Sonntag, 14. Juni 2009
Gegen Arcandor-Zerschlagung: Schickedanz bleibt an Bord
null
Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz hat sich für den Erhalt des insolventen Unternehmens als Ganzes ausgesprochen. "Wir wollen nicht, dass der Konzern zerschlagen oder verramscht wird", sagte ihr Ehemann und Arcandor-Aufsichtsrat, Leo Herl, der "Bild am Sonntag". Er sei überzeugt, "das Quelle auf einem guten Weg, der Reiseveranstalter Thomas Cook eine Perle ist, und unsere Kaufhäuser mit neuen Konzepten bei den Kunden eine Zukunft haben". Schickedanz werde ihr Aktienpaket nicht verkaufen. "Wir bleiben an Bord, die Kurse werden steigen." In dieser Woche werde es bei einer Aufsichtsratssitzung erste Gespräche mit dem Insolvenzverwalter geben. Dem Aktionärspool um die Quelle-Erbin Schickedanz wird ein Arcandor-Anteil von rund 26,7 Prozent zugerechnet.
Madeleine Schickedanz
(Foto: dpa)
Herl wies Vorwürfe zurück, die Familie habe sich nicht genug für die Rettung von Arcandor engagiert. "Meine Frau hat einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in die Firma gesteckt. Teilweise hat sie das Geld bei Banken finanziert und als Sicherheit ihr privates Vermögen, Immobilien und Firmenbeteiligungen eingesetzt. Ich habe auch bei Gesprächen mit der Politik um Staatshilfen versichert, dass wir über keine weiteren Mittel mehr verfügen. Das gesamte Vermögen meiner Frau steckt in dem Aktienpaket."
Herl betonte, die Situation der Firma und ihrer Mitarbeiter gehe seiner Frau sehr nahe. "Sie sitzt nicht in der Schweizer Villa und trinkt teuren Champagner oder isst teure Pralinen, wie man gelegentlich hören kann. Im Gegenteil: Die Krise und die Insolvenz haben sie gesundheitlich sehr angeschlagen." Am vergangenen Montag, einen Tag vor der Insolvenz, sei sie im Krankenwagen mit Blaulicht in eine Schweizer Klinik eingeliefert und auf der Intensivstation wegen Herzproblemen behandelt worden. Am nächsten Tag habe seine Frau wieder nach Hause gewollt, sie sei weiter in intensiver ärztlicher Behandlung. "Sobald sie gesundheitlich in der Lage ist, wird sie zu ihren Mitarbeitern sprechen. Das ist ihr eine Herzensangelegenheit."
Bund signalisiert Hilfsbereitschaft
Der insolvente Handels- und Touristikkonzern Arcandor wohl doch noch auf staatliche Unterstützung hoffen. Dabei geht es um einen sogenannten Massekredit, der in der Insolvenz ein Instrument ist, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Bundesregierung könnte einen solchen Kredit mit einer Bürgschaft absichern. "Grundsätzlich besteht die Möglichkeit der Verbürgung eines Massekredits, wenn die Prüfung eines entsprechenden Antrags positiv ausfällt", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. "Der Spiegel" hatte zuvor berichtet, die Regierung sei bereit, einen Arcandor-Antrag auf einen sogenannten Massekredit wohlwollend zu prüfen. Ein Antrag liege aber noch nicht vor.
Arcandor prüft derzeit, ob der Konzern einen solchen Kredit beantragen soll. "Der Massekredit ist ein übliches Instrument für Unternehmen in der Insolvenz", erklärte sagte ein Unternehmenssprecher. "Wir prüfen derzeit, ob er für uns sinnvoll ist."
Ein Massekredit ist ein kurzfristig zur Verfügung gestellter Kredit, der kurz vor oder nach der Insolvenz vergeben wird. In der Liste der Gläubiger steht der Kreditgeber in der Regel auf Platz eins. Dies bedeutet, dass die Forderungen vorrangig bedient werden, der Geber hat als erster Zugriff auf die Insolvenzmasse, damit seine Forderungen mit der höchstmöglichen Garantie abgesichert sind. In der Vergangenheit hatte beispielsweise die Drogeriekette Ihr Platz kurz nach der Insolvenz einen Massekredit erhalten, um Ladenmieten weiter bezahlen zu können.
DGB fordert Unterstützung
DGB-Chef Michael Sommer hat die Bundesregierung aufgefordert, den insolventen Handels- und Touristikkonzern Arcandor zu unterstützen. Der Staat sollte jedoch konkrete Gegenleistungen für Hilfen bekommen, sagte Sommer der "Bild am Sonntag". Dabei könne es um mehr Mitbestimmung, Arbeitsplatzsicherheit oder gedeckelte Managergehälter gehen. Eventuelle Management-Fehler müssten im Einzelfall geprüft werden, sagte Sommer weiter. "Prinzipiell kann man aber nicht marode Banken mit Milliarden stützen und Handelsunternehmen oder Industriebetriebe im Regen stehenlassen."
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt äußerte indes Verständnis für die Entscheidung der Regierung im Fall Arcandor. Die Regierung habe nach Prüfung der Fakten wohl keine andere Möglichkeit gehabt. "Von außen lässt sich so etwas nur schwer beurteilen, aber der Staat darf sich nicht an der Realwirtschaft beteiligen", sagte Hundt. Auf die Frage, ob der Staat auch in Zukunft nur Firmen helfen solle, die vor der Krise gesund waren, und so weitere Insolvenzen in Kauf nehmen solle, antwortete Hundt: "Das Thema gehört nicht auf den politischen Marktplatz. Jeder Einzelfall muss genau geprüft werden." Er unterstütze die Kriterien des Bundeswirtschaftsministers. Der Staat könne nicht allen helfen, und die Steuerzahler könnten nicht für jede unternehmerische Fehlentscheidung haften.
dpa/rts
Hintergründe zur Nachricht
Kursinformationen
Wirtschaft
-
E.ON-Kurs vor Rückgang?
122% Gewinn bei Kurs von 13€
-
Ringen um 6300 Punkte
Dax schnappt kurz Luft
-
Von Vkontakte bis Kayak
Facebook schockt Internet-IPOs
-
Alarmglocken schrillen
Verluste in Asien auf breiter Front
-
Brent in Richtung 100 Dollar
Ölpreise bleiben auf Talfahrt
-
Anshu Jain
"Regenmacher" aus Indien
-
Von wegen Wonnemonat Mai
Dax-Talfahrt geht weiter
-
Zeitenwende bei der Deutschen Bank
Ackermann tritt ab
-
"Dinge beginnen, hässlich zu werden"
Spanien-Sorgen belasten Euro
-
Instagram-Deal macht Sorgen
Facebook-Kurs steckt in Abwärtsspirale
-
Griechenland-Exit kein Todesstoß
Axa sorgt vor
-
Stimmungstöter Europa
Kursverluste an der Wall Street
