Wirtschaft
Die Daten aus der Peripherie sehen nicht gut aus: Lange wird sich Deutschland dem Trend nicht entziehen können.
Die Daten aus der Peripherie sehen nicht gut aus: Lange wird sich Deutschland dem Trend nicht entziehen können.(Foto: REUTERS)

Starker Einbruch in den Niederlanden: Eurozone rutscht in die Rezession

Nun ist es amtlich: Die gemeinsame Wirtschaftsleistung der Eurozone schrumpft das zweite Quartal in Folge. Die Währungsgemeinschaft befindet sich damit offiziell in einer Rezession. Zwischen Juli und September geht die Wirtschaftsleistung in den 17 Euroländern gegen dem Vorquartal um 0,1 Prozent zurück. Das schmale Wachstum aus Deutschland und Frankreich kann den Abwärtstrend nicht stoppen.

Ein Lichtblick: Frankreich hält sich besser als erwartet.
Ein Lichtblick: Frankreich hält sich besser als erwartet.(Foto: picture alliance / dpa)

Trotz des leichten Wachstums in den beiden stärksten Wirtschaftsmächten Europas, Deutschland und Frankreich, ist die Eurozone insgesamt im dritten Quartal in die Rezession gerutscht. Das gemeinsame Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 17 Mitgliedsstaaten sank zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Frühjahr, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte. Im Vorfeld befragte Ökonomen hatten mit einem Rückgang um 0,2 Prozent gerechnet.

Bereits im Frühjahr war die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft. Damit ist es offiziell: Erst bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession. Für die Eurozone geht damit eine Phase dreijährigen Wachstums zu Ende. Zuletzt hatte sich die Eurozone nach Beginn der weltweiten Bankenkrise 2008 in der Rezession befunden. Damals sank die Wirtschaftsleistung fünf Quartale in Folge bis zum Sommer 2009.

Während die Wirtschaft in je um 0,2 Prozent zulegte, ging die Talfahrt insbesondere in den Krisenländern wie Spanien, Italien, Portugal und Griechenland weiter. Damit scheint klar: Unmittelbarer Auslöser der jetzigen Rezession ist die schlechte wirtschaftliche Lage in den südeuropäischen Krisenländern. In Spanien betrug das Minus im dritten Vierteljahr 0,3 Prozent, in Portugal 0,8 Prozent.

"Dieser Rückfall in die Rezession ist hausgemacht", sagte Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics. "Das ist das Ergebnis übertriebener Sparmaßnahmen in den südlichen Ländern und dem Unwillen der nördlichen Länder, etwas anderes zu tun." Auch andere Experten äußerten sich skeptisch zur nahen Zukunft. "Das vierte Quartal sieht deutlich schwächer aus, es wird wohl ein noch stärkeres Schrumpfen der Wirtschaftskraft geben", sagte der Euroraum-Chefvolkswirt der Citigroup, Jürgen Michels. "Für 2013 gehen wir von einer anhaltenden Rezession aus." Michels rechnet dann mit einem Minus von rund 0,7 Prozent. Etwas optimistischer ist die EU-Kommission, die dem Währungsraum 2013 immerhin ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent voraussagt.

In Portugal schmolz das Bruttoinlandsprodukt um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ab und schrumpfte damit bereits das siebte Quartal in Folge. Verglichen mit dem Vorquartal ging es um 0,8 Prozent bergab. Langsamer wachsende Exporte belasteten die Wirtschaft ebenso wie die schrumpfende Binnennachfrage, die unter den harten Sparmaßnahmen der Regierung leidet. Portugal verharrt damit in der tiefsten Rezession seit den 1970-er Jahren. In der Wirtschaftskrise verlieren immer mehr Portugiesen ihren Arbeitsplatz. Zwischen Juli und September kletterte die Arbeitslosenquote auf 15,8 Prozent. Bei jungen Leuten liegt die Quote schon heute bei 39 Prozent.

Für Griechenland ging es gemessen am BIP im zurückliegenden Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,2 Prozent weiter nach unten. Das Land steckt damit im fünften Rezessionsjahr. Eine Rückkehr zu Wachstum wird es nach Prognose der EU-Kommission erst 2014 geben. Dann soll das Bruttoinlandsprodukt um magere 0,6 Prozent zulegen. Im kommenden Jahr dürfte es dagegen einen Einbruch um 4,2 Prozent geben, was die Arbeitslosenquote wohl auf den Rekordwert von 24,0 Prozent treiben wird.

Inmitten der trüben Lage gibt es allerdings auch deutliche Anzeichen der Hoffnung: Im rezessionsgewöhnten Italien schrumpfte die Wirtschaftsleistung zum Beispiel zuletzt weniger stark als erwartet. Im dritten Quartal 2012 sei das italienische BIP nur um 0,2 Prozent zum Vorquartal gesunken, teilte die italienische Statistikbehörde Istat auf Basis einer ersten Schätzung mit. Experten hatten mit einem stärkeren Rückgang um 0,5 Prozent gerechnet.

