Wirtschaft
Das Geld für sich arbeiten zu lassen wird immer schwieriger.
Das Geld für sich arbeiten zu lassen wird immer schwieriger.(Foto: dpa)

Das Ende des achten Weltwunders: Niedrigzinsen belasten Altersvorsorge

Von Birgit Haas

Der Zinseszinseffekt hat bisher das Geld der Sparer auf Konten und in Lebensversicherungen wundersam vermehrt. Doch damit ist Schluss. Die niedrigen Zinsen werden drastische Auswirkungen auf die Altersvorsorge haben.

Altersvorsorge – ein schreckliches Wort. Erinnert es doch daran, dass man sich mal wieder um seine privaten Finanzen kümmern sollte, obwohl es doch so viel schöner wäre, das erarbeitete Geld gleich auszugeben. Aber Tatsache ist, dass viele von uns sehr alt werden und sich mit der staatlichen und betrieblichen Rente unser gewohnter Lebensstandard nicht halten lassen wird. Wenn sie nicht damit anfangen, etwas zur Seite zu legen, werden viele in die Armutsfalle - noch ein schreckliches Wort - tappen.

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Doch wie? Als investmentscheues Volk waren die Deutschen daran gewöhnt, dass sich das Geld auf dem Tagesgeldkonto oder in der Lebensversicherung auf wundersame Weise von selbst vermehrt. Nicht nur, wegen den vier Prozent Zinsen, die Banken bis vor der Finanzkrise im Schnitt auf das Ersparte gaben. Der Zinseszinseffekt, den Albert Einstein für die größte Erfindung des menschlichen Denkens hielt, hat noch ein ordentliches Plus auf das Konto gespült.

Der Zinseszinseffekt entsteht, indem die jährlichen Zinserträge einer Kapitalanlage reinvestiert, also nicht ausgeschüttet werden – und es darauf im Folgejahr ebenfalls Zinsen gibt. Das Vermögen wächst dank dieses Festgeldautomatismus nicht linear, sondern exponentiell. Wer monatlich 100 Euro beiseite legt und darauf vier Prozent Zinsen erhält, hat nach fünf Jahren 6000 Euro eingezahlt und darauf nicht nur 240 Euro Zinsen erhalten, sondern 640 Euro.

Ein Mythos stirbt

Doch Sparer müssen sich vom Wunder der Geldvermehrung durch Geduld verabschieden. Denn niedrige Zinsen bedeuten auch einen niedrigen Zinseszinseffekt. 2013 haben die Deutschen durch den Niedrigzins und den ausbleibenden Effekt bereits rund 5,4 Milliarden Euro einbüßen müssen, 2014 wird der Betrag auf 5,8 Milliarden Euro angeschwollen sein, schätzt der Versicherer Allianz.

Das eine Problem ist der Zins fürs Tagesgeldkonto, der in den vergangenen sechs Jahren von über vier Prozent unter die Ein-Prozent-Marke gefallen ist. Das andere sind die Strafzinsen, die Bankkunden mit großen Vermögen zunehmend werden mit einrechnen müssen. Denn die Institute werden nicht auf den Strafzinsen von 0,2 Prozent, die sie fürs Geldparken an die Europäische Zentralbank berappen müssen, sitzenbleiben wollen – so bereits geschehen bei der Skatbank und der Commerzbank.

Lebensversicherungen verlieren Attraktivität

Doch vor allem bei den Lebensversicherungen schlummert eine tickende Zeitbombe. Ausgerechnet Lebensversicherungen, die liebste Altersvorsorge der Deutschen gleich nach der Immobilie: Es wird geriestert, was das Zeug hält. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zählt 91,8 Millionen Verträge, von denen 75,3 Millionen der Altersvorsorge dienen. Die Ratingagentur Assekurata hat am vergangenen Donnerstag eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass in diesem Jahr die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung von durchschnittlich 3,54 Prozent in 2013 auf 3,33 Prozent sinken wird. Neuverträge sollen demnach nur noch 3,16 Prozent auf den Sparanteil abwerfen. Tendenz sinkend. Bezogen auf die tatsächlich eingezahlten Beiträge werfe ein Vertrag mit einer Zinsgarantie in diesem Jahr im Schnitt nach Abzug der Kosten der Versicherung nur eine Rendite von 0,42 Prozent ab, sagte der Assekurata-Analyst Lars Heermann. Da muss man lange sparen, bis sich ein Zinseszinseffekt bemerkbar macht.

Zieht man nur den Garantiezins heran, der von der Bundesregierung zu Jahresbeginn von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent geschrumpft wurde, und geht von einem Sparanteil von 1200 Euro (ohne Berücksichtigung von Kosten) aus, dann erhält der Sparer nach fünf Jahren und einer Brutto-Einzahlung von 6000 Euro noch 193,54 Euro an Zins und Zinseszins.

Angst-Sparen könnte die Folge sein

Das schmälert die Effizienz der Altersvorsorge erheblich. "Wo früher der Zinseszins die Erträge auf lange Sicht genährt hat, klafft jetzt eine Lücke", sagt Hans-Joachim Reinke, Vorstandchef der Fondsgesellschaft Union Investment. Es ist ein Dämpfer für motivierte Sparer, der zu einem Zeitpunkt kommt, an dem die Bereitschaft der Bundesbürger zur Altersvorsorge steigt. Eine Umfrage des Verbands Privater Bausparkassen hat ergeben, dass die Vorsorgebereitschaft der Deutschen im vergangenen Herbst erheblich gestiegen ist: von lediglich 13 Prozent im Sommer auf 64 Prozent. Noch halten die Niedrigzinsen Sparer jedoch nicht ab. "Durch die trüben Konjunkturaussichten findet ein verstärktes Angst-Sparen statt", sagt der Verbandschef Andreas J. Zehnder.

Die Chefsvolkswirtin der Societe Generale, Michala Marcussen, erwartet ebenfalls ein Zuwachs an Sparraten. Die niedrigen Zinsen führten dazu, dass die Leute aus Sorge über eine mickrige Rente künftig eher mehr als weniger zurücklegen würden. So würde zumindest das Instrument der Lebensversicherung am Leben erhalten bleiben. Doch der Zinseszinseffekt ist wohl auf lange Zeit dahin.

Quelle: n-tv.de

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