Wirtschaft
Der Euro und der Dollar gleichen sich immer mehr an.
Der Euro und der Dollar gleichen sich immer mehr an.(Foto: picture alliance / dpa)

Sorgen vor einem Währungskrieg: Schlachtfest beim Euro

Von Diana Dittmer

Die Geldpolitik der EZB hat erhebliche Nebenwirkungen, und zwar ausgerechnet für das ihr anvertraute Jahrhundertprojekt. Die Gemeinschaftswährung bricht ein, während der Greenback immer mehr abhebt. Ist der Euro "kaputt" - oder wird er nur kaputt geredet?

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Kaum ein Markt ist so schwer zu durchschauen, wie der Devisenmarkt. Im Moment sieht jedoch alles nach einem Schlachtfest beim Euro aus: Im November haben die Spekulanten ihre Wetten gegen die europäische Gemeinschaftswährung auf 22 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt - der stärkste je verzeichnete Anstieg in so kurzer Zeit. Geht es weiter so, sollte die Euro-Dollar-Parität nur noch eine Frage der Zeit sein. Einige Devisenexperten rechnen bereits damit, dass der Euro noch vor dem Jahresende unter die magische Marke von einem Dollar rutschen wird. Für eine Abwertung des Euros und einen stärkeren Dollar sprechen vor allem drei Punkte:

  • Die Politik der Notenbanken: Während die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik weiter lockern will, will die Fed die Zinsen zum ersten Mal seit der Finanzkrise wieder hochfahren. Beide Entscheidungen werden möglicherweise bald getroffen. Schon diesen Donnerstag könnte EZB-Chef Mario Draghi sein Anleiheprogramm weiter aufblasen und die Zinsen weiter senken. Beides würde den Euro schwächen. Denn durch die milliardenschweren Anleihenkäufe der EZB kommt noch mehr Geld auf den Markt. Gleichzeitig machen es die niedrigeren Zinsen für Anleger nun noch unattraktiver, in Euro zu investieren. Umgekehrt wird der Dollar durch steigende Zinsen in den USA attraktiver. Denn die Investoren tragen ihr Geld dorthin, wo sie am meisten Rendite bekommen.
  • Die Macht der Spekulanten: Sie ist auf dem Währungsmarkt nicht zu unterschätzen. Die Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs haben das Motto ausgerufen, dass der Euro bis Ende 2017 auf 80 Cent fallen wird. "Gegen den Euro zu spekulieren ist aktuell unsere Top-Empfehlung", schrieb Goldman-Analyst Robin Brooks vor kurzem. Die Wirkung kam prompt. Der Euro fiel auf 1,0579 Dollar. Es war der tiefste Stand seit sieben Monaten.
  • Die Fundamentaldaten: Goldman Sachs begründet seine Empfehlung mit schlechten Aussichten für die Wirtschaft der Eurozone. Die Ökonomen trauen dem Währungsraum bis 2019 nicht einmal ein Wachstum von zwei Prozent zu. Richtig ist, dass die europäische Wirtschaft zu rund einem Viertel allein von Deutschland getragen wird. Die Beiträge der anderen 18 Staaten sind viel kleiner. Die Rückmeldungen von der US-Konjunktur sind im Vergleich deutlich solider.

Trotzdem gibt es gute Gründe, warum sich die Gemeinschaftswährung in absehbarer Zukunft durchaus besser schlagen könnte als angenommen:

  • Panikmache: Die Euro-Wette von Goldman Sachs setzt eine regelrechte Kapitalflucht aus Euro hin zu anderen Währungsräumen voraus. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist aber immerhin fraglich. Die 19 Euroländer erwirtschaften jeden Monat zweistellige Milliardenüberschüsse beim Handel mit der Außenwelt.
  • Selbstkorrektur: Ein noch schwächerer Euro wird den Handelsüberschuss noch mal vergrößern. Niedrige Zinsen, schwacher Euro - das sind die besten Wachstumsbedingungen für eine Exportnation wie Deutschland. Nach dem jüngsten Kursrutsch steigen also die Chancen, dass der Außenhandel wieder zur Konjunkturstütze wird. Das billige Geld sollte Unternehmen zudem zu Investitionen anregen. Der Euro-Kurs sollte auf längere Sicht also profitieren.
  • Inflation: Importierte Waren wie Öl und alles andere, was in Dollar abgerechnet wird - also Kaffee, Benzin oder auch Rohstoffe wie Baumwolle, Mais oder Zucker - werden zwar teurer. Aber teurere Importgüter helfen der EZB dabei, die Inflationsrate in Richtung zwei Prozent zu treiben. Einige Experten vermuten deshalb, dass die Schwächung der Gemeinschaftswährung das eigentliche Ziel der EZB-Geldschwemme sein könnte.
  • Wettbewerbsvorteil: Der Innovationsdruck auf deutsche Unternehmen lässt durch den schwachen Euro nach. Jahrelang hat die starke D-Mark dafür gesorgt, dass die deutsche Industrie besser sein musste, weil sie teurer war. Zumindest kurzfristig steigt nun die preisliche Wettbewerbsfähigkeit.
  • Börsenkurse: Auch der Dax wird vom schwachen Euro profitieren. Die US-Börsen werden dagegen das Nachsehen durch den erstarkenden Dollar haben.

Der Euro hat sicherlich nicht alle in ihn gesteckten Erwartungen erfüllt. Eigentlich hatte man ihm bei seiner Einführung zugetraut, dass er dem Dollar als Leitwährung stärker Konkurrenz macht. Daraus ist nichts geworden. Aber hier wird jede Menge Panik vor einem Totalabsturz geschürt. Und diese lässt sich auch noch mit einem anderen Argument bändigen. Experten zufolge hat der Euro bereits viele Verluste vorweggenommen. Die Gemeinschaftswährung wird nicht zwangsläufig noch mehr fallen, nur weil die Ereignisse jetzt eintreffen, wie prognostiziert. Die EZB-Sitzung diese Woche zum Beispiel ist laut Experten eingepreist.

Darüber hinaus stehen sowohl die EZB-Entscheidung als auch die Entscheidung zur Zinswende in den USA noch aus. Es könnte somit auch immer noch anders kommen. Angesichts schwacher US-Daten ist nicht auszuschließen, dass die Fed ihre Entscheidung doch noch ins nächste Jahr verschiebt. Auch die EZB könnte sich plötzlich noch zurückhalten. Dafür spräche zum Beispiel, dass die Kreditvergabe der Banken an Firmen beispielsweise im Oktober um 0,6 Prozent gestiegen ist - das war der stärkste Anstieg seit fast vier Jahren. Wie wird der Devisenmarkt reagieren, wenn die Geldpolitiker auf beiden Seiten des Atlantiks zaudern?

Zum Schluss lässt sich dem schwachen Euro sogar noch etwas Positives abgewinnen: Der günstige Euro und die niedrigen Rohstoffpreise werden nicht ewig das Wachstum der Außenwirtschaft stützen. Vielleicht ist das der Auslöser, endlich Strukturreformen in Europa einzuleiten. Der schwache Euro könnte noch zur Folge haben, dass die Schuldenkrise - die zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht - endlich gelöst wird. Damit wäre viel gewonnen.

Quelle: n-tv.de

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