Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)

Ungleichheit in Deutschland: "Soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr"

Deutschland wird immer ungleicher, kritisiert Ökonom Marcel Fratzscher. Hierzulande komme es zu Verteilungskämpfen - der Flüchtlingszuzug sei nur ein Beispiel von vielen. Aus dem Motto "Wohlstand für alle" sei "Wohlstand für immer weniger" geworden. In seinem Buch "Verteilungskampf" analysiert er die Ursachen für die zunehmende Ungleichheit. Mit dem Präsidenten des DIW Berlin sprach n-tv.de über schrumpfende Löhne, geringe Chancengleichheit und die AfD.

Marcel Fratzscher ist Präsident der Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin.
Marcel Fratzscher ist Präsident der Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin.

n-tv.de: Wie ungleich ist Deutschland?

Marcel Fratzscher: Deutschland schneidet im internationalen Vergleich miserabel ab. Wir sehen, dass der durchschnittliche deutsche Haushalt ein Drittel des Vermögens hat von einem durchschnittlichem spanischen oder italienischen – und die Hälfte von einem griechischen Durchschnittshaushalt. Die unteren 40 Prozent haben hierzulande praktisch überhaupt kein Nettovermögen, also etwas, mit dem sie Vorsorge betreiben können. Und die oberen 10 Prozent haben besonders viel, ihnen gehört fast zwei Drittel des gesamten Privatvermögens.

Und wie sieht es beim Einkommen aus?

Auch das Einkommen ist sehr ungleich verteilt. Seit vielen Jahren läuft die Lohnentwicklung stark auseinander. Die unteren 50 Prozent der Einkommen sind real - also die Inflation eingerechnet - geringer als vor 15 Jahren. Dazu kommt: Es gibt kaum ein Land in der industrialisierten Welt, das eine so geringe Chancengleichheit hat wie Deutschland. Die soziale Mobilität ist gering. Es ist für Menschen aus einem sozial schwachen, bildungsfernen Milieu unheimlich schwierig, aufzusteigen. Das liegt auch daran, dass diese Menschen vom Kindesalter an hohe Barrieren in den Weg gelegt bekommen.

Ludwig Erhard, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, hat die Formel "Wohlstand für alle" geprägt. Gilt die nicht mehr?

Die Soziale Marktwirtschaft existiert in Deutschland nicht mehr. "Wohlstand für alle"? Daraus ist ein "Wohlstand für immer weniger" geworden. Es gibt dieses Ideal: Unsere Kinder sollen es besser haben als wir. Doch das ist mittlerweile für viele Menschen eine Illusion. Ihnen wird die Chance genommen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Und wie lässt sich das ändern?

Beispielsweise, indem mehr in Bildung investiert wird. Genauso wichtig ist, über andere Bildungsstrukturen nachzudenken. Wir brauchen deutlich mehr Investitionen in frühkindliche Bildung. Hier gibt Deutschland auch im internationalen Vergleich viel zu wenig aus. Es fehlt an Ganztagsschulen, an Betreuung von Kindern, die Hilfe brauchen. Es fehlt an Durchlässigkeit des Schulsystems. Es ist unglaublich schwierig, den Aufstieg in die nächsthöhere Stufe zu schaffen – selbst wenn die Kinder die Fähigkeiten und die Talente haben. Im Berufsleben ist es ähnlich. Da gibt es dann eine Diskriminierung von Frauen.

Sie schreiben in Ihrem Buch von regelrechten Verteilungskämpfen…

Das ist ein weit verbreitetes Phänomen. Sie sehen es beispielsweise in der Politik – etwa bei den Flüchtlingen. Ein Teil der Bevölkerung sagt: "Jetzt kommen diese Flüchtlinge, und jetzt ist kein Geld für uns da. Die Schulen verfallen, unsere Straßen und Brücken sind kaputt, aber für die Flüchtlinge wird Geld aufgetrieben. Und wir müssen den Gürtel enger schnallen."

Die Politik trägt dazu bei?

"Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird" ist bei Hanser erschienen, hat 264 Seiten und kostet 19,90 Euro.
"Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird" ist bei Hanser erschienen, hat 264 Seiten und kostet 19,90 Euro.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schlägt vor, dass in Europa die Benzinsteuern erhöht werden, damit man für die Flüchtlinge zahlen kann. Vizekanzler Sigmar Gabriel will ein Sozialpaket, um die einheimische Bevölkerung ruhigzustellen. Genau das führt zu einem Verteilungskampf: Dass Menschen suggeriert wird, es gebe weniger für die Einheimischen, weil die Flüchtlinge kommen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Ein anderes ist die Rentenreform, hier geht es um Jung gegen Alt. Die Rente mit 63 ist ein Geschenk für die ohnehin besser gestellten Menschen. Die Rentenreform kostet 10 Milliarden Euro im Jahr. Dafür müssen vor allem die jüngeren Leute zahlen. Und diese Verteilungskämpfe sind wirtschaftlich schädlich.

Inwiefern?

Lobbyismus nachzugeben, sorgt nicht für mehr Wohlstand. Im Gegenteil. Der Staat verteilt schon zu viel um. Wir haben hohe Abgaben, eine riesige Bürokratie. Und dabei geht es darum, Geld von einer Seite auf die andere zu transferieren – und häufig wieder zurück. Das ist alles andere als effizient. Wir brauchen nicht noch mehr Umverteilung oder mehr Steuern, wir brauchen mehr Chancengleichheit und mehr Wettbewerb.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen Verteilungskämpfen und den Wahlerfolgen der AfD?

Ja. Ein Hauptthema der Landtagswahlkämpfe waren die Flüchtlinge. Und da geht es um Verteilung. Die AfD hat damit punkten können, dass sie gesagt hat: "Wenn Flüchtlinge kommen, ist das schlecht für euch. Ihr werdet weniger haben, eure Löhne werden sinken, die staatlichen Leistungen werden gekürzt, die Steuern steigen." Doch dazu muss es nicht kommen. Deutschland steht hervorragend da, um mit dieser Herausforderung umzugehen. Die öffentlichen Haushalte haben signifikante Überschüsse, es gibt auf dem Arbeitsmarkt viele offene Stellen. Wirtschaftlich kann diese Herausforderung sehr gut gemeistert werden. Statt Wahlgeschenke zu verteilen, hätte die Bundesregierung besser investiert – in Bildung, in Infrastruktur.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das irgendwann ändert?

Die Politik handelt leider erst dann, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht. Als Deutschland vor einigen Jahren der "kranke Mann Europas" war, blieb der Politik gar nichts anderes übrig, als Reformen durchzuziehen. Die Agenda 2010 war sehr schmerzhaft für viele Menschen. Darum ist es besser, diese Reformen in guten Zeiten umzusetzen, wenn es bei den Finanzen und am Arbeitsmarkt positiv aussieht. Wir müssen jetzt die Weichen stellen für die nächsten zehn, zwanzig Jahre. Wir dürfen nicht warten, bis wir wieder der "kranke Mann Europas" sind.

Mit Marcel Fratzscher sprach Jan Gänger

"Verteilungskampf" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen