Wirtschaft
Atomphysiker an der Wall Street? Früher keine Seltenheit. Doch das Blatt wendet sich wieder.
Atomphysiker an der Wall Street? Früher keine Seltenheit. Doch das Blatt wendet sich wieder.(Foto: picture alliance / dpa)

Silicon Valley statt Wall Street: Top-Talente zieht's in Industrie

"Ist das nicht cool?" Das fragt ein langjähriger Wall-Street-Banker, der jetzt in Solarlampen macht. Damit ist er nicht etwa eine Ausnahme, sondern eher die Regel: Den Finanzhäusern der Wall Street laufen die Top-Talente weg und neue sind nicht in Sicht. Die verzichten lieber auf das schnelle Geld und New York und heuern in Kalifornien an. Ein gefährlicher Trend für die Finanzindustrie.

In den goldenen Zeiten mussten Top-Talente nicht lange nachdenken. An der Wall Street konnte man rasch Karriere machen und das große Geld verdienen. Doch das ist vorbei - und so orientieren sich auch Studenten der Elite-Universitäten um. Um Banken wird mittlerweile oft ein Bogen gemacht, die Industrie hingegen ist wieder ein attraktiver Arbeitgeber. In den USA steht die Technologiebranche im Silicon Valley vielfach ganz oben auf der Wunschliste. Die Banken bekommen über kurz oder lang ein Problem - und müssen sich auch deswegen wandeln.

Im Schweizer Kur- und Wintersportort Davos haben sich gerade wieder die einflussreichsten Banker der Welt mit anderen Top-Entscheidern aus Politik und Wirtschaft getroffen, um Kontakte zu pflegen und über die Zukunft zu diskutieren. Bei den Bankchefs tauchte dabei eine Frage immer wieder auf und sorgt rund um den Globus für Sorgenfalten: Wer übernimmt das Ruder, wenn wir abtreten?

Nach den zahlreichen Skandalen, hohen Verlusten und damit verbunden stark rückläufigen Bonus-Zahlungen sowie einem dramatisch verschlechterten Image verlassen immer mehr gute Leute die Branche, zumal die Perspektiven wegen der immer schärferen Regulierung wenig rosig sind.

Das Problem ist dabei noch nicht einmal das Geld. "Die Leute sagen: 'Ich bin gelangweilt und muss etwas dagegen tun - das ist keine Herausforderung mehr'", erklärt der auf die Finanzbranche spezialisierte David Boehmer von der Personalberatung Heidrick & Struggles. Einer der Wall-Street-Banker pflichtet der Erkenntnis beim Weltwirtschaftsforum bei: "Der Abgang von Talenten in unserer Branche ist massiv." Größen wie Goldman Sachs oder JP Morgan Chase seien akut betroffen.

Banken sind out

In zehn bis 15 Jahren könnten Banken bei der Suche nach geeigneten Managern an der Spitze ernste Probleme bekommen, sagt Personalberater Boehmer. "Die Banken bekommen nicht mehr die Top-Talente von den Universitäten." Ein Beispiel: Für eine Technologie-Position bei einer namhaften Investmentbank habe er Kandidaten aus dem Silicon Valley gesucht, wo Firmen wie Apple,  Google und Facebook angesiedelt sind. Doch ein Wechsel in die Metropole New York sei trotz eines dicken Schecks für keinen der Kandidaten infrage gekommen. Parallel habe er für eine Firma von der Westküste, die auf Zahlungen mit mobilen Geräten spezialisiert ist, einen Finanz-Fachmann gesucht, zu einem nicht sehr attraktiven Gehalt. "Wir hatten unzählige Bewerbungen."

Banken hätten es auch zunehmend schwer, Kreative und Querdenker anzulocken. Diese würden die lockere Atmosphäre in Kalifornien schätzen, könnten dort viel mehr bewegen und neue Produkte entwickeln, so Boehmer. Zudem sei die Bezahlung bei Google & Co sehr ordentlich. Ohne Kreative und Querdenker sei es für die Finanzbranche aber noch schwieriger, sich selbst neu zu erfinden. Viele Geldhäuser seien trotz Finanzkrise noch größer geworden, heißt es im malerischen Davos. Deswegen seien Manager gefragt, die die komplexen Finanzprodukte wirklich verstünden und Risiken minimieren könnten. "Irgendjemand muss die Bestie ja zähmen", sagt der Wall-Street-Banker.

Vorläufig ist der Exodus nicht aufzuhalten. Beispiele gibt es genug: Jacques-Philippe Piverger hat den New Yorker Finanzdistrikt - nach 15 Jahren in der Branche und Stationen bei AIG und Barclays - 2011 verlassen. Er gründete die Firma Micro Power Design, die solarbetriebene Lampen herstellt. Sein Ziel ist es, dass arme Menschen ohne richtigen Stromzugang diese bekämen. "Ist das nicht cool?", fragt er im noblen Belvedere Hotel in Davos. Er habe in der Finanzbranche zwar viel verdient, sei aber nicht erfüllt gewesen. Sein kleines Unternehmen gebe ihm dagegen die Chance, gesellschaftliche  und umwelttechnische Fragen zu einem Geschäft zu vereinen.

Quelle: n-tv.de

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