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Von Kuba lernen heißt ...: Nordkorea spielt mit Wechselkursen

Kim Jong Un ist Basketball-Fan. Mit umgerechnet rund 500 Dollar für das Spielgerät ist der Lieblingssport des Machthabers aber nichts für die breite Masse der Bevölkerung. Sie weiß sich aber zu helfen - über den Schwarzmarkt. Dort hat der US-Dollar das Sagen. Pjöngjang scheint das zu tolerieren - mit System.

Schlappe 46.000 Won muss in Nordkorea berappen, wer dem Lieblingssport von Machthaber Kim Jong Un frönen will - ein Basketball kostet umgerechnet fast 500 Dollar. Zumindest nach dem offiziellen Wechselkurs. Doch zum Glück für die nordkoreanischen Fans von Dennis Rodman, dem früheren US-Basketball-Star und neuen Freund Kims, ist die Landeswährung am Schwarzmarkt deutlich billiger. Und die meisten Verkäufer in der Hauptstadt Pjöngjang nehmen lieber Dollar an. Damit wird der in China gefertigte Ball dann doch bezahlbar: Denn nach dem inoffiziellen Kurs kostet er nur noch 6 Dollar.

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Auf dem Schwarzmarkt des abgeschotteten und verarmten kommunistischen Landes wird der Dollar mit 8000 Won gehandelt. Der offizielle Kurs dagegen beträgt 96 Won. Einst war der billigere Won den wenigen Sonderwirtschaftszonen (SWZ) Nordkoreas vorbehalten, die ausländische Investoren und ihre Devisen anlocken sollten. Es gab ihn auch andernorts, aber nur illegal. Mittlerweile werden die Schwarzmarkt-Kurse immer häufiger im ganzen Land genutzt - und zwar völlig offen.

Das werten Beobachter als Anzeichen dafür, dass die Regierung in dem isolierten Land versucht, ihre Planwirtschaft etwas zu lockern. Ziel dürfte sein, einen zaghaft keimenden grauen Markt gedeihen zu lassen, auf dem deutlich mehr Güter angeboten werden als in den Geschäften, wo der offizielle Kurs gilt. Das könnte das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Und die vielen Dollar- und Yuan-Scheine, die im Land zirkulieren, könnten gesammelt werden, so dass die Regierung die dringend nötigen Lebensmittel- und Öl-Importe bezahlen kann.

"Wie ein Platzhalter"

Die erst im Oktober angekündigten 14 neuen SWZ könnten dies befördern. So erklärte der Koreanische Verband zur Wirtschaftsentwicklung, eine Art Sprachrohr für diese Gebiete, dass innerhalb der Zonen die Wechselkurse entsprechend den örtlichen Marktkursen festgelegt werden sollten. Damit würde die massive Überbewertung des Won anerkannt und schrittweise zurückgefahren - in einem Land, in dem sich trotz aller staatlichen Einschränkungen längst ein kleiner Markt entwickelt hat.

"Der offizielle Kurs des Won ist wie ein Platzhalter", sagt Matthew Reichel, Direktor von Pyongyang Project, einer kanadischen Nicht-Regierungsorganisation, die den akademischen Austausch mit Nordkorea organisiert. "Wir alle wissen, dass der Wert des Won dem nicht entspricht."

Regierung toleriert Schwarzmarkt-Kurse

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Schätzungsweise 90 Prozent des Handels an der Grenze zwischen Nordkorea und China werden bereits in der chinesischen Währung Yuan abgewickelt. Vieles gelangt illegal ins Land, Medikamente, hochwertige Lebensmittel, moderne Kleidung. Yuan oder Dollar sind weit verbreitet und vergleichsweise leicht zu bekommen. Für ein Land, das auf wirtschaftliche Unabhängigkeit pocht, ist das ein gewaltiges Ärgernis. Zudem erschwert es die Kontrolle der Behörden über Volk und Wirtschaft.

Nordkorea veröffentlicht keine Wirtschaftsdaten. Es wird aber angenommen, dass das Land seit Jahren ein erhebliches Defizit in der Leistungsbilanz angehäuft hat, sprich, die Importe übersteigen die Ausfuhren, das wird durch Kapitalflüsse nicht ausgeglichen. Damit kommt nicht genügend harte Währung in das Land, mit der Einfuhren bezahlt werden können.

Ein Versuch im Jahr 2009, den Won neu zu bewerten und ausländisches Geld in Privatbesitz zu konfiszieren, rief heftige Proteste von Händlern hervor und zwang die Regierung, den Rückwärtsgang einzulegen und um Entschuldigung zu bitten. Ein seltenes Phänomen in dem kommunistischen Land. "Weil ihr selbst die Devisen fehlen, ist die nordkoreanische Regierung gezwungen, die Schwarzmarkt-Kurse zu tolerieren", sagt Cho Bong Hyun vom Wirtschaftsforschungsinstitut IBK in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Von Kuba lernen ...

Ein Ergebnis könnte ein neues Währungssystem sein: Reichel vom Pyongyang Project verweist auf das Beispiel Kuba. Dort bestehe de facto ein System zweier Währungen - der Peso für die Güter des täglichen Verbrauchs und der konvertible Peso, mit dem Importwaren erworben werden können. Als anderes Beispiel nennt Reichel Myanmar, wo die Regierung jahrelang den Schwarzmarkt-Preis des Kyat nicht anerkennen wollte, bis das Ganze außer Kontrolle geraten sei.

Wer mehr will als nur Güter "Made in Nordkorea", für den geht die Rechnung aktuell nicht auf. Die Staatsbediensteten werden in Won bezahlt, pro Monat sind es rund 6000 Won. Für die sehr einfache Grundversorgung reicht das. Für alles andere braucht man Devisen. Doch für 6000 Won kann man sich umgerechnet in Dollar am Schwarzmarkt gerade einmal eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug kaufen.

Selbst wer in der Hauptstadt einen guten Job hat, muss sich daher bemühen, anderweitig Geld zu verdienen. So beherrschen vor allem Frauen, die weniger als Männer gezwungen sind, staatlich-kontrollierte Stellen zu besetzen, die vielen Marktplätze in den Städten und auf dem Land.

Die Welt dreht sich weiter

Kim Jong Un, der dritte in der Kim-Dynastie des verarmten Landes, hat wiederholt versichert, die Zeit der Entbehrung sei vorbei. Mitte der 1990er Jahr hungerte das Volk. Die Wirtschaft litt unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute sieht es kaum besser aus. Aber die Welt um Nordkorea herum hat sich verändert: Die Handelspartner China und Russland verlangen Devisen für ihre Waren. Im Süden der Halbinsel herrscht der Kapitalismus, Südkorea ist eine aufstrebende Industrienation. China, einst Verfechter einer strikten Planwirtschaft, hat den Markt liberalisiert und ist zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft aufgestiegen.

Eine ähnliche Öffnung ist für Kim heikel. Denn folgt Nordkorea dem Beispiel Chinas, dann befördern Wirtschaftsreformen und ein freierer Markt den Aufstieg der Mittelklasse. Doch die fühlt sich weniger der Kim-Dynastie verpflichtet. Damit kann der Druck in Richtung politische Reformen zunehmen. Und die scheut der eingefleischte Basketball-Fan wie der Teufel das Weihwasser.

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Quelle: n-tv.de

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