Wirtschaft
Die Auftragsbücher in den deutschen Unternehmen sind gut gefüllt.
Die Auftragsbücher in den deutschen Unternehmen sind gut gefüllt.(Foto: picture alliance / dpa)

"Weltwirtschaft an Wendepunkt": Prognosen ertrinken in Geld und Öl

Der abgestürzte Ölpreis sowie die weltweit lockere Geldpolitik treiben das Wirtschaftswachstum. Kaum ein Forscher kommt umhin, seine Voraussagen anzuheben. Das dürfte vor allem Verbraucher freuen. Doch der Blick geht richtet sich zunehmend auf die Schattenseiten.

Angesichts des niedrigen Ölpreises sowie der lockeren Geldpolitik etlicher Notenbanken haben Konjunkturexperten ihre Prognosen angehoben. Vor allem für den Euroraum und Indien rechnet sie mit einem stärkeren Wirtschaftswachstum als im November 2014. Zugleich warnt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor den Risiken für die Finanzstabilität, die sich aus "anormal niedrigen" Inflationsraten und Zinsen ergeben.

Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt erwartet die OECD jetzt Anstiege von 1,9 Prozent in diesem und 2,3 Prozent im kommenden Jahr. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet 2,2 und 1,9 Prozent. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnet mit 2,1 und 1,9 Prozent. DIW und RWI verwiesen auf ein unerwartet robustes Winterhalbjahr.

OECD: Indien wächst schneller als China

"Niedrige Ölpreise und die lockerere Geldpolitik haben die Weltwirtschaft an einen Wendepunkt gebracht", sagte OECD-Chefvolkswirtin Catherine Mann. Für ihre Mitgliedsländer erwartet die Organisation nun ein Wachstum von 4,0 und 4,3 Prozent.

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Profiteure des gesunkenen Ölpreises sind vor allem die hoch industrialisierten Volkswirtschaften des Euroraums und Japans, aber auch Indien, dessen Wachstumsraten die Chinas im laufenden Jahr erstmals übertreffen werden. Ihre Wachstumsvoraussagen für die USA ließ die in Paris ansässige Organisation unverändert bei 3,1 und 3,0 Prozent. Auch Chinas Prognose bewegte sich mit 7,0 und 6,9 Prozent kaum. Einen großen Sprung nach vorn machte dagegen Indien, dessen BIP-Prognosen die OECD auf 7,7 und 8,0 Prozent anhob.

DIW: Die Welt ist eine andere

Nach Ansicht der Berliner Forscher des DIW wächst die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr so stark wie seit 2011 nicht mehr. Anzeichen einer Überhitzung sehen sie indes nicht. Denn wichtige Absatzmärkte wie der Euroraum und China entwickelten sich nur schwach. "Die deutsche Wirtschaft wächst wieder kräftig - dank des starken Arbeitsmarktes, aber auch der niedrigeren Energiepreise und des schwächeren Euros", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Ähnlich sieht es das RWI.

Zugleich aber warnte DIW-Chef Fratzscher angesichts der sich ändernden Rahmenbedingen. "Die Welt ist eine andere als vor der Krise: Die Exporte spielen eine geringere Rolle, weil wichtige Absatzmärkte - vor allem der Euroraum - an Dynamik verloren haben." Eine immer wichtigere Rolle spiele dagegen der Inlandskonsum, sagte er.

15 Milliarden Euro Etat-Überschuss prognostiziert

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Nach Ansicht des DIW dürften die Investitionen angesichts der trüberen Absatzchancen und der weiterhin großen Risiken für die weltweite Konjunktur nur vergleichsweise moderat zulegen. Für das laufende Jahr rechnen die Experten mit rund 300.000 neuen Jobs, für 2016 mit 200.000. Die befürchteten negativen Beschäftigungsauswirkungen des Mindestlohns von 8,50 Euro seien bislang ausgeblieben, erklärte Fratzscher. Allerdings hätten einzelne Branchen wie chemische Reinigungen oder das Taxigewerbe ihre Preise erhöht.

Die gute wirtschaftliche Lage sorgt auch für hohe Einnahmen der öffentlichen Hand. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kann sich auf einen Überschuss des Gesamtstaates - also Bund, Länder, Gemeinden und Sozialkassen - von 15 Milliarden freuen, wenn die Berechnungen des DIW zutreffen. Im alten Jahr betrug der Überschuss 18 Milliarden Euro.

Weltweite Geldpolitik birgt Gefahren

Zugleich aber bereiten die weltweit niedrigen Leitzinsen den Forschern auf Kopfschmerzen. Erst am Vortag hatte IWF-Chefin Christine Lagarde vor negativen Folgen gewarnt. Nun verweist auch die OECD auf Stabilitätsrisiken. "In vielen Ländern, vor allem in Europa, ist das Risiko einer zu lange zu niedrigen Inflation gestiegen."

Zwar seien stabile und leicht positive Inflationsraten vorteilhaft für eine Volkswirtschaft. Allerdings hält die Organisation die Zinsrückgänge teils für übertrieben. "Die mangelnde Bepreisung von Risiken war die wichtigste Ursache der jüngsten Finanzkrise, und so eine Fehlbepreisung könnte sich auch jetzt zeigen. Es ist bemerkenswert, dass eine Reihe von Regierungen Schulden mit mittlerer Laufzeit zu negativen nominalen Zinsen aufnehmen kann."

Die DIW-Forscher erinnerten zudem daran, dass eine plötzliche oder stärker als erwartete Anhebung der US-Leitzinsen für Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern sorgen könne. Ferner bestehe die Gefahr einer Deflation im Euroraum. Solch ein Preisverfall führt oft zur Zurückhaltung bei Verbrauchern und Firmen - die Wirtschaft wächst nicht mehr.

Für das RWI könnte die Zinswende in den USA deutlich stärkere Folgen haben als frühere Zinserhöhungen. Als Belastungsfaktoren für die Weltwirtschaft nennen sie das langsamere Wachstum in China und die internationalen Konflikte, vor allem jener zwischen Russland und der Ukraine.

Quelle: n-tv.de

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