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Bei einer griechischen Staatspleite würde das öffentliche Leben in großen Teilen zum Erliegen kommen
Bei einer griechischen Staatspleite würde das öffentliche Leben in großen Teilen zum Erliegen kommen(Foto: REUTERS)

Antworten zu Griechenland: Das würde die Pleite bedeuten

Von Nikolas Neuhaus

Die Furcht vor einer Staatspleite in Griechenland erschüttert die Märkte. Ohne weitere Hilfen droht Athen den Kampf gegen die Staatsschulden zu verlieren. Doch was passiert im Fall der Pleite? Wer wäre davon besonders betroffen? Und was heißt das für den Euro?

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Der politische Stillstand in Griechenland im Frühjahr dieses Jahres kommt das Land bedrohlich teuer zu stehen. Weil die Reform- und Sparforderungen der Euro-Staaten und des Internationalen Währungsfonds größtenteils liegen geblieben sind, braucht Athen bis zu 50 Mrd. Euro zusätzliche Mittel, um über die Runden zu kommen. Weder die Bundesregierung noch der IWF ist jedoch Medienberichten zufolge zu weiteren Hilfskrediten bereit. Damit droht dem Land die Zahlungsunfähigkeit. Doch was dann?

Wann ist ein Staat pleite?

Wenn ein Land wie Griechenland kein Geld mehr hat, um seinen Zahlungsverpflichtungen bei seinen Geldgebern nachzukommen, wird es die Zahlung von Zinsen und die Rückzahlung fälliger Schulden ganz oder teilweise einstellen. Die griechische Regierung würde dies entweder gegenüber seinen Gläubigern ankündigen oder die Zahlungen einfach aussetzen.

Auch wenn das Land noch Vermögen hätte, um damit die Forderungen von Gläubigern zu bedienen, könnte ein Land seinen Schuldendienst einstellen und damit in den Staatsbankrott gehen. Die weitreichenden Folgen eines solchen Schrittes verhindern das aber aus staatseigenem Interesse.

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Eine formelle Erklärung der Zahlungsunfähigkeit, wie sie Unternehmen beim Insolvenzgericht abgeben, gibt es dagegen nicht, da es für Staaten kein entsprechendes geordnetes Insolvenzverfahren gibt.

Was passiert, wenn Griechenland bankrott ist?

Anders als bei der Insolvenz eines Unternehmens ändert sich bei souveränen Staaten nichts an der Führung. Statt eines Insolvenzverwalters, der bei einem zahlungsunfähigen Unternehmen die Leitung im Interesse der Gläubiger übernimmt, bleibt bei zahlungsunfähigen Staaten die jeweilige Staatsregierung im Amt.

In Verhandlungen mit seinen Gläubigern würde die griechische Regierung versuchen, sich auf einen möglichst weitreichenden Schuldenverzicht oder eine Umschuldung zu einigen.

Wer sind die betroffenen Gläubiger?

Kreditgeber sind neben griechischen und ausländischen Banken auch andere private Gläubiger wie etwa Finanzinvestoren, Versicherungen oder Pensionsfonds. Zudem sind die Euro-Staaten sowie der Internationale Währungsfonds durch ihre Hilfskredite Geldgeber Griechenlands. Darüber hinaus gehört durch ihre Anleihenkäufe auch die Europäische Zentralbank zu den Gläubigern.

Welche Folgen hätte eine Pleite für Griechenland?

Folgen der Reformauflagen: Proteste gegen Jobabbau und Lohnsenkungen.
Folgen der Reformauflagen: Proteste gegen Jobabbau und Lohnsenkungen.(Foto: REUTERS)

Das öffentliche Leben würde in großen Teilen zum Erliegen kommen. Das Land könnte nur noch nach Kassenlage seine Sozialsysteme aufrecht erhalten und Beamte oder Rentner alimentieren. Das würde auch die öffentliche Bereitstellung von Infrastruktur treffen, etwa Krankenhäuser, den öffentlichen Nahverkehr, die Müllabfuhr oder das Bildungssystem.

Verheerende Folgen hätte eine Pleite auch für die griechischen Banken, die zu den großen Gläubigern des griechischen Staates gehören. Schon jetzt können sich die Institute mit den Anleihen bei der EZB kein frisches Geld mehr besorgen. Stattdessen muss die griechische Zentralbank mit Liquiditätsnothilfen in die Bresche springen. Sollten die Institute griechische Staatsanleihen gänzlich abschreiben müssen, würde das ihre Lage massiv verschlechtern.

