Wirtschaft
Die USA haben die Ratingagentur Standard & Poor's wegen ihrer Top-Bewertungen für Schrottpapiere vor der Finanzkrise verklagt.
Die USA haben die Ratingagentur Standard & Poor's wegen ihrer Top-Bewertungen für Schrottpapiere vor der Finanzkrise verklagt.(Foto: picture alliance / dpa)

Ratingagentur soll büßen: USA verklagen S&P

Von Hannes Vogel

Die US-Regierung öffnet ein weiteres Kapitel in der Aufarbeitung der Finanzkrise: Knapp fünf Jahre nach dem Crash fordern die USA Schadenersatz von der größten Ratingagentur S&P. Sie hatte Tausenden US-Hypothekenpapieren Top-Bewertungen verpasst, die sich nur wenig später als Schrott entpuppten - aus reiner Profitgier, sagt die Regierung.

Die US-Regierung hat an einem kalifornischen Bezirksgericht eine Klage gegen die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) und deren Muttergesellschaft McGraw-Hill eingereicht. Beanstandet werden Bonitätsnoten für mit Hypotheken abgesicherte Anleihen aus dem Jahr 2007, also kurz vor Ausbruch der Finanzkrise: S&P hatte wie auch die Ratingagenturen Moody's und Fitch Tausenden US-Hypothekenpapieren Top-Ratings verpasst, die sich nur wenig später als Schrottpapiere herausstellten und Investoren Milliardenverluste bescherten. Denn die verließen sich auf diese Urteile und griffen zu.

Das US-Finanzministerium strebt zivilrechtliche Strafzahlungen von S&P an, wie aus den eingereichten Gerichtsunterlagen hervorgeht. Die US-Regierung geht damit zum Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Barack Obama erstmals juristisch gegen eine der am Kapitalmarkt sehr einflussreichen Rating-Agenturen vor. Die Klage könnte für S&P weitreichende finanzielle Folgen haben.

Nach Informationen des "Wall Street Journal" und der "New York Times" waren Gespräche über einen Vergleich gescheitert. Laut "New York Times" hatte das Justizministerium auf eine Zahlung von mindestens 1 Milliarde Dollar gedrängt. Zudem könnten sich zahlreiche Bundesstaaten und eventuell auch private Anleger und Unternehmen sich der Klage anschließen. An der Börse zeigten sich Investoren bereits verunsichert: McGraw-Aktien büßten am Montag, als mit der Klage gerechnet wurde, knapp 14 Prozent ein. Die Papiere des Rivalen Moody's gaben fast elf Prozent nach.

Profitgier statt ehrlicher Risikobewertung

Die US-Regierung wirft S&P in der Klage massive Interessenkonflikte vor: Die Ratingagentur soll ihre Bewertungen der Schrottpapiere beschönigt haben, um Profite zu machen und Geschäftsbeziehungen zu den Banken nicht zu gefährden. Denn die hatten die Papiere stets aufgelegt und für die Bewertung ihrer Kreditwürdigkeit an die Ratingagentur gezahlt. Die Interessen der Anleger, die die Papiere kauften und an einer ehrlichen Einschätzung der Risiken mehr interessiert waren als die Banken, die sie verkauften, traten deshalb womöglich in den Hintergrund: "Erwägungen hinsichtlich der Honorare, Marktanteile, Profite und der Beziehungen zu den Emittenten haben Standard & Poor's Bewertungskriterien und Bewertungsmodelle unangemessen beeinflusst", wirft die Regierung der Ratingagentur in den Dokumenten vor.

S&P erklärte, eine mögliche Klage sei komplett unbegründet. Die Behauptung, die Bonitätsnoten seien von wirtschaftlichen Erwägungen getrieben gewesen, sei falsch. Auch niemand anderes habe das volle Ausmaß des Abschwungs am US-Immobilienmarkt vorausgesehen. Das gelte sowohl für andere Ratingagenturen als auch Regierungsvertreter. S&P habe sogar schneller als andere Ratingagenturen weitreichende Maßnahmen ergriffen.

S& P erklärte – wie auch andere Agenturen zuvor - man "bedaure zutiefst", dass die Bewertungen der US-Hypothekenpapiere die sich schnell verschlechternden Bedingungen auf dem US-Häusermarkt nicht vorhergesehen hätten. Seitdem habe man 400 Mio. Dollar investiert, um die Qualität der Bewertungen zu verbessern. Die Ratingagenturen stehen seit Jahren in der Kritik, entzogen sich Verfahren aber zumeist erfolgreich mit der Begründung, sie hätten lediglich eine Meinung vertreten und keine Kaufempfehlung abgegeben.

Meilenstein für die Ratingbranche

"Die Klage selbst könnte sich letzten Endes als weniger bedeutsam herausstellen als die Botschaft, die sie sendet" kommentierte Jeffrey Manns, Juraprofessor an der George Washington University in Washington D.C. das Verfahren. "Eine Klage mit solch hohem Aufmerksamkeitswert einzureichen sagt der Rating-Industrie insgesamt, dass die Regierung es ernst damit meint, Ratingagenturen zur Verantwortung zu ziehen und dass sie viel vorsichtiger sein müssen". Auch in Deutschland hatte der Bundesgerichtshof Mitte Januar entschieden, dass Ratingagenturen in Deutschland grundsätzlich wegen ihrer Einschätzung verklagt werden können.

Zuvor hatte ein australisches Gericht S&P zur Zahlung einer millionenschweren Entschädigung verurteilt, weil die Ratingagentur Anleger in die Irre geführt habe. In New York hatte ein Gericht eine ähnliche Klage von Investoren zugelassen. Die Klage des US-Justizministeriums gegen S&P ist aber die bislang heftigste juristische Attacke auf die Ratingagenturen. Noch ist unklar, warum sich die US-Regierung nur gegen S&P und nicht auch gegen Moody's und Fitch wendet, die im Zusammenhang mit der weltweiten Finanzkrise ebenfalls stark kritisiert wurden. Die drei Ratingagenturen hätten die "finanzielle Kernschmelze" mit ermöglicht, hatte ein Ausschuss des US-Kongresses in seinem Abschlussbericht zur Finanzkrise festgestellt.

Quelle: n-tv.de

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