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Wenn der Wirtschaftsmotor stottert: Schnell türmen sich in den Werften gewaltige Überkapazitäten auf.
Wenn der Wirtschaftsmotor stottert: Schnell türmen sich in den Werften gewaltige Überkapazitäten auf.(Foto: REUTERS)

Alarmzeichen in China: Rongsheng entlässt Werftarbeiter

Aufregung in China: Ein Schiffbauriese setzt fast auf einen Schlag rund 40 Prozent seiner Mitarbeiter auf die Straße. Der Konzern spricht von "nie dagewesenen Herausforderungen". Experten sehen darin ein Symptom für gefährliche Schwächen. Peking dreht Branchen mit Überkapazitäten rigoros den Geldhahn zu.

Wie Ameisen auf dem Rücken eines Giganten: Zwei Rongsheng-Mitarbeiter an Deck eines Valemax-Schüttgutfrachters mit einer Verdrängung von 380.000 dwt.
Wie Ameisen auf dem Rücken eines Giganten: Zwei Rongsheng-Mitarbeiter an Deck eines Valemax-Schüttgutfrachters mit einer Verdrängung von 380.000 dwt.(Foto: REUTERS)

Die aktuellen Schwächen im chinesischen Wirtschaftswachstum schlagen offenbar voll auf die Werftenindustrie des Landes durch. Ein Anzeichen der laufenden Umbrüche: Der große chinesische Schiffsbauer China Rongsheng Heavy Industries hat in den vergangenen Monaten rund 40 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen. Beobachter werteten den Schritt als Signal dafür, wie stark die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt unter der zunehmenden Abkühlung des Wirtschaftsklimas leidet.

Der Konzern habe sich von rund 8000 Beschäftigten trennen müssen, bestätigte ein Sprecher von China Rongsheng Heavy Industries Group Holdings. Über die Hälfte davon seien Leiharbeiter, der Rest Vollzeitangestellte bei Rongsheng. Derzeit beschäftigt der Schiffsbauer noch gut 12.000 Mitarbeiter. Rongsheng hat seinen Sitz in Rugao in der Provinz Jiangsu, nördlich von Schanghai.

Die Entlassungen seien kein Zeichen von finanziellen Schwierigkeiten, betonte Lei Dong, Sekretär des Rongsheng-Präsidenten, in einem Interview. Der chinesische Werftenriese ist in Hongkong an der Börse notiert. Nach Darstellung Leis sind die Einsparungen vielmehr das Ergebnis einer Restrukturierung, die zur Produktion von mehr Spezialschiffen für die Öl- und Gasindustrie führen soll. Das bisherige Kerngeschäft von Rongsheng liegt im Bau von teils gigantischen Frachtschiffen für den Transport von Eisenerz.

Chinas Schiffsbauindustrie gehört zu einer Reihe von Branchen - von Autos bis zu Stahl -, die derzeit unter starken Überkapazitäten leiden. Viele Unternehmen in diesem Branchen hatten in den vergangenen Jahren ihre Leistungsfähigkeit ausgebaut, und das auch selbst dann noch, als die globale Nachfrage sich bereits abzuschwächen begann. Das führt bei vielen Unternehmen nun zu einer hohen Verschuldung in Zeiten rückläufiger Umsätze.

Den Stellenabbau von Rongsheng halten Beobachter vor allem auch deshalb für besonders bemerkenswert, weil Chinas Industriegiganten und staatliche Unternehmen die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums bislang größtenteils ohne Rückgriff auf größere Einschnitte bei den Arbeitsplätzen gemeistert hatten. Die betroffenen Unternehmen erhalten in der Regel Subventionen von lokalen Regierungen und Kredite von den staatlichen Banken. Im Fall von Rongsheng läuft das nun offenbar anders.

Peking verweigert plötzlich Kredite

Hier scheinen die Wirtschaftslenker in Peking mittlerweile eine neue Linie zu verfolgen: Chinas Notenbank dreht Branchen mit Überkapazitäten nun offiziell den Geldhahn zu. Die Firmen in diesen Wirtschaftsbereichen erhielten keine neuen Kredite mehr, teilte die Zentralbank vor dem Wochenende zusammen mit anderen Aufsichtsbehörden mit. Allerdings würden Betriebe unterstützt, die Fabriken stilllegen und die Produktion aufgeben wollten.

Insgesamt halte China an seiner umsichtigen Geldpolitik fest, betonten die Pekinger Währungshüter. China werde den Ausgleich finden, einerseits das Wachstum zu fördern und andererseits Reformen im Finanzsektor voranzutreiben, hieß es weiter. Die Regierung erklärte, das Wachstum bewege sich immer noch in einem vernünftigen Rahmen.

Das Ende der Wachstumsstory?
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Das Bruttoinlandsprodukt wächst derzeit so schwach wie seit 14 Jahren nicht mehr. Und nach Ansicht von Ökonomen könnte sich die Flaute durchaus noch weiter verschärfen. Viele Analysten gehen davon aus, dass die Regierung in Peking das eigene Wachstumsziel von 7,5 Prozent im laufenden Jahr verfehlen dürfte.

