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Handelschaos an US-Technologiebörse: Nasdaq-Chef erlebt sein zweites "Facebook"

Elektronische Handelssysteme beherrschen die weltweiten Finanzmärkte. Sicherer sind sie deshalb nicht geworden. Das beweisen immer neue Computerpannen. In dieser Woche sorgt erst Goldman Sachs für Wirbel im US-Optionshandel, dann patzt die Nasdaq stundenlang - und das nicht zum ersten Mal.

Nach der längsten Zwangspause der US-Technologiebörse Nasdaq werden Forderungen nach sichereren Handelssystemen laut. "Unsere Systeme und die der gesamten Branche, müssen in Sachen Fehleranfälligkeit auf eine neue Stufe gebracht werden", sagte Robert Greifeld, Vorstandschef der Betreibergesellschaft Nasdaq OMX Group, nachdem der gesamte Handel für mehrere Stunden komplett lahmgelegt worden war. Kunden beklagten, die jüngste Schlappe zeige, dass die Nasdaq es nicht schaffe, ihre Systeme in den Griff zu bekommen.

Nasdaq OMX hatte nach dem desaströsen Verlauf des Facebook-Börsengangs im vergangenen Jahr unter Greifelds Führung bereits seine technischen Systeme erneuert. Bis dato galt der verpatzte Börsengang des Sozialen Netzwerks im Mai 2012 als der mit Abstand schwierigste Moment in der Karriere des 56-Jährigen, der seit 2003 an der Spitze der Nasdaq steht. Im Mai akzeptierte sie dafür eine Strafe von zehn Millionen Dollar - so viel musste eine Börse noch nie für Fehler bezahlen.

Gefährliche Kettenreaktion

Am Donnerstag waren deutlich mehr Aktien betroffen, der Widerhall am Markt viel stärker. Das Handelssystem war für mehrere Stunden lahmgelegt. Grund war dem Börsenbetreiber zufolge ein Softwareproblem. Auch der Optionshandel wurde ausgesetzt. Erst nach drei Stunden konnte die zweitgrößte Börse der USA gegen 15.10 Uhr Ortszeit den Handel mit den Papieren von Technologiefirmen wie Apple, Facebook, Microsoft oder Google wieder aufnehmen.

Die technischen Problemen betrafen einen der wichtigsten Daten-Feeds der Börse. Dessen Ausfall sorgte stundenlang für Verwirrung am Markt und veranlasste andere Börsen dazu, an der Nasdaq-gelistete Aktien ebenfalls vom Handel auszusetzen. Alternative Handelsplattformen wie Dark-Pools - private Handelplattformen, die von Banken oder anderen Finanzfirmen betrieben werden - schränkten den Handel ebenfalls ein oder stoppten ihn.

Kommunikationsfehler

Im Gespräch mit dem "Wall Street Journal" hatte Greifeld im vergangenen Jahr erklärt, die Nasdaq habe ihre Systeme "über-technisiert". Händler und Vorstände von großen Nasdaq-Kunden beschwerten sich seinerzeit, dass sie zu langsam, zu wenig Informationen bekommen hätten, was ihnen und ihren Kunden unnötige Verluste eingebrockt habe.

Nasdaq-O;X-Chef Greifeld: Nach der erneuten Panne werden Forderungen nach personellen Konsequenzen laut.
Nasdaq-O;X-Chef Greifeld: Nach der erneuten Panne werden Forderungen nach personellen Konsequenzen laut.(Foto: REUTERS)

Derartige Beschwerden wurden nun erneut laut - über einen Zeitraum von drei Stunden. Am späten Nachmittag im US-Handel verbreitete die Nasdaq zwar eine Stellungnahme, nannte aber keine Ursachen für die technischen Fehler. Erklärt wurde lediglich, dass sie  mit anderen Börsen zusammenarbeiten" und  alle notwendigen Schritte zur Verbesserung der Plattform unterstützen" werde.

