Wirtschaft
Unterzeichnung der Regierungsvereinbarung zur Nabucco-Pipeline: Dem Vorzeigeprojekt droht durch den Ausstieg von RWE das Ende.
Unterzeichnung der Regierungsvereinbarung zur Nabucco-Pipeline: Dem Vorzeigeprojekt droht durch den Ausstieg von RWE das Ende.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nabucco-Pipeline vor dem Aus: Russland greift im Röhrenkrieg an

von Hannes Vogel

Mit der Nabucco-Pipeline will die EU sich aus der Abhängigkeit von Russlands Gas befreien, doch mit dem drohenden Ausstieg von RWE steht das Prestigeprojekt auf der Kippe. Im Röhrenkrieg punktet damit nicht nur Altkanzler Schröder gegen seinen Ex-Außenminister Fischer: Der Kreml weitet seine Möglichkeiten, Gas als politische Waffe einzusetzen.

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Die Ankündigung klingt wenig dramatisch, hat möglicherweise aber folgenreiche Konsequenzen: "Wir prüfen das  Projekt, um zu sehen, ob unsere  kommerziellen und strategischen Vorstellungen immer noch bewahrt sind", bestätigt eine Sprecherin die Absicht des Energieriesen RWE, aus der Gaspipeline Nabucco auszusteigen. Selten ist ein europäisches Prestigeprojekt so geräuschlos beerdigt worden. Nachdem sich im April schon die ungarische Mol aus dem Projekt verabschiedet hatte, würden ohne RWE nur noch die österreichische OMV, die türkische Botas, die Bulgarian Energy Holding und die rumänische Transgaz das Projekt weiter tragen - mit mehr als wackligen Erfolgsaussichten.

Denn die Kosten für die Pipeline haben sich laut Branchenexperten auf bis zu 15 Milliarden Euro fast verdoppelt, zudem sind weiterhin keine tragfähigen Gasverträge mit Aserbaidschan und Turkmenistan in Sicht. Eine Vision steht damit faktisch vor dem Aus: Einen Gaskorridor von Zentralasien und dem Nahen Osten über die Türkei bis nach Österreich - einen direkten europäischen Zugang zu alternativen Gasreserven außerhalb der Kontrolle Russlands - wird es wohl vorerst nicht geben.

Russlands Erpressungspotenzial wächst

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Für die Gasverbraucher in Europa sind das schlechte Nachrichten. Denn während das Nabucco-Projekt schwächelt, nutzt Russland die Chance, um Europas Abhängigkeit von seinen Gasfeldern weiter auszubauen. Schon jetzt ist der Kreml die wichtigste Quelle für Europas Gasbedarf: Etwa ein Drittel ihrer gesamten Importe bezieht die Gemeinschaft aus Russland. Bislang fließt das Gas vor allem durch Röhren in Polen und der Ukraine nach Europa - und über die im November 2011 eröffnete Nordstream-Pipeline in der Ostsee, die mehrheitlich der russischen Gazprom gehört.

Doch schon bald könnte Europa noch direkter am Tropf des Kreml hängen: Bereits am Freitag hat Nordstream angekündigt, den Bau von zwei weiteren Ostsee-Pipelines zu prüfen, um die direkte Transportkapazität für russisches Erdgas zu erhöhen. Russlands Möglichkeiten, in einem Konflikt mit der EU direkt den Gashahn abzudrehen, wachsen damit weiter. Gleichzeitig tritt die EU den Rückzug an: Laut "Spiegel" haben RWE-Manager bereits seit langem Politiker in Berlin und Brüssel auf einen möglichen Rückzug aus dem Nabucco-Konsortium vorbereitet. Nicht nur die EU, sondern auch der ehemalige Außenminister Joschka Fischer müssen damit im Wettlauf mit Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) eine herbe Schlappe einstecken: Der Grüne Fischer ist der wichtigste Lobbyist für das Nabucco-Projekt, SPD-Mann Schröder dagegen Chef des Nordstream-Aktionärsausschusses.

