Wirtschaft
Der Industriekonzern, der alles kann, gilt aus Auslaufmodell. Siemens will sich unter anderem auf die Energie konzentrieren.
Der Industriekonzern, der alles kann, gilt aus Auslaufmodell. Siemens will sich unter anderem auf die Energie konzentrieren.(Foto: picture alliance / dpa)

Mischkonzerne im Umbruch: Schwergewichte der Wirtschaft specken ab

Der klassische Mischkonzern hat zunehmend ausgedient. Konglomerate wie Philips und Siemens stoßen ab, was nicht zum Kerngeschäft gehört. Verantwortlich für den Trend zur Aufspaltung sind nicht zuletzt die Notenbanken in den USA und Europa.

Früher galt für deutsche Industriekonzerne: Größe ist ein Wert an sich. In Wachstumszeiten maßen die Chefs ihre Konzerne vor allem am Umsatz und an der Vielfalt ihrer Geschäftszweige. Doch der Blick auf einst gewaltige Technologiekonglomerate wie Philips oder Siemens zeigt: Bunt gemischte Konzerne kommen immer mehr aus der Mode. "Die Tendenz geht ganz klar weg von den Konglomeraten. Das wird auch von den Investoren gefordert", sagt Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment.

Für Konzernchefs hat das Hauptargument für ein breites Portfolio – dass unterschiedliche Konjunkturzyklen oder Marktentwicklungen innerhalb des Hauses ausgeglichen werden können - immer weniger Gewicht. Sie setzen lieber auf schlanke, schlagkräftige Einheiten, die auf dem Weltmarkt besser konkurrieren und sich am Kapitalmarkt selbst finanzieren können. "Häufig ist die Summe der Einzelteile mehr wert als das Ganze", sagt Speich.

Am radikalsten lässt sich der Trend zur Aufspaltung an Philips ablesen. Der Name zierte einst Stereoanlagen genauso wie Rasierer, Computertomographen und Glühbirnen. Dann begann der Prozess der Zerlegung. Zunächst stiegen die Niederländer aus dem Halbleitergeschäft aus, dann gaben sie die Fernseher-Sparte auf und überließen die Unterhaltungselektronik den Asiaten. Zurzeit wird die Lichttechnik ausgegliedert. Damit geht die Geschichte als gemischter Industriekonzern nach 124 Jahren zu Ende.

Wertschöpfung für Aktionäre

"Die Aufspaltung in eine Medizintechnik- und eine Lichttechnikfirma ist der entscheidende Schritt, um für die Aktionäre Wert freizusetzen", erläutert Rabobank-Analyst Hans Slob. "Die einfachere Aufstellung macht es zudem viel leichter, Philips zu übernehmen. Der einstige Konglomeratsabschlag bei der Bewertung könnte sich zu einem Preisaufschlag im Übernahmefall wandeln."

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Auch Siemens schrumpft seit Jahren kontinuierlich. Verkauft oder an die Börse gebracht wurden in den vergangenen Jahren unter anderem der Atomkraftwerksbau, das PC-Geschäft, die IT-Dienstleistungen, die Komponenten-Töchter Epcos und Infineon, die Mobilfunksparte, die Automobiltechnik VDO, der Anteil am Panzerbauer KMW, das Solarthermiegeschäft, die Wassertechnik, die Hörgerätesparte, der Transrapid, die Hausgeräteproduktion und die Leuchtmittelfirma Osram.

Allerdings kauften sich die Münchener auch für Milliarden in neue Geschäftsfelder ein, etwa die Labordiagnostik, das Geschäft mit kleinen Turbinen oder die Windenergie. Im Geschäftsjahr 2000/2001 erzielten 477.000 Siemens-Mitarbeiter einen Umsatz von 87 Milliarden Euro, im abgelaufenen Geschäftsjahr waren es nur noch 343.000 Beschäftige und ein Umsatz von 72 Milliarden Euro.

Derzeit richtet Vorstandschef Joe Kaeser Siemens stärker auf die Öl- und Gasbranche aus und will den US-Ölausrüster Dresser-Rand übernehmen. Als nächstes auf der Verkaufsliste sehen Investoren die Medizintechnik. Damit würden die Münchener den gleichen Weg wie Philips einschlagen.

"Bei Siemens ist es eine berechtigte Forderung, die Medizintechnik zu separieren. Analysten veranschlagen den Wert der Sparte innerhalb des Konzerns auf 22 Milliarden Euro, wäre sie an der Börse, auf 30 Milliarden Euro", erläutert Experte Speich die Vorteile einer weiteren Zerlegung. Kleinere Einheiten seien manövrierfähiger. Er verweist auf Abspaltungen, die sich aus Investorensicht gelohnt haben. "Wenn man sich die Beispiele Siemens und Infineon oder Bayer und Lanxess anschaut, dann war es langfristig betrachtet richtig, die Firmen an die Börse zu bringen."

Liquidität sucht Anlagemöglichkeiten

Doch im Fall Lanxess brauchten die Investoren einen langen Atem: Bayer hatte die Spezialchemie 2004 aus dem Konzern ausgegliedert und Anfang 2005 an die Börse gebracht. Am Anfang als "Bayers Resterampe" oder "Crap Co" verspottet, gelang Lanxess 2012 der Sprung in den Dax. Und Bayer verkleinert sich weiter: Der mehr als 150 Jahre alte Konzern will sich ganz auf Pharmaprodukte, Tiermedizin und Agrarchemie konzentrieren und die weniger rentable Kunststoff-Sparte an die Börse bringen.

Diese sei als eigenständiges Unternehmen flexibler und könne über den Kapitalmarkt Geld für weitere Investitionen aufnehmen, begründete Bayer-Chef Dekkers im Herbst den Schritt. Bayer könne so alle Ressourcen auf Pharma und Agrarchemie konzentrieren.

Siemens-Erzrivale GE stellt sich ebenfalls die Frage nach Verkleinerung, wenn auch in geringerem Ausmaß. Unter anderem will der US-Konzern seine Finanzsparte loswerden. Bereits 2013 wurden die restlichen Anteilen an der Sendergruppe NBC Universal verkauft, und das Hausgerätegeschäft veräußerte GE an den schwedischen Spezialisten Electrolux.

Das breite Bündel an Angeboten für die Infrastruktur wurde aber praktisch nicht geschrumpft. Mit der Übernahme von Alstom verstärken sich die Amerikaner in dem Segment. Und auch nicht alle Geschäfte, die auf den ersten Blick für einen Infrastrukturausrüster abseitig erscheinen, sollen weg, etwa das hochprofitable Triebwerksgeschäft.

Fondsmanager Speich erwartet, dass der Trend zur Aufteilung großer Industriekonglomerate anhält. Die Notenbanken dieser Welt hätten in der Folge der Finanzkrise daran ihren Anteil. "Man muss auch sehen, zurzeit ist unglaublich viel Liquidität im Markt, die Anlagemöglichkeiten sucht", betont er. Anleger würden verstärkt auf Abspaltungen drängen. "Wir werden in den nächsten zwölf bis 18 Monaten sehen, dass Aktivisten auf den Markt kommen, die den Druck auf das Management erhöhen werden."

Quelle: n-tv.de

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