Donnerstag, 22. Oktober 2009
"Es ist die Hölle" : Stunde der Schnäppchenjäger
Leere Verkaufsfläche im Quelle-Einkaufszentrum in Nürnberg.
(Foto: dpa)
Seitdem das Aus des Versandhändlers Quelle beschlossene Sache ist, schlägt auch in dessen Einkaufszentrum in Nürnberg die große Stunde der Schnäppchenjäger. "Es ist die Hölle. Das ist wirklich, als wenn ein Krieg ausgebrochen wäre und die Leute die letzten Lebensmittel kaufen", erzählt Verkäuferin Angelika Will, während sie Handtücher auspackt und auf Wühltische stapelt. Von der Decke hängen riesige Schilder mit dem Aufdruck "Schnäppchen" in den Raum, überall stehen halb ausgepackte Kisten herum.
"Ich komme gar nicht mehr dazu, die Tische richtig aufzufüllen, so schnell sind sie wieder leer", erzählt die 39-Jährige. Beim Anblick des Chaos' um sie herum bricht die Frau plötzlich in Tränen aus. Seit 24 Jahren arbeitet sie für Quelle, im August bekam sie wie ihre Kollegen die Kündigung. Immer war es ihr wichtig, dass die Ware ansprechend präsentiert wird. Dass jetzt alles so lieblos herumsteht: "Das ist ganz schlimm."
"Wild und bedrückt"
"Es geht wild und bedrückt zu", stellt Kunde Steffen Georgi in dem ganzen Trubel fest. Der Oberbayer, den es für einige Tage beruflich nach Nürnberg verschlagen hat, war zwar noch nie zuvor in dem Kaufhaus, doch auch er hofft auf das eine oder andere Schnäppchen. In seinen Händen hält er jede Menge Spielzeug. Die Rabatte von teils bis zu 50 Prozent möchte er für frühzeitige Weihnachtseinkäufe nutzen. "Das ist alles für meine Tochter und die Patenkinder", erklärt der 49-Jährige.
Auf der Suche nach einer Winterjacke hat es auch eine 41-jährige Frau in das Einkaufszentrum gezogen. "Ich hab' gedacht, mich trifft der Schlag, als ich hier reinkam. So viel war hier noch nie los", erzählt die Beamtin. Weil ihr das Einkaufen in der Hektik nicht wirklich Spaß bereite, verfahre sie nach dem Motto: "Schnell rein, an der Kasse zahlen und weg."
Ramschende Menschenmassen
Prozente, Rabatte, Schnäppchen - alles ist reduziert und die Regale leeren sich.
(Foto: dpa)
"Wenn die Kunden schon früher so eingekauft hätten wie jetzt, dann wären wir nicht an dem Punkt zu schließen", sagt eine Verkäuferin aus der Damenmodenabteilung. Mit ungläubigem Blick beobachtet sie die Menschenmassen, die sich an halb leer gekauften Ständern vorbei über die Flure schieben. Selbst an der Rolltreppe kommt es zu kurzen Staus. "Egal, ob Sommer- oder Wintersachen, momentan kaufen sie alles", erzählt die 23-Jährige und wirft frustriert hinterher: "Ich komme mir vor wie beim Discounter."
An den Umkleidekabinen bilden sich immer wieder lange Schlangen. Viele Kleidungsstücke, die letztlich nicht gekauft werden, bleiben in den Ankleiden zurück. Weil sich die Verkäuferinnen nicht mehr anders zu helfen wissen, haben sie eine Ecke des Raumes mit rot-weißem Baustellenband abgesperrt. Hierher schieben sie die Ständer mit der Kleidung, um sie von dort zurück auf die Verkaufsfläche zu sortieren. "Die Leute, die jetzt kommen, sind nicht unsere Stammkunden", sagt eine Verkäuferin enttäuscht. Das seien die typischen Schnäppchenjäger - "die Leichenfledderer".
Ira Kugel, dpa
