Wirtschaft
Stahlproduktion bei ArcelorMittal im polnischen Krakau.
Stahlproduktion bei ArcelorMittal im polnischen Krakau.(Foto: imago/Eastnews)

Kampf gegen China-Dumping: Stahlbündnis ruft EU um Hilfe

Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht China drängt mit billigem Stahl auf Europas Märkte. Die dortigen Hersteller fürchten das Schlimmste und sehen den fairen Wettbewerb in Gefahr. Daher soll es die Politik nun richten.

Bei Europas Stahlkochern geht die Angst um. Schon seit Jahren herrscht Krisenstimmung, denn selbst bei normaler Nachfrage war zuletzt jeder vierte Hochofen in der Branche einer zu viel. Überkapazitäten und Preisverfall prägten das Bild. China wirft massenhaft Stahl auf den Markt und verschlimmert das Problem. Europa- und deutschlandweit rufen die Stahlkocher daher um Hilfe. Schutzzölle sollen es zum Beispiel richten. Ein Überblick:

Warum ist Stahl überhaupt wichtig?

In Europa ist Stahl laut dem Branchenverband Eurofer der mit Abstand meistgenutzte industrielle Rohstoff. Die Metalllegierungen sind zum Beispiel als hochfeste Stähle wichtig für den Autobau, aber auch der erfolgreiche deutsche Maschinenbau benötigt High-Tech-Stahl oder etwa Windenergieanlagen-Hersteller wie Enercon. Auch bei Großprojekten wie Brücken oder Gas- und Ölleitungen geht oft nichts ohne Stahl. International gilt die europäische Stahlbranche als innovativ und nachhaltig. Sie erzielte zuletzt pro Jahr 170 Milliarden Euro Umsatz und gab 330.000 Menschen direkt einen Job, davon allein rund 100.000 hierzulande. EU-weit gibt es gut 500 Produktionsorte. Thyssenkrupp und Salzgitter sind Deutschlands Branchen-Schwergewichte.

Wie geht es den Unternehmen?

Die Negativschlagzeilen reißen nicht ab. Der ungebremste Verfall der Preise brockte dem weltgrößten Hersteller ArcelorMittal vergangenes Jahr einen Rekordverlust ein. Es gab einen Fehlbetrag von fast acht Milliarden US-Dollar. Es ist der vierte Jahresverlust nacheinander und der höchste seit der Fusion der Stahlunternehmen Arcelor (Luxemburg) und Mittal (Niedelande) 2007. Der Konzern bittet die Aktionäre nun um frisches Geld und streicht die Dividende.

Und hierzulande?

Branchenprimus Thyssenkrupp hat sich in den vergangenen Jahren unter dem Vorstandschef Heinrich Hiesinger aus einer schweren Krise gekämpft. Für 2015 waren die Zahlen unter dem Strich wieder schwarz. Doch von Entwarnung kann noch keine Rede sein. "Die Lage in der europäischen Stahlindustrie ist in der Tat besorgniserregend", sagte Hiesinger vor kurzem beim Aktionärstreffen in Bochum. Gerade das Schlussquartal 2015 verstärke die negativen Vorzeichen wieder. Ähnlich die Salzgitter AG: Die deutsche Nummer zwei aus Niedersachsen fuhr in den vergangenen Jahren einen Sparkurs, strich Hunderte Jobs und baute den Konzern um. Die Reformen besserten die Zahlen, 2015 gab es mit der Ertragswende wieder den ersten Vorsteuergewinn seit 2011. Doch die Situation sei branchenweit fragil, betont auch Salzgitter.

Wie beurteilt das Bundeswirtschaftsministerium die Lage?

Als "schwierig". Eine wesentliche Ursache sei die Beeinträchtigung der globalen Stahlmärkte durch hohe Einfuhren aus China. Das Reich der Mitte litt zuletzt nach Jahren der konjunkturellen Höhenflüge unter Dämpfern. Die chinesischen Stahlexporte waren laut Bundeswirtschaftsministerium im Jahr 2014 schon um 51 Prozent auf einen neuen Rekord von rund 93 Millionen Tonnen gewachsen. Im ersten Quartal 2015 habe es weitere 40 Prozent Anstieg gegeben, auch als Folge der sinkenden Inlandsnachfrage. "Das stellt unsere Stahlindustrie vor große Herausforderungen", sagt eine Ministeriumssprecherin. Überkapazitäten im Stahlsektor Chinas und unfaire Handelspraktiken dürfen die europäischen Hersteller nicht belasten.

Was geschieht politisch hinter den Kulissen?

Deutschland und sechs weitere Länder fordern die EU zum Handeln auf. Man müsse die heimische Industrie gegen "unfaire Handelspraktiken" schützen, verlangten Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sowie Minister aus Italien, Großbritannien, Frankreich, Polen, Belgien und Luxemburg. "Die Europäische Union kann nicht passiv bleiben, wenn wachsende Arbeitsplatzverluste und Schließungen von Stahlwerken zeigen, dass es eine erhebliche und drohende Gefahr eines Zusammenbruchs des europäischen Stahlsektors gibt", heißt es in einem Schreiben vom 5. Februar. Die EU solle sich gegen günstige Importe wehren, fordern die Unterzeichner. Laufende Anti-Dumping-Verfahren zu Produkten aus China und Russland müssten schneller vorankommen. Auch gegen mutmaßliche unerlaubte Subventionen für die Stahlindustrie in Drittländer müsse die EU entschiedener vorgehen, so die Forderung.

Was sagen die Lobby-Verbände und die Arbeitnehmervertreter?

Die Branche will am 15. Februar zu einem Protestmarsch in Brüssel zusammenkommen - mindestens 5000 Menschen werden erwartet. Die Gewerkschaft IG Metall hatte schon Ende Januar zu einer Aktionswoche aufgerufen und vor einem massiven Arbeitsplatzabbau gewarnt. Nun trafen sich die wichtigsten Akteure in Niedersachsen zu einem "Stahlgipfel". Politiker, Vertreter der Wirtschaftsvereinigung Stahl und die IG Metall kritisierten unter anderem die europäische Handelspolitik als zu schwerfällig. So würden Klageverfahren erst mit dem Nachweis einer "erheblichen Schädigung über einen Zeitraum von 12 Monaten" überhaupt akzeptiert. Damit dauere es in der EU rund 20 Monate und damit doppelt so lang wie in den USA, bis Bemühungen zum Schutz der heimischen Industrie greifen. "Das Prüfverfahren muss daher deutlich verkürzt werden", fordern die Unterzeichner.

Quelle: n-tv.de

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