Wirtschaft
Detailgetreu: Einer der Panzer in "Armored Warfare".
Detailgetreu: Einer der Panzer in "Armored Warfare".(Foto: my.com / Obsidian)
Montag, 09. November 2015

Millionen Dollar mit Beigeschmack: Russen bauen virtuelle Panzer in den USA

Von Roland Peters, Irvine

Der russische Oligarch Dimitri Grischin will mit seinem Internetkonzern mail.ru wachsen - und schließt dafür mit einem US-Spieleentwickler einen Millionendeal ab. Die Kalifornier bauen für ihren Geldgeber nun Panzer. Die Brisanz ist ihnen bewusst.

Wie es zur Zusammenarbeit kam? "Nun ja", sagt Feargus Urquhart, "Dimitri Grischin ist ein junger Typ. Er hat eine Menge Geld verdient. Aber irgendwann ist der Markt gesättigt. Der Spielemarkt ist das noch nicht. Und Online-Spiele sind in diesem Segment der beste Weg, Geld zu machen." Grischin ist in Russland einer der Großen. Er ist der Chef von mail.ru, dem Quasi-Internetmonopolisten im Riesenreich. Ihm gehört auch das russische Facebook Vkontakte.ru.

Urquhart ist ebenfalls ein Großer, aber in einem anderen Metier. Er und sein Unternehmen Obsidian Entertainment entwickeln Videospiele. Erfolgreiche Videospiele. Derzeit ist es eines mit detailgetreuen Panzern. Jeder Spieler steuert einen der Kolosse, gegeneinander und miteinander wird auf Schlachtfeldern gezielt, geschossen, gewonnen. Das Geld dafür kommt von Grischin, kanalisiert durch den Publisher my.com.

Urquhart sitzt in einem Hotelvortragssaal in Irvine, rund eine Autostunde südlich von Los Angeles. Draußen sind 25 Grad Celsius, wolkenlos-blauer Himmel, und drinnen spielt die Klimaanlage verrückt. Urquhart reibt sich die freien Unterarme. "Es ist kalt hier." Der Chef sitzt da ganz leger gekleidet, in Jeans und einem Karohemd aus bunter Baumwolle. Wenn er sich vorstellt, nennt er nur seinen Vornamen. Sein rundliches, leicht rötliches Gesicht wirkt aufmerksam, erzählfreudig. Neben ihm sitzt Richard Taylor - der Mann, der 130 der 200 Beschäftigten bei Obsidian Entertainment koordiniert. Er ist der Projektmanager für "Armored Warfare".

Obsidian-Chef Feargus Urquhart - in Moskau.
Obsidian-Chef Feargus Urquhart - in Moskau.(Foto: CC BY-SA 3.0 / Cassidy Rainer)

Noch heißt der fast monopolistische Marktführer der Online-Panzerschlachten "World of Tanks" (WoT), er kommt aus dem autokratisch regierten Weißrussland. "Armored Warfare" zielt auf ähnliches Klientel. Der Unterschied: Das Szenario in WoT ist der Zweite Weltkrieg, in Obsidians Spiel ist es die nähere Zukunft. My.com hat inzwischen eine Niederlassung in Kalifornien, in Mountain View, dort, wo auch Google seinen Hauptsitz hat. Grischin ist einer der Oligarchen, die einen Deal mit dem Kreml haben: Wir stellen nicht eure Macht infrage, dafür bekommen wir Aufträge und unternehmerische Freiheiten. Ursprünglich sollte das Spiel nur für den russischsprachigen Raum entwickelt werden. Doch dann kamen die Ukraine-Krise und der abstürzende Rubel.

17 Schreibtische bis zur Überweisung

"Armored Warfare" war nicht Obsidians Herzensprojekt. Und doch arbeitet der Großteil der 200 Mitarbeiter in den abgedunkelten Räumen in Irvine an dem Spiel. Jeder von ihnen kostet etwa 10.000 Dollar pro Monat. Das macht Urquhart nervös. "Stell dir vor, deine Miete kostet 2000 Dollar und 1500 davon kommen aus einer Quelle. Aber sie kommen nicht einfach so. Du musst bestimmte Zwischenziele erreichen, es gibt ständig Diskussionen, und du weißt: Jeden Monat müssen 17 verschiedene Personen die Zahlung absegnen, bevor du das Geld bekommst." Insgesamt dürfte es um mehrere Dutzend Millionen Dollar gehen, die diesen Prozess durchlaufen müssen.

