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Die US-Finanzplätze wollen die Schaltsekunde einfach umgehen.
Die US-Finanzplätze wollen die Schaltsekunde einfach umgehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Sorgen vor System-Kollaps: US-Börse wappnet sich für Schaltsekunde

Es ist nur eine winzige Zeitspanne, doch vor ihr nehmen sich die Finanzmärkte in Acht: Die Schaltsekunden, die heute Nacht aufgeschlagen wird, fällt das erste Mal seit 1997 in die Handelszeit der US-Börsen. Experten warnen vor gravierenden Folgen.

Eine einzige Sekunde könnte das Zeug dazu haben, die internationalen Finanzmärkte kräftig durchzurütteln. Unternehmen und Börsenbetreiber rund um den Globus blicken mit Sorge auf die Nacht zum Mittwoch. Um Punkt 2 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit werden die Uhren um eine Sekunde vorgestellt. Das könnte potenziell die weltweiten Finanz- und Handelssysteme überfordern.

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Dieser winzige Aufschlag - auch als Schaltsekunde bekannt - wird genutzt, um alle paar Jahre eine sehr geringe Abweichung zwischen unserer Zeit und der Erdrotation auszugleichen. Doch dieses Jahr ist das erste Mal seit 1997, dass die Schaltsekunde in die US-Handelsstunden fällt. Nicht zuletzt aus diesem Grund modernisieren die Finanzinstitutionen gerade ihre Handelssysteme und testen sie. Elektronischer Handel ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger für die Finanzmärkte geworden.

Laut Branchenexperten dürften unvorbereitete Firmen mit Ausfällen konfrontiert sein, sofern die Systeme die Extra-Sekunde nicht verarbeiten können. Denkbar sind auch Fehler bei den Zeitangaben oder sogar ein kompletter Kollaps. Die Branche habe sich trotzdem zu einer Abwartehaltung entschlossen, erläutert Direktor Greg Wood von Deutsche Bank Securities, der auch Präsident der Markttechnologie-Sparte des Derivate-Verbands Futures Industry Association ist.

US-Finanzplätze wollen früher schließen oder später öffnen

Die meisten Börsenbetreiber und Brokerhäuser haben ihre eigenen Systeme vorbereitet, sind aber unsicher, wie diese mit denen ihrer Klienten zusammenarbeiten werden. "Die größte Sorge besteht weiterhin darin, verstehen zu müssen, was genau passieren wird, und zwar nicht nur innerhalb der einzelnen Firma", fügt Wood hinzu.

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  Die US-Finanzplätze wollen die Schaltsekunde einfach umgehen, indem sie früher schließen oder später öffnen. Die Chicago Mercantile Exchange wird am Dienstag mehrere Handelssitzungen auf die Zeit nach der kritischen Phase um 20 Uhr New Yorker Zeit verschieben. In New York werden die NYSE, die Nasdaq und die BATS den nachbörslichen Handel eine halbe Stunde vor dem regulären Ende - bei allen Plätzen 20 Uhr Ortszeit ist - schließen.

Andere Länder gehen mit der Extra-Sekunde gelassener um. Die asiatischen Märkte - darunter Japan, Südkorea und Singapur - werden ihre Handelssitzungen ganz normal laufen lassen.

Auch in Europa gibt man sich entspannt. Das Hauptargument liegt in der Uhrzeit. Die Schaltsekunde wird am Mittwoch um 01:59:59 Uhr hinzugefügt. Mitten in der Nacht sind aber praktisch alle europäischen Handelsplätze geschlossen. Daher erwartet beispielsweise die Deutsche Börse keine Probleme.

"Das sind Kosten, die wir nicht brauchen"

Einzig die London Metal Exchange (LME) wird geöffnet sein. Ein regulärer Handel findet um diese Uhrzeit auch dort nicht statt. Allerdings bietet die LME einen 24-stündigen Telefonhandel an. Daneben können Anleger auf der elektronischen Plattform LSEselect ab 1 Uhr Londoner Zeit (2 Uhr MESZ) handeln. Damit liegt der Handelsbeginn genau in der kritischen Phase.

Obgleich die LME zuversichtlich ist, dass das Hinzufügen der Schaltsekunde keine größeren Probleme für die Handelssysteme darstellen wird, will der Börsenbetreiber kein Risiko eingehen. Das Pre-Opening, währenddessen die Kunden Kurse ins System einstellen, sowie der reguläre Handel werden daher am Mittwoch mit einer Verzögerung von 15 Minuten beginnen. Ab dem 2. Juli soll dann alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen.

Manche glauben, dass die Schaltsekunde völlig reibungslos vorüberziehen wird, ganz wie das Jahr-2000-Problem in der Silvesternacht zum neuen Millennium. Unabhängig davon, wie die Systeme letztlich reagieren werden, hat die Finanzbranche laut Wood große Geldsummen und Arbeitsstunden in die Vorbereitung auf das Ereignis gesteckt. Die Chefs der Finanzhäuser würden alles daran setzen, dass künftig keine Schaltsekunde mehr in die Handelsstunden falle. "Es reicht wirklich, einmal diese gesamte Erfahrung zu machen", stöhnt Wood. "Das sind Kosten, die wir nicht brauchen. Es gibt genug andere Sachen, um die wir uns sowieso schon sorgen müssen."

Quelle: n-tv.de

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