Wirtschaft
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Ein Kandidat fürs Depot?: Portugal geht noch an Krücken

Von Birgit Haas

Das südeuropäische Krisenland ist ökonomisch am Wendepunkt. Daran dürfte die Unsicherheit über den Wahlausgang in Griechenland nichts ändern. Der Aktien- und Rentenmarkt bietet Potenzial.

Lissabons Altstadt ist ein Traum von dicht aneinandergedrängten Häusern in rot, weiß und hellgelb, dazwischen Tupfer kunstvoller Fliesen in blauweiß. In höheren Lagen ist der Ausblick auf den Fluss Tejo und die Ziegeldächer atemberaubend. Wen dabei die Sehnsucht nach einem neuen Domizil in der portugiesischen Metropole packt, muss nicht reich sein, um sich zu verwirklichen. Während in den Großstädten Europas die Immobilienpreise nach oben schnellen, sind sie in den portugiesischen Städten und entlang der Algarve nahezu eingebrochen: Seit 2008 sind die Preise um 25 bis 30 Prozent gesunken.

Sparkurs wird fortgesetzt

Doch es tut sich was und das Land scheint bei seinen Reformen schon einen Schritt weiter zu sein als etwa Griechenland. Noch könne Portugal seinen rigiden Sparkurs nicht lockern, das meint zumindest der ESM-Chef und Ex-EU-Kommissar Klaus Regling. Portugal müsse an seinen Reformen festhalten. "Das Defizitziel von 2,7 Prozent könnte in diesem Jahr verfehlt werden", sagte er Anfang Januar bei einem Besuch in der Hauptstadt Lissabon.

Die Regierung müsse die Restrukturierung von Staatsbetrieben vorantreiben, den Haushalt weiter konsolidieren und die hohe Jugendarbeitslosigkeit senken. Bisher hat Portugal unter anderem das Arbeitsrecht liberalisiert, staatliche Unternehmen privatisiert und das Personal sowie Sonderleistungen im öffentlichen Dienst abgebaut.

Doch wo steht Portugal überhaupt in einer Zeit, in der Banken und Politik in der Eurozone gebannt nach Griechenland blicken, wo nach einem Wahlsieg der linken Partei Syriza und der Rechtspopulisten der Spar- und Reformkurs beendet werden könnte?

Portugal wandelt sich

Die OECD prognostiziert für dieses Jahr ein Wachstum von 1,3 Prozent, was die Fortschritte in Portugal widerspiegelt. Für 2014 rechnen Volkswirte mit 0,8 Prozent. Stärkste Triebfeder ist dabei der Export. "Wir mussten auf den Export setzen, um den Verlust auszugleichen, der auch mit dem Wegbrechen des nationalen Marktes entstanden war", sagte Miguel Frasquilho, Präsident der portugiesischen Außenhandelskammer AICEP zum Deutschlandfunk.

Künftig will die Regierung auch stärker in innovative Technologien investieren, die Energie- und Abfallwirtschaft vorantreiben und erneuerbare Energien ausbauen. Ein notwendiger Schritt, denn bislang hat das Land rund 80 Prozent der Primärenergie importieren müssen. Bis 2020 sollen 31 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen werden, der Staat will in diesem Bereich rund 121.000 Arbeitsplätze schaffen.

Auch die Samwer-Brüder haben Portugal für sich entdeckt und eine Dependance von Rocket Internet in Porto eröffnet. Rund 100 Mitarbeiter ziehen ein Tech- und Developmentcenter auf, das auch ein Brückenkopf in den afrikanischen und südostasiatischen Markt bilden soll.

Aktienmarkt mit Nachholpotenzial

Potenzial wird auch am Anleihenmarkt Portugals gesehen. So plant das portugiesische Schatzamt in diesem Jahr, die Bruttosumme von 12 Milliarden bis 14 Milliarden Euro über Staatsanleihen am privaten Kapitalmarkt aufzunehmen. Eine Anleihe mit 30jähriger Laufzeit mit 4,1 Prozent Rendite kam zuletzt bei Investoren gut an. Dagegen hat der portugiesische Aktienmarkt Nachholpotenzial.

In den vergangenen 12 Monaten verlor der Leitindex PSI rund 20 Prozent. Die darin enthaltenen 18 bis 20 Unternehmenstitel werden vierteljährlich auf ihre Marktkapitalisierung überprüft. Die fünf besten Werte entsprachen Ende des Jahres 62 Prozent, namentlich waren das Galp Energia EDP, J. Martins, B.Com Portugues und NOS. Der Finanzsektor war zu diesem Zeitpunkt nur mit 12 Prozent im Index vertreten, die Realwirtschaft, wie Unternehmen der Versorgungsbranchen und der Konsumgüterindustrie machen einen wesentlich größeren Teil aus.

Mit Blick auf Griechenland gibt man sich in Portugal entsprechend selbstbewusst: Noch vor ein paar Jahren hätte ein Währungsaustritt Griechenlands wegen der Ansteckungsgefahr tragisch sein können, heute würde ein Austritt aber weder für das Land noch für den Euro unheilvolle Konsequenzen haben, erklärte Außenminister Rui Machete kurz nach Jahresbeginn in Lissabon. "Die Lage ist besorgniserregend, aber nicht tragisch.“

Dementsprechend sind die Risiken eines Investments auf dem portugiesischen Markt nicht gerade gering, doch für mutige Investoren verlockend. Wer sich das ganze zuvor vor Ort ansehen möchte, dem sei ein Ausflug ins wunderschöne Lissabon wärmstens empfohlen. Da der Tourismus ebenfalls zu den Wachstumsbranchen zählt, ist dort jeder herzlich willkommen - und Übernachtungsgelegenheiten gibt es mehr als genug.

Quelle: n-tv.de

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