Wirtschaft
Obwohl es sprudelt, kriegen die Märkte nicht genug.
Obwohl es sprudelt, kriegen die Märkte nicht genug.

Ausnahmezustand ist Alltag: Notenbanken kriegen Geldschleusen nicht zu

Von Samira Lazarovic

Weder Fed, noch EZB, noch der Bank of Japan gelingt die Abkehr von der lockeren Geldpolitik. Stattdessen müssen sie der Versuchung standhalten, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen. Frohlockt wird woanders.

Was können Notenbanken tun, um Deflation vorzubeugen und die Konjunktur anzukurbeln? Sie können im Rahmen einer sogenannten lockeren Geldpolitik die Zinsen senken und gleichzeitig Geld auf den Markt werfen. Das bringt die Banken dazu, mehr Kredite an Haushalte und Firmen zu vergeben, statt etwa in Anleihen zu investieren. Durch die Darlehen wird die Konjunktur gestützt, der Konsum springt an, die Preise erhalten Auftrieb. Soweit die Theorie.

Video

Die nunmehr schon seit Jahren verfolgte Praxis hat allerdings nicht den gewünschten Effekt erzielt. Ob die US-Notenbank (Fed), die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Bank of Japan (BOJ), sie alle sind nach Lehrbuch vorgegangen. Doch obwohl sie aufgrund der Finanzkrise keine wirklichen Alternativen hatten, haben sie am Ende nur magere Ergebnisse einfahren können. Denn die Banken ließen sich trotz Geldflut nicht zur Kreditvergabe bewegen. Die Geldinstitute suchten weiterhin nach attraktiveren Anlagemöglichkeiten und fürchteten gleichzeitig regionale Schwächen wie die Krise der südlichen Euroländer oder das rückläufige Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern und China. Die Crux: Genau diese mageren Ergebnisse führen dazu, dass die Notenbanken die Zügel nicht wieder anziehen können.

Fed hält sich für 2015 alles offen

In den USA zögert Fed-Chefin Janet Yellen seit Monaten die für dieses Jahr angedachte erste Zinserhöhung seit fast zehn Jahren hinaus. Der Grund: Sie will erst Fortschritte am US-Jobmarkt sehen, bevor die höheren Zinsen die Konjunktur abbremsen, weil die Kreditaufnahme teurer wird. Doch im September wurden nur 142.000 neue Jobs geschaffen, während Experten 203.000 erwartet hatten. Die Arbeitslosenquote liegt unverändert bei 5,1 Prozent.

Während die Börsen eine diesjährige Zinserhöhung bereits auspreisen, gibt sich die Fed ergebnisoffen: Eine Zinswende sei noch in diesem Jahr möglich, sagte zuletzt US-Notenbanker Eric Rosengren. Werde zu lange gewartet, laufe die Fed Gefahr, die Zinsen zu abrupt anzuheben. Rosengren hält sich dennoch die Hintertür auf: Sollte die US-Wirtschaft um weniger als 2,0 Prozent wachsen und die Arbeitslosenquote über 5,1 Prozent steigen, würde er mit diesem Schritt bis 2016 warten, gibt der Notenbanker zu.

EZB bereits für 2016 desillusioniert?

Stabile Preise

Die Europäische Zentralbank ist verpflichtet, für stabile Preise zu sorgen. Preisstabilität definiert die EZB allerdings nicht bei null Prozent Inflation, sondern bei einer mittelfristigen Steigerung des Preisniveaus "unter, aber nahe" zwei Prozent.

Die EZB will damit vor allem einen Sicherheitsabstand zur Deflation einhalten, also einen länger anhaltenden Rückgang des Preisniveaus vermeiden. Sie berücksichtigt damit auch, dass es zu leichten Messfehlern kommen kann. Eine gemessene Inflationsrate von Null könnte auf einen leichten Rückgang des tatsächlichen Preisniveaus hinweisen.

Die Zielmarke von zwei Prozent verfolgt einen weiteren Zweck: In der Eurozone gibt es Länder mit höheren und Länder mit niedrigeren Inflationsraten. Würde die EZB eine durchschnittliche Preissteigerung von null Prozent anstreben, müssten einige Mitgliedsstaaten entsprechend negative Raten aufweisen, um die Preissteigerung in anderen Staaten auszugleichen.