Später erläuterte der Börsenbetreiber, ein "Verbindungsproblem" im zentralen Nervensystem der Börse - dem Securities Information Processor - sei Anlass für die Handelsunterbrechung gewesen.

Er könne sich an eine derartige Panne bei der Nasdaq nicht erinnern, sagte Christopher Nagy von der Beratungsfirma KOR Trading. Händler wie Sal Arnuk von Themis Trading in Chatham New Jersey ließen dagegen ihrem Ärger Luft. "Jede Maklerfirma wird für das Erfüllen von Aufträgen bezahlt. Ja, wir sind frustriert. Das schadet uns, schadet dem Handel und schadet dem Vertrauen der Öffentlichkeit."

Personelle Konsequenzen?

Nach Facebook hatten Greifeld und der Nasdaq-Verwaltungsrat eine umfassende Prüfung der Führungsstrukturen im Unternehmen angeordnet. Sie konzentrierte sich im Wesentlichen auf die Technik, im Ergebnis wurden die Zuständigkeiten einiger hochrangiger Führungskräfte aufgeteilt. Verlassen mussten sie die Nasdaq allerdings nicht.

Nach dem erneuten Debakel glauben Branchenexperten, dass nun auch Entlassungen anstehen. "Es sieht in diesem Fall so aus, als sei er [Greifeld] von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen worden", sagte Neal Wolkoff, Ex-Chairman und Vorstandschef der American Stock Exchange, der inzwischen als Berater und Rechtsanwalt für die Kanzlei Richardson & Patel arbeitet. "Als Vorstandschef muss er auf die Leute um sich schauen und prüfen, ob sie das Beste für das Unternehmen leisten - und für ihn."

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Unter Greifeld hat die Nasdaq ihr Geschäft über den Kernbereich des elektronischen Aktienhandels hinaus erweitert. Mit dem Kauf der Philadelphia Stock Exchange hat sie 2007 einen Fuß in das wachsende Geschäft mit dem Derivatehandel gesetzt. Etwa zu gleichen Zeit expandierte die Nasdaq auch nach Europa und erwarb den skandinavischen Börsenbetreiber OMX.

Auch an die ganz großen Deals hat sich Greifel gewagt, ist damit aber gescheitert. So hat er gemeinsam mit der Intercontinental Exchange (ICE) vor zwei Jahren versucht, den Erzrivalen Nyse Euronext zu übernehmen. Der Verwaltungsrat der New York Stock Exchange wies das Angebot aber zurück. 2012 kündigten Nyse und ICE einen Zusammenschluss an, den sie gerade vollziehen.

Keine Eintagsfliege

Pannen beeinflussen immer wieder das Marktgeschehen. Im April legten zum Beispiel Software-Probleme die Derivate-Börse CBOE aus Chicago für einen halben Tag lahm. Im Sommer 2012 sorgte der US-Aktienhändler Knight Capital für Schlagzeilen. Knight-Rechner hatten damals unbeabsichtigt den Markt mit Orders geflutet und für Chaos gesorgt. Dem Unternehmen entstand ein Verlust von 440 Millionen Dollar. Das Handelshaus stand dadurch vor dem Kollaps und musste von mehreren Investoren gerettet werden.

In Erinnerung ist an der Wall Street zudem noch der sogenannte Flash Crash aus dem Jahr 2010. Damals fiel der Kurs des Standardwerte-Index Dow Jones binnen Minuten um rund 1000 Punkte. Hier lösten Computerprogramme von Hochfrequenz-Händlern eine Verkaufskaskade aus.

Erst am Dienstag hatte es eine weitere Handelspanne an den US-Börsen gegeben: Die größte Investmentbank Goldman Sachs tätigte wegen technischer Probleme versehentlich eine Flut an Geschäften mit Aktienoptionen und versetzte damit den Markt kurzzeitig in Aufruhr.

Quelle: n-tv.de

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