlich über dem langjährigen Schnitt, im vergangenen Monat wurden in den Vereinigten Staaten lediglich 96.000 neue Stellen geschaffen - ein sehr niedriger Wert.  Auf absehbare Zeit sei keine durchgreifende Wende zu erwarten, hieß es. Die Fed rechnet nach der am Donnerstag vorgelegten Projektion für dieses Jahr mit einer Arbeitslosenquote von 8,0 bis 8,2 Prozent und bleibt damit bei ihrer skeptischen Beurteilung vom Juni. Die Notenbanker gehen zudem davon aus, dass die Rate nächstes Jahr nur geringfügig auf 7,6 bis 7,9 Prozent sinken wird.

Der Beschluss der Fed-Gouverneure, der schon ab Freitag umgesetzt werden soll, fiel mit nur einer Gegenstimme. Von den 13 Mitgliedern des Offenmarktausschusses rechnen nun zwölf erst 2015 mit einer Zinserhöhung. Noch vor wenigen Monaten waren es nur sechs.

2013 verheißt Wachstum

Die Wirtschaft dürfte nach Einschätzung der Fed ebenfalls schwächer Fahrt aufnehmen als noch im Juni angenommen: Die Fed-Ökonomen rechnen mit einem Anziehen der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,7 bis 2,0 Prozent. Im Juni hatte sie noch ein Wachstum von bis zu 2,4 Prozent des BIP geschätzt. Für das kommende Jahr geht die Fed von einem leicht stärkeren Wirtschaftswachstum aus, als bislang vorhergesagt. Die Fed hob ihre Prognose auf 2,5 bis 3,0 Prozent an (zuvor: 2,2 bis 2,8 Prozent).

Die Entscheidung der Fed war mit Spannung erwartet worden, nachdem die jüngsten US-Arbeitsmarktzahlen für den Monat August enttäuschend waren. Das schwache Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosenquote sind die Hauptthemen im US-Wahlkampf zwischen Präsident Barack Obama und seinem republikanischem Herausforderer Mitt Romney.

Bernanke zwischen den Stühlen

Die Fed hat in den vergangenen Jahren für rund 2,3 Billionen Dollar Staatsanleihen und Immobilienpapiere in ihre Bilanz genommen. Sie will mit dem frisch gedruckten Geld die Wirtschaft und das Finanzsystem befeuern, damit Arbeitsplätze entstehen und sich die Krise auf dem Häusermarkt abmildert. Bis dato waren die Bemühungen Bernankes nur von mäßigem Erfolg gekrönt, weshalb viele Fachleute auf eine weitere Runde von Staatsanleihekäufen (Quantitative Easing, QE) gesetzt hatten.

Die jetzt beschlossenen Maßnahmen stellen allerdings ebenfalls einen sehr substanziellen Stimulus dar - immerhin nehmen die Notenbanker durch die Kombination des Kaufs von Immobilienpapieren und der Umschichtung ihrer Staatsanleihenbestände jeden Monat 85 Mrd. Dollar in die Hand.

Ausschließlich ökonomische Gründe

Bernanke muss allerdings aufpassen, dass er im Wahljahr nicht zwischen die Fronten gerät. Selbst Republikaner, muss er im Falle eines Wahlsiegs seiner Partei damit rechnen, dass er wegen seiner ultraexpansiven Geldpolitik 2014 keine dritte Amtszeit bekommt. Vor der Presse beteuerte er, dass die Entscheidungen der Notenbank ausschließlich ökonomische Gründe hätten und kein politisches Kalkül seien.

Während Bernanke an den Aktienbörsen für steigende Kurse sorgte, zeigten sich einige Börsianer dennoch enttäuscht, dass er die zuletzt extrem hohen Erwartungen der Finanzmärkte nicht ganz erfüllte: "Die Tatsache, dass die Fed nur Immobilienbonds kauft und keine zusätzlichen Staatsanleihen, wird sicher einige Marktteilnehmer enttäuschen", sagte Chris Jarvis, von Caprock Risk Management in New Hampshire

Anthony Valeri, Rentenstratege bei LPL Financial in San Diego geht noch härter mit Bernanke ins Gericht: "Die Fed hat weniger geliefert als erwartet. Das ist kein vollständiges QE3-Programm. Sie haben nur ihren Zeh ins Wasser gehalten."

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Quelle: n-tv.de

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