Wirtschaft
Die Konjunkturaussichten haben sich eingetrübt.
Die Konjunkturaussichten haben sich eingetrübt.(Foto: dpa)

Konjunktur macht Forschern Sorge: Noch ist es nur ein Schnupfen

Von Jan Gänger

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keinen Grund zur Panik, wie die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute versichern. Und jetzt die schlechte: Die Aussichten für die deutsche Konjunktur sind ziemlich unerfreulich.

Passend zum Herbst präsentieren Wirtschaftsforscher schlechte Nachrichten. Sie korrigieren ihre Wachstumsprognose für Deutschland kräftig nach unten. "Wir waren im Frühjahr wohl zu optimistisch", sagt Ferdinand Fichtner vom DIW in Berlin. In nüchternen Zahlen ausgedrückt heißt das: Die Konjunktur wird hierzulande nach Ansicht der Experten in diesem Jahr lediglich um 1,3 Prozent wachsen und 2015 nur noch um 1,2 Prozent. Zu Beginn des Jahres waren die Forscher zuversichtlicher und sagten ein Plus von 1,9 und 2 Prozent voraus.

Die Korrektur wirkt zwar deutlich, aber nicht dramatisch. Deshalb versichert Fichtner: "Es gibt keinen Grund zur Panik." Doch es gibt offenbar gehörigen Anlass zur Sorge. Und so erinnert das "Gemeinschaftsdiagnose" genannte Gutachten nicht nur wegen des Titels an ärztliche Ratschläge bei einer schweren Erkältung, die man sich bei miesem Wetter eingefangen hat. Von "Abkühlung" ist dort die Rede. Von "Risiken", "schlechtem Klima" und "verhaltenen Aussichten". Der Ratschlag lautet: "Jetzt Wachstumskräfte stärken!" Die Institute hätten auch von Abwehrkräften sprechen können.

Schwache Nachfrage

Konjunkturdaten untermauern das wenig erfreuliche Bild. So ist die Nachfrage aus dem In- und Ausland schwach. Die Ausfuhren brachen im August im Vergleich zum Vormonat um 5,8 Prozent ein - das war der stärkste Rückschlag seit gut fünfeinhalb Jahren. Und der viel beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex ging im September den fünften Monat in Folge zurück. Derweil sinken die Unternehmensinvestitionen - trotz historisch niedriger Zinsen. Die Auslastung der deutschen Wirtschaft ist rückläufig. Das wird Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen.

Schuld an dieser Entwicklung sind den Forschern zufolge daran nicht nur internationale Krisen und schwächelnde Euro-Staaten. Auch die Bundesregierung sei dafür verantwortlich. Flächendeckender Mindestlohn, Mütterrente, Rente mit 63 - im Gutachten werden diese Maßnahmen noch freundlich mit "Gegenwind von der Wirtschaftspolitik umschrieben." Auf der Pressekonferenz wird Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftforschung in Halle allerdings deutlich: Es wäre schon hilfreich, wenn die Bundesregierung Unsinniges unterlassen würde.

Mehr Geld für mehr Wachstum

Noch besser wäre es aus Sicht der Ökonomen, wenn die Große Koalition Geld ausgibt, um so für mehr Wachstum zu sorgen. Spielraum für Investitionen sei durchaus vorhanden. Das "Prestigeprojekt" von Finanzminister Wolfgang Schäuble, "die schwarze Null", sei aus ökonomischer Sicht derzeit "nicht angebracht", kritisierte Fichtner. Minderausgaben im Haushalt verursachten Kosten, die auf lange Sicht gravierendere Folgen hätten als "leicht steigende Schulden".

Es gehe natürlich nicht darum, fröhlich Geld auszugeben, betonen die Forscher mit Blick auf das Rentenpaket. Stattdessen solle sinnvoll in Bildung, Forschung und Infrastruktur investiert werden. Außerdem empfehlen sie Steuersenkungen für Unternehmen und einen Abbau der kalten Progression.

Ob die Bundesregierung diesen Empfehlungen folgt? Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wird am kommenden Dienstag die aktuelle Wachstumsprognose präsentieren. Interessant wird dabei vor allem sein, wie die Koalition auf die schwachen Wirtschaftsaussichten reagiert. Das wird darüber entscheiden, ob der Konjunktur eine Grippe droht oder es nur beim simplen Schnupfen bleibt.

Quelle: n-tv.de

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