Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)

Sattes Minus: Twitter öffnet die Bücher

Der Kurznachrichtendienst legt die Karten auf den Tisch. Wegen des Börsengangs müssen Investoren gelockt werden. Dabei zeigt sich, der Nachrichtendienst schreibt große Verluste. Der Gang aufs Parkett soll indes gut eine Milliarde Dollar bringen.

Drei Wochen nach der Ankündigung eines Börsengangs hat der Online-Kurznachrichtendienst Twitter seinen Börsenprospekt offengelegt. Das Unternehmen will demnach bis zu eine Milliarde Dollar (740 Millionen Mio Euro) mit dem Verkauf eines ersten Schwungs an Aktien einnehmen. Zugleich wird aber auch deutlich, dass das Unternehmen vor etlichen Aufgaben steht - schon allein deshalb, weil es rote Zahlen schreibt.

Twitter kann sich zwar rühmen, die öffentliche Kommunikation maßgeblich verändert zu haben. Seine Wirtschaftlichkeit steht aber noch auf dem Prüfstand. Die Detailpläne zeigen, dass Twitter seinen Umsatz in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf 254 Millionen Dollar mehr als verdoppelt hat. Gleichzeitig weitete das Unternehmen seinen Nettoverlust wegen ausufernder Kosten aber auf 69 Millionen Dollar aus. Die Mitgliederzahl wächst nicht mehr so schnell und die Anzeigenpreise - wichtigste Erlösquelle für Twitter - sinken.

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"Die haben sicherlich noch eine ganze Menge Arbeit vor sich, um im Durchschnittsamerika klarzumachen", wie Twitter funktioniert, sagt Brian Solis, Analyst bei der Unternehmensberatung Altimeter Group.

Was die Investoren anlocken soll, ist die große Reichweite: Laut Börsenprospekt hat Twitter mehr als 215 Millionen aktive Nutzer pro Monat. 100 Millionen nutzten den Dienst sogar täglich, "und das annähernd weltumspannend". Insgesamt schrieben sie rund 500 Millionen Tweets pro Tag - das sind die berühmten maximal 140 Zeichen lange Nachrichten.

Börsenkürzel "TWTR"

Die Aktien des Unternehmens sollen unter dem Symbol TWTR notieren. Twitter hatte den Antrag für die Neuemission vor drei Wochen bei der SEC eingereicht. Einen genauen Termin für den Börsengang nennt aber auch der Prospekt nicht. Gerechnet wird mit November. Zunächst muss Twitter die Investoren auf einer sogenannten Roadshow überzeugen, ins Unternehmen zu investieren.

Die Anleger werden sich nun die Geschäftszahlen ganz genau anschauen: Während Twitter 2010 erst 28 Millionen Dollar erlöste, waren es ein Jahr später bereits 106 Millionen und im vergangenen Jahr dann 317 Millionen Dollar. Und Twitter wächst weiter wie die Halbjahreszahlen zeigen.

Haupteinnahmequelle des Unternehmens ist Werbung, eingestreut in den Nachrichtenstrom. Dem stehen jedoch hohe Ausgaben für Rechenzentren, neue Produkte und die Vermarktung gegenüber.

Schnelle Information statt Belanglosigkeiten

Twitter hat sich zu einem Medium für "Breaking News" gemausert. So war Twitter beim Bombenanschlag auf den Marathon in Boston eine der schnellsten Informationsquellen, wenn auch nicht immer eine der verlässlichsten. Größter Anteilseigner ist Mitgründer Evan Williams mit zwölf Prozent. Sein Kompagnon Jack Dorsey kommt auf 4,9 Prozent. Der aktuelle Chef Dick Costolo hält 1,6 Prozent der Anteile.

Die Plattform, die anfangs als Netzwerk zum Austausch von Belanglosigkeiten belächelt wurde, hat in den vergangenen Jahren stark an politischer und gesellschaftlicher Relevanz gewonnen. Die Demonstranten in der arabischen Welt nutzten Twitter, um die staatliche Zensur zu umgehen und ihre Aktivitäten zu koordinieren. Vor allem in den USA treten Politiker über das Netzwerk direkt mit Wählern in Kontakt, Behörden verschicken über Twitter Mitteilungen.

Auch in der Unterhaltungsbranche erfreut sich Twitter großer Beliebtheit. Viele Sänger und Schauspieler wenden sich über die Kommunikationsplattform an ihre Fans. Der kanadische Teeniestar Justin Bieber hat der Webseite twittercounter.com zufolge mehr als 44 Millionen "Follower", also Nutzer, die seine Kurznachrichten verfolgen. Führender Politiker ist US-Präsident Barack Obama mit immerhin mehr als 36 Millionen "Followern".

Prominentester Börsengang seit Facebook

Twitter hatte Mitte September in einem Tweet enthüllt, dass das Unternehmen im Geheimen seinen Börsengang angestoßen habe. Der Kurznachrichtendienst konnte als junges Unternehmen seinen Börsenprospekt zunächst geheim halten. Der Börsenprospekt ist eine umfangreiche Selbstdarstellung des Unternehmens samt Geschäftszahlen, Risiken, Aussichten und Eigentumsverhältnissen. Als Risiko wird ausdrücklich die Marktmacht größerer Technologiefirmen genannt, allen voran Google.

Das Unternehmen verpflichtete neben den Wall-Street-Häusern Goldman Sachs, J.P. Morgan Chase und Morgan Stanley unter anderem auch die Deutsche Bank, ihm beim Schritt aufs Parkett zu helfen. Twitter ist der prominenteste Börsengang eines Internetunternehmens seit Facebook im Mai vergangenen Jahres. Facebook kam zuletzt auf 1,15 Milliarden Mitglieder.

Bei der Vorbereitung haben die Twitter-Führungskräfte nach Auskunft gut informierter Personen versucht, jene Fallstricke zu umgehen, die im vergangenen Jahr zum verpatzten Facebook-Debüt führten. So habe Twitter sich bewusst für Goldman Sachs als Konsortialführer entschieden, und nicht für Morgan Stanley, die Facebooks Pannen-Börsengang im vergangenen Jahr geleitet hatte.

Quelle: n-tv.de

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