Rund um die Welt verfolgen Volkswirte die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft mit Argusaugen: Aufgrund der starken Nachfrage nach Importgütern wie Maschinen und Konsumprodukten aus etablierten Industrienationen wie zum Beispiel Deutschland kommt der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas eine enorme Bedeutung für die konjunkturellen Aussichten zu.

Im ersten Quartal legte die chinesische Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr um 7,7 Prozent zu, das war das langsamste Wachstum seit dem Auftaktquartal 2009. Offiziell gehen chinesische Parteifunktionäre davon aus, dass durch die Abkühlung seit der Finanzkrise bis zu 23 Millionen Gastarbeiter ihre Jobs verloren haben. Die Zahl der nicht erfassten Wanderarbeiter oder anderer Niedriglohnkräfte dürfte wohl deutlich darüber liegen. Ihre Masse birgt selbst für ein restriktiv gesteuertes Land wie China enorme soziale Sprengkraft.

Millionen arbeitslose Wanderarbeiter

Chinas offizielle Arbeitslosenrate, die westliche Analysten ebenfalls mit Vorsicht betrachten, liegt derzeit bei 4,1 Prozent und hat sich damit seit dem dritten Quartal 2010 nicht verändert. Bei einigen kleineren chinesischen Unternehmen in Privatbesitz scheint der Stellenabbau zuzunehmen, wie Arbeitsexperten zuletzt schätzten. Eine Reihe von Firmen in Chinas südöstlichen Industriezentren muss entweder schließen oder ihre Produktion wegen steigender Arbeitskosten ins Ausland verlagern. Damit bekommen chinesische Unternehmer mit dem Lohngefälle die selben Effekte zu spüren, die Jahrzehnte zuvor zur Abwanderung ganzer Branchen aus Europa geführt hatten.

Der zunehmende Druck, dem sich die Angestellten ausgesetzt sehen, äußert sich auch in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen. Die Nichtregierungsorganisation China Labour Bulletin, die sich für die Rechte der Arbeitnehmer stark macht, verzeichnete in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres 201 arbeitsrechtliche Konflikte in China - das sind fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2012.

"Europäische" Probleme in China

Selbst in der bisher boomenden Solarkomponentenbranche, die von nicht-staatlichen Unternehmen dominiert wird, sind demnach tausende Stellen verloren gegangen. Viele lokale Firmen, die ihre Produktion massiv ausweiteten, müssen angesichts des globalen Überangebotes und fallender Preise nun kämpfen, um die hohen Schulden zurückzuzahlen.

Im Fall von Rongsheng handelt es sich ebenfalls um ein privatwirtschaftlich aufgestelltes Unternehmen und nicht um einen Staatskonzern. Der Schiffbauer genoss bislang allerdings aufgrund seiner strategischen Bedeutung Unterstützung von staatlicher Seite in ähnlichem Umfang wie ein Staatskonzern. Wie aus dem Geschäftsbericht für 2012 hervorgeht, erhielt Ringsheng im vergangenen Jahr über 1,27 Mrd. Yuan - umgerechnet gut 161 Mio. Euro - an Beihilfen aus Peking. Diese seien für Forschung und Entwicklung sowie für Mitarbeitertrainings gezahlt worden, heißt es. Unter dem Strich verbuchte Rongsheng 2012 einen Nettoverlust von 532 Mio. Yuan.

Rongsheng "finanziell unter Druck"

Den Angaben im Geschäftsbericht zufolge hat der Konzern 2012 lediglich zwei Aufträge für Erzfrachter erhalten. 2011 hatte Rongsheng noch 24 Bestellungen verbuchen können. Der Werftenkonzern baut neben Schiffshüllen auch Marinemotoren. Zugleich ächzt das Unternehmen über einen Schuldenberg von über 15 Mrd. Yuan an Krediten, die noch in diesem Jahr zurückgezahlt werden müssen.

"Ich denke, dass Rongsheng finanziell unter Druck steht und das ist ein Symptom", sagte ein Barclays-Analyst mit Verweis auf die hohe Anhäufung von Unternehmensschulden in den vergangenen beiden Jahren. "Das ist eine dramatische Verschlechterung in der Bilanz innerhalb von zwei Jahren." Ende 2012 lag die Verschuldung bei insgesamt 25,12 Mrd. Yuan - rund 150 Prozent höher als 2010.

"Die chinesische Schiffsbaubranche steht immer noch vor nie dagewesenen Herausforderungen", erklärte Rongsheng in einer schriftlichen Stellungnahme. Das Unternehmen restrukturiere sich, um sich auf neue Märkte auszurichten und mit dem Rückgang zurechtzukommen. "Wir sind zuversichtlich, dass wir jede mögliche Situation, die in der Zwischenzeit auftritt, handhaben können".

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Quelle: n-tv.de

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