Wirtschaft
Chinas Millionenstädte ersticken im Smog: Mao-Statue in Shenyang.
Chinas Millionenstädte ersticken im Smog: Mao-Statue in Shenyang.(Foto: REUTERS)

Schock für deutsche Autobauer?: Peking schränkt Pkw-Kauf ein

Das Smog-Problem lässt sich nicht länger leugnen: Im Kampf gegen die teils dramatische Luftverschmutzung verschärft Peking die Grenzen bei der Zulassung von Neuwagen. Die harschen Maßnahmen könnten den asiatischen Automarkt grundlegend verändern.

Atemluft voller Feinstaub: Die enormen Umweltbelastungen führen der Bevölkerung die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums vor Augen.
Atemluft voller Feinstaub: Die enormen Umweltbelastungen führen der Bevölkerung die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums vor Augen.(Foto: REUTERS)

Bei manchen Wetterlagen ist das Problem selbst für parteitreue Funktionäre nicht mehr zu übersehen: Ein Gemisch aus Staub, Nebel und giftigen Abgasen legt sich wie ein alles erstickender Teppich über den Luftraum der chinesischen Hauptstadt. Der Smog macht längst nicht mehr nur Alten, Kranken und Kleinkindern das Atmen schwer. Wenn es ganz schlimm kommt, etwa zu Beginn der Heizsaison, dann kann die Sichtweite in den Metropolen in Chinas dicht besiedeltem Nordosten mitunter deutlich unter die 50-Meter-Marke fallen.

An größeren Straßenverkehrskreuzungen sind dann teilweise sogar rote Ampeln für die Autofahrer nicht mehr unbedingt erkennbar. Durch Straßenverkehr, veraltete Kohleheizungen und ungefilterte Großkraftwerke erreicht die Feinstaubbelastung in Peking teils Spitzenwerte von mehr als 900 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft. Zum Vergleich: In Europa gilt die gesundheitlich bedenkliche Schwelle bereits bei 50 Mikrogramm je Kubikmeter als überschritten. Die Risiken sind enorm: Sie reichen von Atemwegserkrankungen über Herzkreislauferkrankungen bis hin zu einer statistisch deutlich verringerten Lebenserwartung.

Für die Wirtschaftslenker innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas ist damit der Kampf gegen die rasant wachsende Umweltverschmutzung mehr als nur ein kosmetisches Problem. Der wirtschaftliche Schaden durch krankheitsbedingte Ausfallzeiten, steigende Gesundheitskosten und einer latent drohenden Abwanderung wohlhabender Einwohner zwingt die Machthaber zum raschen und energischen Handeln.

Das Problem ist nicht zu übersehen: Die zentrale Guomao-Brücke in Peking an einem "normalen" Wintertag (Archivbild).
Das Problem ist nicht zu übersehen: Die zentrale Guomao-Brücke in Peking an einem "normalen" Wintertag (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Eine dieser Reaktionen könnte nun die Erfolgsaussichten deutscher Automobilhersteller gefährden: China verschärft seine Bemühungen um reinere Luft in der Hauptstadt Peking und führt Obergrenzen bei der Zulassung von Neuwagen ein. Im Kampf gegen das Smog-Problem in der 12-Millionen-Metropole dürfen die Behörden in den kommenden vier Jahren jährlich nur noch 150.000 Neuzulassungen genehmigen. Das sind 40 Prozent weniger als bislang gestattet war, wie aus einer Mitteilung der Stadtregierung hervorgeht.

Weitere Maßnahmen dürften den Neuwagenmarkt in Peking drastisch verändern: Die Stadtverwaltung will sparsamere Pkw-Modelle, die weniger Abgase ausstoßen, fördern. Ihr Anteil soll allein 2014 auf 20.000 verdreifacht werden. Beobachter rechnen schon jetzt mit einer strategischen Neuausrichtung der großen Autokonzerne im chinesischen Markt. Autohersteller wie General Motors (GM), Toyota, Daimler, BMW oder Volkswagen dürften sich verstärkt auf kleinere, weniger bevölkerte Städte konzentrieren - oder verstärkt abgasfreie Elektromodelle anbieten.

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Immerhin sind Smog-bedingte Restriktionen für die in China aktiven Hersteller nicht neu: Neben Peking ist der Autokauf bislang bereits in drei weitere chinesischen Millionenmetropolen starken Restriktionen unterworfen: Shanghai, Guangzhou und Guiyang. Zulassungen werden hier nur noch über Auktionen oder Lotterien vergeben. In acht weiteren Städten sollen behördliche Einschränkungen folgen, wie der chinesische Verband der Autohersteller im Juli mitteilte. Wenn diese Vorgaben ausgeweitet werden sollten, könnte dies den gesamten Absatzmarkt in China strukturell verändern. Die deutsche Autobranche wäre auf diese Veränderungen zum Teil bereits recht gut vorbereitet: Neben BMW mit dem i3 bieten auch VW (zum Beispiel E-Up), Opel (Ampera) und Daimler (Smart, A-Klasse) abgasfreie Kleinwagemodelle an. Die VW-Konzerntochter Audi hat sich dagegen im Frühjahr von seinen weiteren Elektro-Projekten vorerst verabschiedet.