Mini-Nabucco soll Zugang sichern

Trotzdem haben Europas Politiker den Kampf nicht vollständig aufgegeben. Denn der Konflikt um Europas Gasversorgung wird nicht in der Ostsee, sondern an Europas Südgrenze entschieden. Die Nordroute über die Ostsee dominiert Russland bereits, doch im südlichen Korridor rangeln noch verschiedene Pipeline-Projekte um Zugang zu den Gasfeldern am Kaspischen Meer in Turkmenistan und Aserbaidschan, deren Erschließung Europas strategische Abhängigkeit von Russland verringern soll.

Ex-Außenminister Joschka Fischer muss durch das faktische Aus der Nabucco-Pipeline eine Schlappe einstecken.
Ex-Außenminister Joschka Fischer muss durch das faktische Aus der Nabucco-Pipeline eine Schlappe einstecken.(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem 3900 Kilometer langen Nabucco-Projekt wollte sich die EU den direkten Zugriff auf diesen Gasschatz sichern. Doch mit dem drohenden Ende des Megaprojekts läuft nun offenbar alles auf eine nur noch etwa halb so lange  Version der Pipeline hinaus: Die Miniversion "Nabucco West" würde das Gas lediglich von der türkisch-bulgarischen Grenze bis zur zentralen Verteilerstelle im österreichischen Baumgarten an der March bringen. Bis zur bulgarischen Grenze würde das Gas aber von Turkmenistan und Aserbaidschan aus durch Pipelines anderer Betreiber strömen. Die Baukosten für die Röhre würden sich so halbieren - allerdings würde die EU auch die direkte Kontrolle über den Zugang zu den kaspischen Gasfeldern verlieren.

Kampf um "Shah Deniz"

Denn "Nabucco West" müsste wahrscheinlich an die TANAP-Röhre andocken, die von Aserbaidschan und der Türkei geplant wird. Auch die Trans-Adriatische Pipeline (TAP) ist daher weiter im Gespräch: Sie soll das Gas vom Kaspischen Meer über Griechenland und Albanien und über die Adria nach Italien bringen. Die Route wäre mit nur 800 Kilometern deutlich kürzer als selbst "Nabucco West", würde das Gas dafür aber auch nur bis nach Italien und nicht Zentraleuropa transportieren. TAP wird von Eon Ruhrgas, der Schweizer EGL und der norwegischen Statoil verfolgt. Im Rennen ist auch das ITIG Poseidon-Projekt, eine Untersee-Röhre, die die existierenden Gasröhren in Griechenland und Italien verbinden soll. Und auch die britische BP macht "Nabucco West" Konkurrenz: Ihre  South East Europe Pipeline (SEEP) soll genau wie die kurze Version der Nabucco-Röhre kaspisches Gas von der türkischen Grenze bis nach Ungarn transportieren.

Nabucco-West, TAP, Poseidon, SEEP: Alle geplanten Röhren laufen auf ein Ziel zu – das Gasfeld "Shah Deniz" in Aserbaidschan. BP teilt sich die Ausbeutung des Feldes unter anderem mit Statoil, Total, der russischen Lukoil und dem staatlichen aserbaidschanischen Energieriesen Socar. Das Konsortium will unter Führung Aserbaidschans bald entscheiden, welches der Projekte den Zuschlag erhält.

Nabucco in seiner ursprünglichen Form kommt dafür nicht mehr in Frage: Die Röhre ist für eine Fördermenge von 31 Milliarden Kubikmeter ausgelegt; dreimal so viel wie "Shah Deniz" in Aserbaidschan liefern kann, weil ursprünglich auch Verbindungen zu Gasquellen im Iran und Nordirak geplant waren. Die Nabucco-Pipeline ist an ihrer eigenen Größe gescheitert. Dennoch dürfte die EU bald in den Genuss von Gaslieferungen aus Aserbaidschan kommen, auch wenn sie den Zugang nun nicht selbst kontrollieren wird.

Quelle: n-tv.de

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