Eine Trendwende können die Italiener damit allerdings nicht verzeichnen: Die Wirtschaft Italiens - nach Deutschland und Frankreich die Nummer 3 unter den einflussreichsten Euro-Volkswirtschaften - befindet sich damit seit nunmehr fünf Quartalen in einem anhaltenden Abschwung. Im Jahresvergleich fiel das italienische BIP von Juli bis September um 2,4 Prozent zurück. Analysten hatten ein Minus von 2,9 Prozent erwartet.

"Double Dip" in Den Haag

Besonders bedenklich: Dem Abwärtssog können sich mittlerweile auch ökonomisch robustere Euro-Staaten nicht länger entziehen. So zog sich zum Beispiel auch die Wirtschaftsleistung der Niederlande unerwartet deutlich zurück.

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Von Anfang Juli bis Ende September sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gesunken, teilte die nationale Statistikbehörde nach einer ersten Schätzung mit. Experten hatten mit einem Rückgang um lediglich 0,2 Prozent gerechnet. Auf Jahressicht fiel das BIP im dritten Quartal um 1,6 Prozent und enttäuschte die Erwartungen damit ebenfalls deutlich.

Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hatte erst zu Jahresbeginn eine Rezession beendet. Doch das Wachstum im zweiten Quartal fiel geringer aus als zunächst berechnet: Statt 0,2 Prozent ergibt sich nur noch ein mageres Plus von 0,1 Prozent. Im ersten Quartal hatte die Rate bei 0,2 Prozent gelegen.

Verbraucher auf der Konsumbremse

Die Wirtschaftsleistung Österreichs folgte im dritten Quartal ebenfalls dem europäischen Abwärtstrend: Das Bruttoinlandsprodukt ging im Vergleich zum zweiten Quartal um 0,1 Prozent zurück, wie das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) auf Basis vorläufiger Berechnungen mitteilte. Sowohl Unternehmen als auch Privatleute würden angesichts der unsicheren Wirtschaftslage ihr Geld lieber zusammenhalten, hieß es aus Wien. Zu Jahresbeginn war die österreichische Wirtschaft noch um 0,3 Prozent gewachsen - im zweiten Quartal nur noch um 0,1 Prozent.

Die Daten aus Frankreich gelten dagegen als positive Überraschung, denn Experten hatten der französischen Wirtschaft nur eine Stagnation zugetraut. Das Bruttoinlandsprodukt im wichtigen Handelspartner Deutschlands war von Juli bis September um 0,2 Prozent gewachsen. Die französische Notenbank rechnet für das Schlussquartal mit einem BIP-Rückgang von 0,1 Prozent. Die Regierung in Paris erwartet in diesem Jahr ein Mini-Wachstum von 0,3 Prozent, das sich 2013 auf 0,8 Prozent beschleunigen soll. Die EU-Kommission sagt den Franzosen für kommendes Jahr allerdings nur einen halb so starken Anstieg von 0,4 Prozent voraus.

Insgesamt steht die Eurozone damit deutlich schlechter da als die USA: Die weltgrößte Volkswirtschaft legte um 0,5 Prozent zu.

Japans Wirtschaft hingegen schrumpfte deutlich um 0,9 Prozent. Das Land steht vor Neuwahlen. Es wird damit gerechnet, dass die liberal-demokratische Partei, die sich derzeit in der Opposition befindet, als Sieger aus der Wahl hervorgehen wird. Sie setzt zur Unterstützung der Wirtschaft auf die Notenpresse, was den Yen gegenüber dem US-Dollar schwächen dürfte. Die Regierung in Tokio will sich zuvor noch mit einem weiteren Konjunkturpaket gegen die drohende Rezession stemmen. Darauf habe sich Ministerpräsident Yoshihiko Noda mit seinem Minister für Wirtschafts- und Fiskalpolitik, Seiji Maehara, verständigt, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Mit den USA, Japan und dem Euroraum fallen drei der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt bis auf weiteres als Wachstumsmotor aus: Auch das Weltwirtschaftsklima trübte sich im vierten Quartal leicht ein. Der entsprechende Index des Ifo-Instituts sank auf 82,4 (Vorquartal: 85,1) Punkte, wie die Wirtschaftsforscher mitteilten. Damit liegt der Wert weiter deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von 96,7 Zählern. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sagte, sowohl die aktuelle Lage als auch die Perspektiven für die nächsten sechs Monate würden pessimistischer eingeschätzt. Es gebe eine zu geringe Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen.

Gegenüber dem dritten Quartal 2012 verschlechterte sich das Wirtschaftsklima in Nordamerika und Asien jeweils leicht, in Westeuropa dagegen stärker. "Die Weltkonjunktur tritt auf der Stelle", sagte Sinn.

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Quelle: n-tv.de

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