Banken ohne Geld könnten griechischen Unternehmen zudem noch weniger Kredite vergeben als bisher schon. Das würde die konjunkturelle Lage des Landes weiter verschärfen, die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit weiter nach oben treiben und in einer Kettenreaktion auch die verbliebenen Steuereinnahmen Griechenlands zusammenbrechen lassen.

Eine Staatspleite hätte auch langfristige Folgen an den Finanzmärkten: Auf absehbare Zeit würde Griechenland keine neuen Kredite mehr bekommen, um damit seine Staatsaufgaben zu erfüllen, da Gläubiger fürchten müssten, ihr Geld nicht zurückzuerhalten.

Und was ist mit dem Rest Europas?

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Die Folgen einer Staatspleite in der Eurozone sind auch Jahre nach den ersten Schreckensmeldungen absolut unkalkulierbar. Die größte Befürchtung ist ein massiver Vertrauensverlust in den Euro als Ganzes, da mit einer Staatspleite offenkundig würde, dass die europäischen Staaten nicht willens oder in der Lage waren, den Bankrott eines Euro-Mitgliedslandes zu verhindern. Im schlimmsten Falle würde ein Dominoeffekt zu massiv steigenden Anleihezinsen in den Euro-Staaten führen, die letztlich weitere Staatspleiten zur Folge haben könnten. Unter Ökonomen gibt es daher auch die Sorge, dass schon allein die Furcht vor einer solchen Entwicklung Fakten schaffen könnte: Wenn besorgte Bürger in den Euro-Staaten in großem Stil ihr Geld von den Banken abziehen sollten, um es vor den Folgen eines Euro-Zusammenbruchs zu sichern, könnte dies die ohnehin angespannte Lage im Finanzsektor schnell stark verschärfen.

Für tiefrote Zahlen würde eine Pleite zudem bei europäischen Banken sorgen, die noch griechische Staatsanleihen in ihren Büchern haben. Neben privaten Finanzhäusern, die dadurch möglicherweise in Schieflage geraten, betrifft dies auch eine Reihe von Bad Banks, etwa die der Hypo Real Estate. Deren Verluste müssen am Ende vom Steuerzahler getragen werden. Dies gilt auch für Verluste, die bei der Europäischen Zentralbank anfallen. Die Währungshüter haben zur Stützung der Anleihenmärkte auch griechische Staatsanleihen aufgekauft. Werden diese größtenteils oder ganz wertlos, müssen für Verluste daraus im Zweifel die Mitgliedsstaaten des Euro aufkommen.

Tritt Griechenland nach einer Pleite aus dem Euro aus?

Nicht unbedingt. Durch eine Staatspleite würde sich Griechenland auf einen Schlag von untragbar hohen Schulden befreien. Gibt es jedoch künftig dauerhaft mehr Geld aus als es einnehmen kann, droht Griechenland über kurz oder lang wieder in die Schuldenfalle zu geraten. Manche sehen in der Wiedereinführung der Drachme deshalb eine Möglichkeit für das Land, mit einer Abwertung zu dauerhafter Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu kommen. Als grobe Größenordnung wird eine Abwertung der Drachme um 50 Prozent genannt. Reisen nach Griechenland würden dadurch ebenso deutlich billiger wie Produkte aus dem Land, was der Nachfrage auf die Beine helfen würde.

Die Kehrseite der Medaille sind jedoch deutliche Preissteigerungen für alle Waren und Dienstleistungen, die Griechenland aus dem Ausland importiert. Bei einer Abwertung der Drachme um 50 Prozent müsste die griechische Wirtschaft also eine Verdopplung des Ölpreises schultern.

Problematisch wäre eine Währungsreform auch wegen der privaten Schulden der griechischen Landsleute. Mit einer Staatspleite würden ihre Außenstände nicht etwa auch gestrichen, sonden blieben unverändert bestehen - und zwar in Euro. Würde Athen nun die Drachme einführen und deutlich abwerten, müssten die Griechen ihre Euro-Schulden mit der weichen Drachme bezahlen - Zahlungsausfälle wären vorprogrammiert. Die große Angst unter Ökonomen gilt zudem einem befürchteten Bank-Run, sollte die Wiedereinführung der Drachme vorzeitig publik werden. Im schlimmsten Falle würde dies das griechische Finanzsystem zusammenbrechen lassen - mitsamt des Geldkreislaufs. Auch wegen solch großer Risiken ist ein Austritt Griechenlands aus dem Euro selbst im Falle einer Staatspleite alles andere als ausgemachte Sache.

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Quelle: n-tv.de

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