Wirtschaft
Ölförderung im US-Bundestaat Kalifornien.
Ölförderung im US-Bundestaat Kalifornien.(Foto: imago/Mint Images)

Experten reiben sich die Augen: Ölpreis sinkt trotz Krisen

Von Benjamin Feingold

Trotz der geopolitischen Risiken rutscht der Ölpreis in die Nähe des Jahrestiefs. Was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, ergibt bei genauerem Hinsehen durchaus Sinn.

Die Notierung für Öl ist auf dem Weg nach unten: Inzwischen tendiert die US-Sorte WTI mit rund 93 Dollar je Barrel auf dem gleichen Niveau wie Anfang 2011. Daran ändern auch die zahlreichen Krisenregionen in der Welt nichts. Zwar haben irakische und kurdische Truppen mit Hilfe der Unterstützung der US-Luftwaffe die Kontrolle über den strategisch wichtigen Mossul-Staudamm zurückerobert. Der Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" wird nach Einschätzung von US-Präsident Barack Obama aber noch länger weitergehen. Angesichts der aufflammenden Konflikte in Ölregionen ist der Verfall des Ölpreises sehr verwunderlich. Zumal es noch zahlreiche andere Krisenherde gibt, wie beispielsweise in der Ukraine. Und eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Doch selbst wenn die Auseinandersetzungen in den Krisenregionen weitergehen - es hat noch keine schweren Ausfälle bei der Ölproduktion gegeben. Im Gegenteil: Vielmehr wird der Ölpreis durch das üppige Angebot belastet, das vor allem durch die hohe Produktion in den USA entsteht. Zwar sind die Lagervorräte in der vergangenen Woche um 4,5 Millionen Barrel - und damit deutlich stärker als erwartet - gesunken. Mit 362,5 Millionen Barrel liegen sie aber noch immer auf einem hohen Niveau. Wegen des so genannten Frackings, also dem Abbau von Öl in Schiefer-Gesteinsschichten, war die Ölproduktion in den USA im Juli auf 8,5 Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Das ist das höchste Niveau seit 1987.

Zudem eröffnet Libyen seinen Ölexport-Hafen Es Sider wieder, nachdem die Rebellen im vergangenen Monat dessen Kontrolle an die Regierung übergeben hatten. Das sorgt für zusätzliches Angebot auf dem Markt.

Nachfrage schwächer als erwartet

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Für zusätzlichen Druck auf den Preis sorgt, dass die weltweite Nachfrage schwächer ausfällt als bislang erwartet. So hat die amerikanische Energy Information Administration (EIA) zuletzt die weltweite Prognose für 2014 von 91,62 Millionen auf 91,56 Millionen Barrel pro Tag gesenkt. Das wäre nur ein Anstieg um 1,2 Prozent gegenüber 2013. Die Reduktion der Prognose ist angesichts der starken Eintrübung der Perspektiven für die Weltwirtschaft mehr als nachvollziehbar. So haben zuletzt die Volkswirte ihre Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft für 2014 auf knapp 2,5 Prozent zusammengestrichen. Noch im Februar waren die Experten von einem Plus von 2,9 Prozent ausgegangen.

Den Preisverfall bei Öl nutzen Hedgefonds, um auf weiter sinkende Preise zu setzen. Zuletzt haben die Spekulanten die Zahl ihrer Futures und Optionen, mit denen sie auf steigende Kurse setzen, deutlich verringert - und im Gegenzug jene auf fallende Kurse stark aufgestockt. Die Hedgefonds sind damit so wenig zuversichtlich für den Ölpreis wie seit Juli 2012 nicht mehr.

Sinkender Ölpreis setzt Putin unter Druck

Eine Rolle beim Verfall des Ölpreises könnten auch die Halbzeitwahlen in den USA spielen, die am 4. November stattfinden werden. Denn sinkende Benzinpreise würden den Verbraucher mehr Geld für den Konsum in der Tasche lassen. In den Monaten vor den letzten Halbzeitwahlen im Jahr 2010 hatte der Preis ebenso geschwächelt wie vor den Präsidentschaftswahlen im November 2012.

Hingegen ist ein schwacher Ölpreis eine Belastung für Russland. Das Land hatte zuletzt etliche Auktionen von Anleihen abgesagt, weil die geforderten Zinsen von 9,26 Prozent für den Staat zu hoch waren. Noch kann sich Russland eine solche Haltung leisten, weil der Haushalt dank der hohen Ölpreise Devisen in die Staatskassen spült. Im Zeitraum Januar bis Juli erwirtschaftete Russland einen Haushaltsüberschuss von 675 Milliarden Rubel (14 Milliarden Euro). Das entspricht 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

"Das Staatsbudget ist dieses Jahr in gutem Zustand. Wenn der Ölpreis bis zum Jahresende bei 101 Dollar je Barrel bleibt, wird es keinen Druck am Primärmarkt geben", schrieben die Analysten der Moskauer Firma VTB Capital zuletzt. Am Primärmarkt findet die Erstausgabe der Anleihen statt, die später am Sekundärmarkt gehandelt werden. Sollte der Ölpreis aber weiter sinken, könnte eine Refinanzierung für Russland immer schwieriger werden.

Quelle: n-tv.de

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