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Die Worte "Wussten Sie schon, dass Kaffee gute Laune macht" stehen auf einem Gratis-Kaffeebecher, die die Deutsche Bahn während des Lokführerstreiks verteilt.
Die Worte "Wussten Sie schon, dass Kaffee gute Laune macht" stehen auf einem Gratis-Kaffeebecher, die die Deutsche Bahn während des Lokführerstreiks verteilt.(Foto: picture alliance / dpa)

Lokführer bremsen Republik aus: Streik mit Streuselkuchen in der Sonne

Von Franziska Klaren

Die Lokführergewerkschaft GDL legt mit dem bisher längsten Streik im aktuellen Tarifkonflikt den Bahnverkehr in Deutschland lahm. Im Fernverkehr fährt nur noch jeder dritte Zug. An den Bahnhöfen stranden Tausende Reisende.

"Wie wäre es mit einem Kaffee, Tee oder Wasser?" Heute hat die Deutsche Bahn (DB) am Berliner Hauptbahnhof ein paar kleine Gaben im Gepäck. Wenn die Züge schon nicht fahren, dann verteilen die Service-Mitarbeiter der DB ihre Getränke eben direkt am Bahnhof. Kostenlos. Doch über den Groll der Fahrgäste kann das Gratis-Getränk nicht hinweg helfen: "Die haben uns leider völlig im Regen stehen lassen", sagt Stefanie Middendorf aus Magedeburg. Die 33-Jährige ist geschäftlich in Berlin und muss zurück zu Matti, ihrem kleinen Sohn, der bis jetzt noch in der Krippe sitzt.

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So wie ihr geht es den meisten, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Zwar kann ungeachtet des Lokführerstreiks nach Bahnangaben jeder dritte ICE, Intercity oder Eurocity fahren. Im Regionalverkehr jedoch gibt es massive Probleme. Wie ein Sprecher sagt, kommt es zu "starken Beeinträchtigungen" in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Teilweise sei der Verkehr dort komplett zum Erliegen gekommen. "Punktuelle Ausfälle" gibt es demnach in Bayern und Hamburg, auch Fahrgäste an Rhein und Ruhr hätten mit Einschränkungen zu kämpfen.

"Wann wissen Sie, wie es weitergeht?"

Noch bis Donnerstagmorgen 4 Uhr streiken Tausende Lokführer. Es ist der zweite große GDL-Streik in acht Tagen - und diesmal gleich 14 Stunden im Fern- und Regionalverkehr sowie bei den S-Bahnen. Das trifft alle. Und das bedeutet Stress. "Können Sie mir sagen, wann der nächste Zug fährt? Wann wissen Sie, wie es weitergeht?". Geschlagene zwölf Minuten löchert Middendorf zwei Bahn-Mitarbeiter zusammen mit Theresa Zörner, einer anderen Magdeburgerin.

Leere Gleise: Auf der Anzeigetafel im Hauptbahnhof in Berlin wird informiert, dass aufgrund des Streiks der GDL-Lokführer auch kein S-Bahn- Verkehr stattfindet.
Leere Gleise: Auf der Anzeigetafel im Hauptbahnhof in Berlin wird informiert, dass aufgrund des Streiks der GDL-Lokführer auch kein S-Bahn- Verkehr stattfindet.(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich habe sogar versucht, mich auf den Streik einzustellen und wollte vor 14 Uhr wieder aus Berlin weg", sagt Middendorf. Doch auch das hat nicht geklappt. Denn mit ihrem Ersatzfahrplan hat die Bahn vielen Reisenden schon vor dem Streik Wartezeiten beschert. Es ist der Versuch, der GDL den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch in Middendorfs Fall ging der nach hinten los. Für die Gewerkschaft der Lokführer ein gefundenes Fressen: "Wir hätten die Fahrgäste gerne bis 14 Uhr befördert, aber das ging gar nicht. Die Bahn hat ja ihre Mitarbeiter nicht arbeiten lassen", sagt Frank Nachtigall, Bezirksvorsitzender der GDL in Berlin.

Mehr Geld, aber weniger Arbeit

Zwanzig seiner Leute stehen vor dem Berliner Ostbahnhof und verteilen Flugblätter mit ihren fünf Forderungen: Fünf Prozent mehr Entgelt, zwei Stunden weniger Arbeit in der Woche, weniger Belastung durch weniger Fahrzeit, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine höhere Wertschätzung, genauer gesagt: höhere Gewinnbeteiligungen. Die GDL-Fahnen haben die Männer und Frauen lässig über die Schulter gelegt. Die Stimmung ist gut, die Sonne scheint.

