Wirtschaft
Es gibt Anzeichen, dass sich die Staatsführung in Nordkorea mit der neuen Wirklichkeit arrangiert: In der Sonderwirtschaftszone Rason an der Grenze zu China und Russland gibt es eine staatliche Bank, die den nordkoreanischen Won in harte Währung tauscht.
Es gibt Anzeichen, dass sich die Staatsführung in Nordkorea mit der neuen Wirklichkeit arrangiert: In der Sonderwirtschaftszone Rason an der Grenze zu China und Russland gibt es eine staatliche Bank, die den nordkoreanischen Won in harte Währung tauscht.(Foto: picture alliance / dpa)

Harte Währungen, schwaches Regime?: Nordkorea kapituliert vor Dollar und Yuan

Nordkoreas Grenze mit China ist mehr als 1400 Kilometer lang. Und der Schwarzhandel blüht. Doch statt des heimischen Won zählen nur harte Auslandswährungen. Ohne Dollar und Yuan geht nichts mehr: Experten zufolge werden 90 Prozent der Geschäfte mit Hilfe ausländischer Währungen abgewickelt. Das ist ein Problem für das Regime in Pjöngjang.

Wer etwas über den Zustand der nordkoreanischen Wirtschaft erfahren will, muss in die chinesische Grenzstadt Changbai fahren. Auch wenn die kommunistische Regierung in Pjöngjang ihr Land noch so stark abschottet, wächst der Handel - und auch der Schwarzhandel - zwischen den beiden Staaten. Doch die nordkoreanische Währung spielt zumindest bei inoffiziellen Geschäften offenbar keine Rolle mehr. "Die wollen nur ausländische Währung", sagt ein chinesischer Händler über seine Geschäftspartner auf der anderen Seite der Grenze.

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Die Nordkoreaner nutzen so stark wie nie zuvor Dollar und den chinesischen Yuan und meiden den eigenen Won. Und die Regierung scheint Experten zufolge vor den harten Devisen zu kapitulieren - ein Anzeichen dafür, wie sehr der junge Staatschef Kim Jong Un die Kontrolle über die eigene Wirtschaft verloren hat.

Folgen schwer abzuschätzen

Viele ausländische Banknoten kommen über die 1400 Kilometer lange Grenze zu China ins Land. In der Nähe von Changbai etwa gelangt das Geld schnell in die verarmte Industriestadt Hyesan, die etwa 190.000 Einwohner hat. Die Menge der Devisen in Nordkorea lässt sich nur schwer beziffern. Das Samsung-Wirtschaftsforschungsinstitut im südkoreanischen Seoul schätzt, dass es inzwischen 2 Mrd. Dollar sind. Zum Vergleich: Experten gehen davon aus, dass die gesamte Wirtschaft ein Volumen von 21,5 Mrd. Dollar hat.

Weil Nordkorea so abgeschottet ist, sind die Folgen für die Regierung Kims zwar nur schwer abschätzbar. Fachleuten zufolge wird es für sie wegen der wachsenden Devisenmenge aber immer schwieriger, ihre Wirtschaftspolitik umzusetzen. Daraus erwächst eine Privatwirtschaft, auf die der Staat kaum mehr Zugriff hat.

Schattenwirtschaft blüht

Einer Studie zufolge ist neben dem chinesischen Yuan vor allem auch die US-Währung weit verbreitet. Demnach werden Preise wie für Bier, Wohnungen oder auch Bildungskurse in Dollar angegeben. In Grenzgebieten werden nach Schätzungen des südkoreanischen Informationsdienstes Daily NK 90 Prozent der Geschäfte mit Hilfe ausländischer Währungen abgewickelt. In anderen Landesteilen dürften es zumindest zwischen Privatleuten 50 bis 80 Prozent sein.

Der südkoreanische Experte Dong Yong Sueng geht davon aus, dass es sich bei der Hälfte der sich im Umlauf befindlichen Devisen um Dollar handelt. 40 Prozent dürften chinesische Banknoten und zehn Prozent Euro-Scheine sein. Das Geld ist inzwischen so wichtig, dass die Schattenwirtschaft in Nordkorea ein größeres Volumen haben dürfte als die offizielle. "Ohne ausländisches Geld würde die Wirtschaft nicht mehr funktionieren", sagt Dong. Daily NK stellte kürzlich ein Video ins Internet, auf dem ein Markt in Hyesan zu sehen war. Händler preisen darin Handschuhe oder Jacken offen in Yuan aus.

Todesstrafe droht

Dabei hat die Regierung immer wieder versucht, gegen ausländische Währungen vorzugehen - trotz aller Drohgebärden allerdings erfolglos. So müssen Bürger nach Erkenntnissen der in Paris ansässigen Menschenrechtsorganisation FIDH die Todesstrafe fürchten, wenn sie Devisen in Umlauf bringen. In der Praxis scheint dies aber keine Rolle zu spielen. So befragte Human Rights Watch etliche Flüchtlinge aus Nordkorea: Keiner von ihnen wurde bestraft, weil er mit harter Währung bezahlte oder diese bei sich hatte. Trotzdem sind die Bürger vorsichtig. Ein Kenner des Landes berichtet, er habe von Geldverstecken in Häusern unter Fußbodendielen oder im Wald gehört. "Niemand bringt es zur Bank, weil niemand der Regierung vertraut."

Das Misstrauen und der Trend zu Dollar & Co. hat mit einer Währungsreform im Jahr 2009 zu tun. Damals wurden unter Kims Vater und Vorgänger zwei Nullen der heimischen Währung weggestrichen. Bürger konnten nur einen Teil der alten Währung in die neue umtauschen. Die Inflation verschärfte sich. Nach Erkenntnissen des südkoreanischen Geheimdienstes kam es sogar zu Unruhen - eine Seltenheit in dem Staat, der mit harter Hand regiert wird.

Unterdessen gibt es Anzeichen, dass sich die Staatsführung mit der neuen Wirklichkeit arrangiert: In der Sonderwirtschaftszone Rason an der Grenze zu China und Russland gibt es eine staatliche Bank, die den nordkoreanischen Won in harte Währung tauscht. Besucher des Institutes berichten, dass für einen Dollar 7350 Won fällig sind. Dagegen beträgt der offizielle Umtauschkurs 130 Won je Dollar.

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Quelle: n-tv.de

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