Mittwoch, 30. Juni 2010
"Love me Tender": So verteilt die EZB Geld
Der kleine Mann mit Geldbedarf geht zur Bank. Doch wie kommen Banken an das Kapital, das sie dann als Kredite weiterreichen oder das der Kunde am Geldautomaten abhebt? Ein Blick hinter die Kulissen des Geldmarkts.
Ist es Freude, sind es Schmerzen? Künstler und Banken leben und geben nach ganz eigenen Gesetzen.
(Foto: REUTERS)
Braucht eine Bank Geld, wendet sie sich in der Regel entweder im regulären Interbankenhandel an eine andere Bank, und wenn dieser Weg versperrt ist, an die Zentralbank. Zuständig innerhalb der Euro-Zone ist die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt. Sie stattet alle Banken mit Geld aus, indem sie mit ihnen sogenannte Offenmarktgeschäfte durchführt. Dabei bekommen die Banken für einen vorher bestimmten Zeitraum Geld und müssen der EZB im Gegenzug Zinsen zahlen und bei ihr Sicherheiten dafür hinterlegen. Dies können verschiedene Wertpapiere sein, zum Beispiel Anleihen von Staaten, aber auch Pfandbriefe oder verschiedene andere Papiere.
Am wichtigsten für die EZB und die Banken ist das sogenannte Hauptrefinanzierungsgeschäft. Es findet jeden Dienstag statt und läuft genau eine Woche. Der Zinssatz, den die Banken bei dieser Refinanzierungsoperation der Notenbank bezahlen müssen, ist der wichtigste Zinssatz in Europa, weil von seiner Höhe alle anderen Zinssätze abgeleitet sind. An diesem Leitzins orientieren sich zum Beispiel Kreditzinsen, Hypothekenzinsen, Verzugszinsen oder die Zinsen fürs Sparbuch. Der von der EZB festgesetzte Leitzins liegt seit Mai vergangenen Jahres bei einem Prozent - so niedrig wie noch nie seit Einführung des Euro.
Technisch gibt es verschiedene Verfahren für einen Tender, wie Refinanzierungsgeschäfte einer Zentralbank mit ihren Banken auch genannt werden. Entweder gibt die EZB eine Summe vor, die sie dem Finanzsystem zur Verfügung stellen will oder sie fragt umgekehrt die Banken, wie viel Geld sie benötigen. Die Notenbank ist dabei weitgehend frei in ihrer Entscheidung, wie viel Geld sie dann auch tatsächlich zuteilt. Sie wird allerdings bei ihrer Entscheidung die Liquiditätsausstattung der Banken beachten und versuchen sicherzustellen, dass alle Geldhäuser tatsächlich auch über ausreichend Geld verfügen. Wichtig dabei ist die Lage am Interbankenmarkt - einem weitgehend unbekannten Teil des Finanzmarktes, auf dem sich Banken untereinander Geld leihen.
Die am Interbankenmarkt aktiven Institute schauen sich die Banken genau an, mit denen sie Geschäfte machen wollen. Haben sie Zweifel an deren Fähigkeit, die ausgeliehene Liquidität samt Zinsen zurückzahlen zu können, drehen sie ihnen den Geldhahn ab - ebenso verfährt der Markt mit einem von der Insolvenz bedrohten Unternehmen oder einen überschuldeten Häuslebauer. Vertrauen ist alles - seit der Pleite von Lehman Brothers im Herbst 2008 regieren jedoch auf dem Interbankenmarkt Angst und Misstrauen. Hinzu kam die Unsicherheit wegen der Schuldenkrise in mehreren südeuropäischen Ländern.
Vor diesem Hintergrund blieb vielen Banken, vor allem aus Griechenland, Portugal und Spanien, deshalb nur noch der Gang zur Tränke der EZB. Wenn die Banken am ersten Juli die riesige Summe von 442 Mrd. Euro aus einem offenen Jahrestender zurückzahlen müssen, dürfte der Durst nach Liquidität steigen. Am Zahltag zeigt sich somit auch, wie gesund Europas Banken nach drei Jahren Krise sind.
Trichet baut die Kriseninstrumente ab
Die EZB erwägt in diesem Zusammenhang keine Erneuerung des auslaufenden Jahrestenders, wie EZB-Ratsmitglied und Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny zuletzt bekräftigte. Diese Entscheidung sei Teil einer langfristigen Ausstiegsstrategie, fügte er hinzu. Der Ausstieg aus dem Einjahres-Tender sei zwar durch zusätzliche Möglichkeiten zur Kreditbeschaffung abgefedert worden, doch die Strategie bleibe.
Nowotnys Äußerungen waren die Antwort auf eine Frage zu einem Bericht der "Financial Times". Diese hatte vom Unmut spanischer Banken über das Auslaufen des Tenders berichtet, die gerne weitere langfristige Tender gesehen hätten.
Der Zahltag für den Tender ist der 1. Juli. Die insgesamt 442 Mrd. Euro hatten sich Europas Banken vor einem Jahr bei der EZB geliehen. Auch Christian Noyer, Chef der Französischen Notenbank, versuchte die Märkte zu beschwichtigen. "Die EZB wird tun, was notwendig ist um sicherzustellen, dass es nicht zu einem Liquiditätsengpass kommt", sagte Noyer dem Radiosender Europe 1.
Der 12-Monats-Tender war der erste, den die EZB ausgegeben hatte. Er war von der EZB auf dem Höhepunkt der Finanzkrise aufgelegt worden, um die Institute angesichts eines nicht mehr funktionierenden Interbankenmarktes mit frischem Geld zu versorgen.
mmo/rts
