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Kontrolleure beraten über Löscher: Siemens-Chef will kämpfen

Nach der neuerlichen Gewinnwarnung trifft sich der Aufsichtsrat des Technologiekonzerns am Wochenende. Zwar tagen die Vertreter der Kapitalseite und der Arbeitnehmer getrennt. Doch befassen sich beide Fraktionen mit der Zukunft des Konzernchefs. Vor allem bei den Beschäftigten steht er massiv in der Kritik. Doch Löscher lehnt einen Rückzug ab.

Nach der zweiten Gewinnwarnung in drei Monaten wird die Luft für Siemens-Chef Peter Löscher dünner. Offenbar verhandelt der Aufsichtsrat bereits am Wochenende über dessen Zukunft. Die Kapital- und Arbeitnehmervertreter träfen sich jeweils getrennt in München, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Ganz oben auf den Tagesordnungen der Vorbesprechungen für die anstehende Aufsichtsratsitzung stehe jeweils "die zukünftige Zusammensetzung des Vorstands". Das gesamte Kontrollgremium kommt am Mittwoch regulär zu seiner offiziellen Sitzung in München zusammen. Zu weiteren Details der Tagesordnung wollte sich Siemens nicht äußern.

Löscher steht wegen der jüngsten Gewinnwarnung und einer Reihe von vorangegangenen Misserfolgen unter Druck. Nun hat er sein selbstgestecktes Ziel aufgeben müssen, den Technologiekonzern bis 2014 auf eine operative Rendite von zwölf Prozent zu hieven. Zur Begründung wurde lediglich auf "geringere Markterwartungen" verwiesen.

Allerdings will Löscher angesichts von Spekulationen über seine Zukunft um sein Amt kämpfen. "Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je."

Siemens-Aktie bricht ein - erholt sich aber wieder

Der Konzern bekommt die Konjunkturflaute mit einer schwächeren  Wachstumsdynamik in den Schwellenländern zu spüren. Hinzu kommen hohe Belastungen aus hausgemachten Projekt-Pannen. Dazu zählt die verspätete Lieferung von ICE-Zügen an die Deutsche Bahn sowie Verzögerungen bei der Anbindung von Nordsee-Windparks. Aber auch bei Windkraftanlagen an Land in den USA musste Siemens einen Unfall und Reparaturarbeiten vermelden. Am kommenden Donnerstag (1. August) will der Konzern die Zahlen für das dritte Geschäftsquartal vorlegen.

Am Kapitalmarkt kam das neuerlich gebrochene Versprechen nicht gut an. Die Siemens-Aktie war in Folge um sieben Prozent abgesackt, es hagelte Kritik von Analysten. Seit seinem Amtsantritt musste er damit sechs Mal seine Voraussagen revidieren. Zudem wird Siemens durch zahlreiche Trennungen von Sparten immer kleiner, während Konkurrenten wie ABB oder GE wachsen. Zwar hat Löscher wiederholt den Gewinn seines Hauses nach oben getrieben, der Börsenwert sackte indes um knapp ein Viertel ab.

Massiver Stellenabbau verärgert Arbeitnehmervertreter

Auch unter den Arbeitnehmern gärt es. Seit seinem Amtsübernahme sank die Zahl der deutschen Stellen sogar um 25.000 auf 119.000 - nur im fortgeführten Geschäft. Der Jobabbau bei verkauften oder ausgegliederten Sparten wie dem IT-Geschäft oder Osram nicht miteingerechnet. Zudem geht der Abbau von Arbeitsplätzen weiter. Weltweit veranschlagen Gewerkschafter den Stellenabbau auf weitere 10.000 - den Großteil davon in Deutschland. Allein im laufenden Geschäftsjahr kostet der Abbau rund eine Milliarde Euro an Abfindungen und ähnlichem.

Arbeitnehmervertreter verlangen nun von der Siemens -Spitze einen Strategieschwenk. "Fünf bis sechs Milliarden Euro Gewinn sind offenbar immer noch zu wenig", sagte IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner der "Donau-Zeitung" zum Sparkurs von Löscher. Insbesondere in Deutschland brauche der Konzern eine neue Perspektive. "Ich halte es nicht für unzulässig zu sagen: Wir wollen, dass ihr die Basis im Land erhaltet."

Mehrere Nachfolger gehandelt

Betriebsratschef Lothar Adler hatte bereits vor der jüngsten Gewinnwarnung moniert: "Ich vermisse eine nachhaltige und zukunftsorientierte Unternehmenspolitik." Siemens brauche einen "Kurswechsel, bei dem wieder der Mensch im Mittelpunkt steht". Am Freitag herrschte seitens der Betriebsräte und deren Vertreter demonstratives Schweigen zu der Prognosesenkung und Löschers unsicherer Zukunft. "Wir sagen da mal nichts dazu", sagte ein Sprecher des Gesamtbetriebsrats.

Sollte es zu Löschers Sturz kommen, sind bereits mehrere Kandidaten im Gespräch, allen voran Siemens-Finanzchef Joe Kaeser, dem mehrfach Ambitionen auf den Chefposten nachgesagt wurden. Allerdings: An den immer wieder zurückgenommen Prognosen hatte Kaeser naturgemäß selbst mitgerechnet und war wie Löscher für ihr Erreichen eingestanden. Deshalb gilt auch Siegfried Russwurm, Chef des wichtigen Industriesektors bei Siemens, als möglicher Nachfolger. Wie Kaeser hätte er den Pluspunkt Stallgeruch, ist zu hören. Dem ehemaligen Merck-Mann Löscher fehlte genau der immer.

Quelle: n-tv.de

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