Noch mehr Streik-Kollegen haben es sich inzwischen im Café "Style" am anderen Ende des Ostbahnhofs gemütlich gemacht. Das Café ist so etwas wie der informelle Streiktreff. Hier tragen sich die Protestler in die Streikliste ein und versüßen sich den Streiknachmittag eben auch mal mit Streuselkuchen. "Wir sitzen auf der Sonnenseite", ruft sogar ein GDLer seinem Bezirkschef Nachtigall zu. "Na dann hoffen wir, dass es noch lange so bleibt." Geht es nach ihm, ist der 14-Stunden-Streik erst der Auftakt einer Streikserie: "Es wird sich sukzessive steigern, vielleicht auch mal drei Tage." Mit Blick auf die in der Sonne sitzenden Kollegen sagt er: Sie seien aber immernoch am glücklichsten, wenn sie pünktlich ihren Zug anfahren könnten. So gehe das aber nicht weiter.

Taxis freuen und Touristen wundern sich

Die Lokführer der Deutschen Bahn treten noch bis Donnerstag 4.00 Uhr bundesweit in den Streik. Bei Fernbusfahrten ist daher mit mehr Fahrgästen zu rechnen.
Die Lokführer der Deutschen Bahn treten noch bis Donnerstag 4.00 Uhr bundesweit in den Streik. Bei Fernbusfahrten ist daher mit mehr Fahrgästen zu rechnen.(Foto: picture alliance / dpa)

Am Hauptbahnhof diskutieren derweil die Bahn-Mitarbeiter mit den geplagten Reisenden. Middendorf und Zörner bringt dies aber nichts. Statt in die Regionalbahn steigen sie in den Fernbus - für 9 Euro statt für 28,20 Euro, die das Bahnticket gekostet hätte. Von der Schiene in den Fernbus - das machen viele Reisende. Nach eigener Aussage profitiert die Bahnkonkurrenz vom Streik: "Die Buchungen steigen spürbar zwischen 10 und 20 Prozent", sagte Matthias Schröter vom Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer. In einer solchen Situation hätten die Fernbus-Anbieter immer einen größeren Zulauf.

Und auch die Taxifahrer dürfen sich heute freuen. "Lass uns am besten ein Taxi nehmen", sagen nicht wenige Gestrandete. 7900 Taxen gibt es insgesamt in Berlin. Um die drängeln sich die Pendler.

Selbst Schuld, dass die Kunden umsattelten -die Lokführergewerkschaft agiere ja zunehmend "auf dem Rücken der Fahrgäste", sagt etwa Winfried Karg vom Fahrgast-Verband "Pro Bahn". Dabei gehe es nicht nur um das Aushandeln neuer Tarifverträge, sondern immer mehr auch um den Machtkampf GDL gegen EVG, darum, wer wen im Konzern vertreten dürfe.

Aber besonders wegen der kurzen Vorwarnzeiten hätten viele Kunden gar keine Chance, sich auf die Einschränkungen im Bahnverkehr einzustellen. "Wir finden es zwar gut, dass der Streik jetzt früher angekündigt wurde, aber es reicht immernoch nicht, wir fordern 24 Stunden", sagt Karg. Außerdem schlägt der Fahrgast-Verband vor, dass sich die Bahn und die Gewerkschaften was vom europäischen Streik-Ausland abschauen, etwa vom festen Streikfahrplan in Italien: "Da wissen die Fahrgäste, welcher Zug noch fährt, wenn gestreikt wird. Sowas brauchen wir auch hierzulande."

Völlig kalt erwischt hat der Streik heute aber nicht nur einheimische Pendler, sondern auch Tausende Touristen. Der 72-jährige Engländer John etwa, wundert sich, dass die sonst so fleißigen Deutschen überhaupt streiken. Doch er nimmt es mit der Gelassenheit des Alters und geht schmunzelnd weiter. Zwei US-amerikanische Backpacker bleiben dagegen durch den Streik auf ihrer Reservierung in einem Hostel in Wien sitzen und ärgern sich: "Es gibt wohl bessere Wege, mehr Geld zu bekommen, als einfach mit der Arbeit aufzuhören und zu streiken". Und als sie erfahren, dass nach dem Bahnstreik nun auch noch die Flugbranche bestreikt wird, fallen Nick und Jacob fast aus allen Wolken. "Jesus, we gotta get outa here", ruft Jacob. Ein Gedanke, der vielen Pendlern an diesem Tag wohl aus dem Herzen spricht.

Quelle: n-tv.de

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