Dringendes Alarmzeichen

China hat bereits eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, um Luft und Wasser zu säubern sowie die Verkehrsüberlastung in den Megastädten in den Griff zu bekommen. Die großen Erfolge blieben bislang aber aus. Allein im vergangenen Monat kam beispielsweise wegen des Smogs das öffentliche Leben in Harbin zum Erliegen. In der Hafenstadt im Nordosten des Landes leben elf Millionen Einwohner. Die Umweltverschmutzung und ihre Auswirkungen sorgt in China zunehmend für soziale Unruhe - ein Umstand, den die Machthaber in Peking wohl als dringendes Alarmzeichen verstehen.

Denn das mühsam ausbalancierte innere Gleichgewicht ist in dem Riesenreich allein schon durch die Masse der Einwohner und die Vielzahl verschiedener Ethnien und Schichten ständig in Gefahr in Spannungen und eine mögliche gewaltsame Eskalation zu kippen. Wie stark der soziale Friede gefährdet ist, zeigt eine Kennziffer aus der laufenden Konjunkturdebatte: Für einen stabilen Arbeitsmarkt braucht China derzeit nach den Worten von Ministerpräsident Li Keqiang ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens 7,2 Prozent. Zum Vergleich: Innerhalb der Eurozone dürfte das Bruttoinlandsprodukt nach der aktuellen Schätzung der EU-Kommission im kommenden Jahr lediglich um 1,1 statt bisher 1,2 Prozent zulegen.

Das kleinste Plus seit Jahren

Nur mit einer solchen Wachstumsrate könnten jährlich zehn Millionen Jobs geschaffen und die Arbeitslosenquote in den großen Städten auf etwa 4 Prozent beschränkt werden, sagte Keqiang. Die Marke dürfte in diesem Jahr übertroffen werden: Nach der Industrie gewannen auch die Dienstleister im Oktober an Schwung, wie aus den jüngst veröffentlichten Konjunkturdaten hervorgeht.

Mitglieder der Staatsführung äußern sich in China nur selten zum Wechselspiel von Wachstum und Beschäftigung. Li hielt die Rede bereits vor zwei Wochen, sie wurde aber erst zu Wochenbeginn erstmals in voller Länge in der Zeitung "Workers' Daily" veröffentlicht. Der Regierungschef bekräftigte dabei das offizielle Wachstumsziel von 7,5 Prozent für dieses Jahr - es wäre das kleinste Plus seit 23 Jahren. In den ersten neun Monaten legte die Wirtschaft um 7,7 Prozent zu.

Sorgen bereitet der Staatsführung demnach allerdings die Exportwirtschaft. "Wenn die Exporte stark zurückgehen, haben wir ein Beschäftigungsproblem", sagte der Ministerpräsident. Dem Exportweltmeister macht die Krise in Europa zu schaffen, während der Haushaltsstreit in den USA zusätzlich belastet. Im September schrumpften die Ausfuhren überraschend um 0,3 Prozent, während Ökonomen ein Plus von 6 Prozent erwartet hatten.

Am Wochenende tagt das Zentralkomitee

Die Exporteure könnten allein 30 Millionen Arbeitsplätze schaffen, sagte der Regierungschef. Weitere 100 Millionen Stellen könnten dadurch in anderen Branchen entstehen. Jeder Prozentpunkt mehr an Wachstum sorge für 1,3 und 1,5 Millionen neue Jobs, sagte Li. Seine Äußerungen werden aufmerksam verfolgt, weil im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am Wochenende über tiefgreifendere Wirtschaftsreformen gesprochen werden soll. Die Staatsführung will ein nachhaltiges Wachstum erreichen und setzt dafür stärker auf den privaten Konsum.

Derweil mehren sich die Anzeichen für eine Stabilisierung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Der Einkaufsmanagerindex von Markit und HSBC für die Dienstleister stieg im Oktober um 0,2 auf 52,6 Punkte. Oberhalb der Schwelle von 50 zeigt das Barometer Wachstum an. Der offizielle Einkaufsmanagerindex - der eher die größeren Unternehmen berücksichtigt - war zuvor kräftig gestiegen. Die Neuaufträge kletterten der HSBC-Erhebung zufolge auf den höchsten Stand seit März. "Das kann die Wachstumsdynamik in den kommenden Monaten stützen", sagte HSBC-Ökonom Qu Hongbin. Der Service-Sektor hat die Konjunkturabkühlung besser als die Industrie verkraftet. Die Staatsführung hofft, dass sie an Gewicht gewinnt, um die Abhängigkeit von Exporten zu verringern.

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Quelle: n-tv.de

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