Der neue russische Panzer T-14 "Armata" rollte am 9. Mai über den Roten Platz.
Der neue russische Panzer T-14 "Armata" rollte am 9. Mai über den Roten Platz.(Foto: AP)

In der derzeit stattfindenden offenen Betaphase von "Armored Warfare" machen Spieler aus Russland den größten Teil der Aktiven aus. Das Konkurrenzprodukt WoT ist schon jetzt eine große Nummer, es war im vergangenen Jahr das lukrativste Free-to-Play-MMO (Massive Multiplayer Online) überhaupt. Auf Basis von "Superdata Research"-Angaben geschätzt machte WoT 2014 weltweit rund 500 Millionen Dollar Umsatz. Damit kam das Panzerspiel auf einen Marktanteil von etwa fünf Prozent. An der Spitze lag "League of Legends" mit geschätzten 12 Prozent und 1,2 Milliarden US-Dollar Umsatz. Wenn "Armored Warfare" in ähnliche Dimensionen vorstieße, hätten der US-Entwickler und sein russischer Publisher wohl nichts dagegen.

Der Kreml treibt seit Jahren die Modernisierung der russischen Streitkräfte voran. In den vergangenen zehn Jahren sind die jährlichen Militärausgaben in Moskau auf das Doppelte angewachsen, schätzt das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri). Rund die Hälfte der Bevölkerung Russlands glaubt, ihr Land sei in Gefahr, angegriffen zu werden. Und 53 Prozent geben an, sie sähen die USA dabei als größte Bedrohung. Was die Zahlen vermuten lassen, spricht Marcel Röthig von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau aus: "Die Popularität solcher Spiele geht einher mit der zunehmenden Militarisierung der russischen Gesellschaft." Die drücke sich ebenfalls aus durch entsprechende Fernsehsendungen, Modetrends sowie in der Bildung.

Russen bevorzugen russische Panzer

Urquhart, Taylor und ihr amerikanisches Unternehmen wissen um den Beigeschmack ihrer Geschäftsbeziehung im Lichte der weltpolitischen Situation. Auf den Schlachtfeldern von "Armored Warfare" ist sie bewusst ausgeklammert worden. Eine öffentliche Diskussion wie um das unrühmliche "Call of Duty: Modern Warfare 2"-Level, in der das kalifornische Studio Infinity Ward den Spieler als Teil einer russischen Terroristengruppe an einem Zivilisten-Massaker teilnehmen ließ, wollen wohl weder Obsidian noch my.com verfolgen müssen.

Also bekriegen sich bei "Armored Warfare" in den 2030er-Jahren private Rüstungskonzerne, Staaten sind nicht involviert. Es stehen eine ganze Reihe verschiedener Gefährte zur Auswahl, darunter der deutsche Leopard oder der US-amerikanische Abrams. Statistiker des Studios haben festgestellt, dass Spieler der offenen Betaphase die Panzer ihrer jeweiligen Herkunftsländer bevorzugen. In Russland etwa wählen die meisten Spieler den T-90.

Als bei der Feier zum 70-jährigen Jubiläum des Sieges über Nazideutschland der T-14 "Armata" über den Roten Platz rollte, war das nicht nur eine Demonstration für die politische und militärische Welt, um zu zeigen: Russland ist stark, trotz Wertverfalls des Rubels, trotz schrumpfender Einnahmen aus Öl- und Gasverkauf, trotz Sanktionen des Westens; es war auch ein Signal an die eigene Bevölkerung. Die schare sich in Russland in schlechteren Zeiten eher hinter ihre Anführer, statt sie infrage zu stellen, sagt Röthig.

Während die politische Welt darüber diskutierte, was Präsident Wladimir Putin mit diesem stählernen Muskelspiel bezwecken und die militärische darüber, was der neue Panzer auf den Schlachtfeldern bewirken könnte, wussten Urquharts Mitarbeiter, dass sie ein weiteres Projekt hatten: Den virtuellen T-14. Schließlich kommt ihr Geld aus Russland.

Quelle: n-tv.de

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