Wirtschaft
Steueroasen seien weltweit das größte Problem für eine gerechtere Reichtumsverteilung, sagt Gabriel Zucman.
Steueroasen seien weltweit das größte Problem für eine gerechtere Reichtumsverteilung, sagt Gabriel Zucman.(Foto: dpa)

Zentral-Finanzregister als Gegenpol: "Reichtum wird nach oben gesogen"

Ein Gastkommentar von Gabriel Zucman

Die soziale Ungleichheit ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Der Reichtum wird nach oben gesogen, er sickert nicht nach unten. Alle sprechen darüber, aber das Problem wird immer größer. Die Lösung liegt auf der Hand.

62 Milliardäre besitzen heute so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen, das sind 3,6 Milliarden Menschen. Das belegt der neue Oxfam-Bericht "Ein Wirtschaftssystem für die Superreichen". Vor fünf Jahren lag dieses Verhältnis noch bei 388 zu 3,5 Milliarden. Diese Zahlen sollten die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger, die sich diese Woche beim Weltwirtschaftsforum in der Schweiz treffen, daran erinnern, dass ihr bevorzugtes Wirtschaftsmodell keineswegs allen zugutekommt.

Gabriel Zucman ist Assistenzprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Berkeley.
Gabriel Zucman ist Assistenzprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Berkeley.(Foto: Gabiel Zucman)

 Anstatt nach unten durchzusickern, wird der Reichtum nach oben gesogen. Laut Oxfam hat der Reichtum der unteren Hälfte seit 2010 um eine Billion US-Dollar abgenommen. Das Vermögen der 62 Superreichen ist dagegen um etwa 540 Milliarden Dollar auf sagenhafte 1,76 Billionen gestiegen. Diese Zahlen sind wegen der schlechten globalen Datenlage mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Aber sie decken sich mit dem, was wir aus Ländern wie den USA wissen, wo es tatsächlich sehr genaue Daten gibt.

Eine der Wurzeln dieser extremen Ungleichheit sind sogenannte Steueroasen. Sie ermöglichen es reichen Individuen und großen Konzernen, sich um ihren fairen Steueranteil zu drücken und Regierungen weltweit jene Einnahmen zu entziehen, die sie für öffentliche Leistungen oder die Bekämpfung der Ungleichheit benötigen.

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Statistiken verschleiern Ungleichheit

Noch nie lagerte so viel Geld in Steueroasen wie heute: Rund 7,6 Billionen US-Dollar sind auf Konten in Ländern wie der Schweiz, Luxemburg oder Singapur versteckt. Aber das Problem betrifft nicht nur reiche Volkswirtschaften. Rund die Hälfte des Geldes in Steueroasen stammt aus Entwicklungsländern, Tendenz steigend. Würde man dieses Kapital besteuern, würde dies den Regierungen 190 Milliarden US-Dollar Mehreinnahmen jährlich bringen. Das ist mehr als alle weltweiten Zahlungen für die öffentliche Entwicklungshilfe zusammen.

Ein Großteil des Vermögens in Steueroasen gehört den mehr als 50 Millionen Dollar schweren Superreichen, die illegal Steuern hinterziehen. Daraus ergeben sich zwei Dinge: Erstens unterschätzen unsere gegenwärtigen Statistiken das tatsächliche Ausmaß der Ungleichheit, da sie diese Vermögen nicht mitrechnen. Zweitens verschärft die niedrige effektive Steuerrate auf hohe Vermögen am oberen Ende der Skala den Teufelskreis der wachsenden Ungleichheit.

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 Auch multinationale Konzerne legen ihr Geld vermehrt in Steueroasen an. So haben allein US-Konzerne den Anteil ihrer Profite, die sie in Niedrigsteuerländer transferieren, von 2000 bis 2014 versechsfacht. Neun von zehn Unternehmen, die als Partner des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos auftreten, haben mindestens eine Niederlassung in einer Steueroase.

Erste Fortschritte zeichnen sich ab. Die meisten Steueroasen haben zugestimmt, ab 2017 automatisch Bankdaten mit anderen Ländern auszutauschen. Das macht Hoffnung, ist aber nicht genug.

Alle Besitztümer zentral auflisten

Ohne weitere Schritte gegen das Geflecht aus Briefkastenfirmen, Unternehmensbeteiligungen und Holdings werden die größten Betrüger weiterhin davonkommen. Obwohl Banken immer wieder der Beihilfe zur Steuerhinterziehung überführt wurden, sind viele mit glimpflichen Strafen davongekommen. Solange ihre Größe die Banken weiterhin vor einer Anklage bewahrt, wird die Steuerflucht munter weitergehen.

Es reicht nicht aus, die gleichen Leute und Länder, die von der gegenwärtigen finanziellen Geheimniskrämerei profitieren, höflich zu bitten, dies zu ändern. Stattdessen bräuchte es ein weltweites Finanzregister, das den Besitz aller Kapitalwerte, Anleihen, Fonds und Derivaten auflistet. Damit könnte man im Bereich der Finanzanlagen das erreichen, was die Grundbuchämter im Immobiliensektor bereits seit Jahrhunderten leisten. Tatsächlich gibt es die Daten für ein solches Finanzregister bereits. Allerdings liegen sie bei privaten Institutionen und werden nicht durch die Steuervollzugsbehörden genutzt. Ziel muss es folglich sein, diese Informationen der Öffentlichkeit und damit dem Allgemeinwohl zugänglich zu machen.

Mit einem weltweiten Finanzregister ließe sich nachvollziehen, wer was besitzt. Dies würde sowohl die Ungleichheitsstatistiken und die Diskussion über Steuerpolitik verbessern, als auch den Kampf gegen Steuerflucht und Geldwäsche vereinfachen, zwei Kernherausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Der jüngste Oxfam-Bericht legt nahe, dass die Ungleichheit auch in den vergangenen zwölf Monaten zugenommen hat. Das müsste nicht so sein. Wenn sich die globale Elite in Davos trifft, sollten wir sie daran erinnern, gleiche globale Wettbewerbsbedingungen herzustellen. Ein weltweites Finanzregister wäre ein notwendiger konkreter Schritt in diese Richtung.

Gabriel Zucman ist Autor des Buches "Steueroasen: Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird". Bei Amazon bestellen

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Quelle: n-tv.de

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