Ein Sturm zieht aufTrügerische Solar-Gewinne
Den reinen Quartalszahlen zufolge geht es der deutschen Solarindustrie blendend. Aber der Schein trügt. Am Horizont ziehen bereits die ersten Wolken herauf - Vorboten eines möglichen Konsolidierungsturms, der die deutschen Unternehmen erneut hart treffen könnte.
Eigentlich müsste in der deutschen Solarbranche eitel
Sonnenschein herrschen: Noch nie wurden so viele Solaranlagen installiert wie
in der ersten Jahreshälfte, Absatz und Umsatz schnellten nach oben. Auch die
Gewinne legten nach einem heftigen Einbruch im vergangenen Jahr wieder zu. Doch
die gute Laune könnte schnell verfliegen und sich als kurzes Zwischenhoch vor
dem nächsten Sturm erweisen: Branchenexperten gehen davon aus, dass die
nächsten anderthalb Jahre darüber entscheiden, welches Unternehmen tatsächlich
überlebt.
Die deutschen Hersteller von Massenprodukten wie Zellen
und Modulen drohen international den Anschluss zu verpassen. Darüber können
nach Ansicht von Analysten auch die verbesserten Zahlen aus dem zweiten Quartal
kaum hinwegtäuschen. Jetzt räche sich, dass sich viele Hersteller aufgrund der
vergleichsweise üppigen Förderung hierzulande viel zu lange auf den deutschen
Markt konzentriert hätten, meint etwa der Solarexperte Hans Kühn von der
Beratungsgesellschaft PRTM.
China drängt auf den Markt
Schon im vergangenen Jahr wurde die Branche kräftig
durchgeschüttelt. Mit Macht drängten vor allem chinesische Unternehmen auf den
Markt, der binnen weniger Wochen kippte. Konnten die deutschen Hersteller zuvor
gar nicht genug liefern, wurden sie auf einmal ihre Produkte nicht mehr los.
Die Folge war ein heftiger Preisverfall von mehr als 30 Prozent.
Davon wurden die deutschen Solar-Pioniere kalt erwischt.
Viele rutschten in die roten Zahlen, sie verloren dramatisch Marktanteile. Am
heftigsten erwischte es von den großen Herstellern Q-Cells aus Sachsen-Anhalt.
Das Unternehmen schrieb einen Milliardenverlust, musste 500 Leute entlassen und
radikal umbauen. Inzwischen sucht das Unternehmen sein Heil in der Verlagerung
der Produktion nach Malaysia. Und der Berliner Hersteller Solon konnte nur mit
einer Staatsbürgschaft gerettet werden.
Preisrutsch löst Ansturm aus
Der Preisfall löste jedoch den derzeitigen Boom aus:
Investitionen in Solaranlagen wurden dank der hohen Förderung extrem lukrativ.
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ging der Ansturm los, der sich in
diesem Jahr trotz der Förderungskürzung fortsetzt und sogar weiter
beschleunigt. Die hohe Nachfrage verschafft den Unternehmen eine Atempause, die
Preise blieben zuletzt stabil.
"Uns wurden die Module aus der Hand gerissen", beschreibt
Conergy-Chef Dieter Ammer die Situation im zweiten Quartal. Erstmals seit der
Beinahe-Pleite 2007 erzielte sein Unternehmen auch unter dem Strich wieder
einen kleinen Gewinn. Auch Q-Cells kehrte wieder in den positiven Bereich
zurück. Solarworld steigerte seinen Umsatz kräftig und konnte auch seine
Gewinnmarge wieder etwas erhöhen.
Problem mit der Rendite
Doch von den zweistelligen Renditen ihrer chinesischen
Konkurrenz sind sie weit entfernt. Richtig gute Geschäfte machen in Deutschland
derzeit allein die Installateure, Spezialanbieter wie der Technikhersteller SMA
Solar und die auf die Branche spezialisierten Maschinenbauer Manz, Centrotherm
und Roth & Rau.
Der Puffer für die deutschen Massenhersteller sei gering
wenn es darum gehe, einen neuerlichen massiven Preisdruck zu verkraften, sagen
Analysten. Zumal die Unternehmen immer noch teurer produzieren als ihre
Konkurrenz aus dem Ausland. Die nächste Preisrunde wird zum Jahreswechsel
erwartet, wenn die Solarförderung in Deutschland erneut sinkt. Vor allem kleine
Firmen könnten angesichts des Innovationsdrucks in Schwierigkeiten geraten,
warnt etwa der Vorstandschef von Bosch Solar, Holger von Hebel.
Und auf den Heimatmarkt können sich die Hersteller dann
womöglich nicht mehr verlassen. Nach Förderungskürzungen von zusammen mehr als
30 Prozent in den vorangegangenen zwölf Monaten befürchten viele Experten einen
drastischen Nachfragerückgang im kommenden Jahr. Andere Märkte würden stärker
in den Blick rücken. Doch um das Ausland haben sich viele deutsche Unternehmen
lange nicht gekümmert. Nun versuchen sie, das Versäumte nachzuholen. Doch das
machen die Chinesen auch.