In Europa gilt es mittlerweile schon als unwahrscheinlich, dass die EZB im Jahr 2016 die Notenpresse wie geplant anhält. Auch hier läuft die Konjunktur deutlich weniger rund als erhofft. Trotz der Geldflut aus Frankfurt blieb der Schub für die Inflation aus. Im September fielen die Preise im Währungsraum gar um 0,1 Prozent. Damit verfehlt die europäische Notenbank deutlich ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent, das hier als ideal für das Wirtschaftswachstum gilt.

An den Finanzmärkten wird schon spekuliert, dass die Notenbank ihr Anleihenkaufprogramm sogar noch ausweiten könnte. Bislang ist geplant, dass die EZB bis September 2016 monatlich für rund 60 Milliarden Euro Wertpapiere kauft. EZB-Ratsmitglied Erkki Liikanen stemmt sich bereits gegen eine mögliche weitere Öffnung der Geldschleusen: "Lasst uns trotz fallender Preise das Tempo halten. Und selbst wenn sich die Lage verändert, sollten wir keine übereilten Schlüsse ziehen", sagte der finnische Notenbankchef in einem Interview. "Wenn man zu früh darüber spekuliert, mehr zu tun, schwächt das auch das, was man beschlossen hat."

BOJ widersteht. Noch.

In Japan gilt BOJ-Chef Haruhiko Kuroda als extrem frustriert darüber, dass die Unternehmen sich weigern, ihre Rekordgewinne in Form von Lohnerhöhungen weiterzugeben, um so die Teuerung anzukurbeln. Japan gilt als Parade-Negativ-Beispiel dafür, dass Geldpolitik alleine die Wirtschaft nicht ankurbeln kann. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt litt jahrelang unter Deflation. Bis heute bewegt sich die Inflation unter dem BOJ-Ziel von zwei Prozent.

Das brachte Marktbeobachter auf die Idee, dass die BOJ ihre ohnehin schon aggressive Geldpolitik noch weiter lockern könnten. Denn die bisherigen Maßnahmen scheinen nicht zu greifen: So deuten etwa Zahlen zur Industrieproduktion darauf hin, dass das Land im Sommer zurück in die Rezession gerutscht ist. Doch die Notenbank widersteht bisher den Forderungen der Börsianer und verkündete nun, bei ihrem bisherigen Ankaufprogramm von jährlich umgerechnet rund 590 Milliarden Euro zu bleiben. Macht monatlich gut 49 Milliarden Euro.

Anleger aalen sich im Notenbankgeld

Nach einer ersten Enttäuschung zogen die Aktienmärkte in Fernost nach der BOJ-Entscheidung an. Die Anleger geben sich für den Moment zufrieden mit dem bisherigen Anleihekaufprogramm. Sie setzen darauf, dass trotz allem schon bald zusätzliche Konjunkturspritzen gesetzt werden. "Angesichts des schwachen Zustands der japanischen Wirtschaft wird die BOJ möglicherweise schon Ende Oktober handeln", heißt es etwa bei den Analysten von Mitusbishi UFJ Morgan Stanley Securities.

Behalten die Analysten und Börsianer bei Fed, EZB und BOJ Recht, dann können sich die Anleger zumindest schon mal auf eine Jahresendrally an den Aktienbörsen freuen. Denn die aktuelle Rally an den weltweiten Börsen wurde bisher vor allem von der Nullzinspolitik der Notenbanken getragen. Eine Alternative zur Aktienanlage sehen die Händler mittelfristig nicht.

Die Zinsen in den USA im Jahr 2008 fast bis auf Null zu setzen war als Ausnahmezustand gedacht, erzählt der ehemalige US-Notenbankchef Ben Bernanke in seinen Memoiren "The Courage to act" ("Der Mut zu Handeln"). "Wir haben nicht gedacht, dass es so lange dauern würde", so Bernanke. Der Ausnahmezustand könnte noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen