Wirtschaft
In Deutschland gibt es zurzeit 17.400 Stiftungen, jährlich kommen rund 1000 neue hinzu.
In Deutschland gibt es zurzeit 17.400 Stiftungen, jährlich kommen rund 1000 neue hinzu.(Foto: picture alliance / dpa)

Milliardärs-Spenden auch in Deutschland?: "Über Geld spricht man nicht"

In den USA haben 40 Milliardäre angekündigt, Milliardäre geben Milliarden Zudem forderten sie andere Superreiche auf, das selbe zu tun - und sie werden offenbar erhört. Immer mehr schließen sich der "Spendenwelle" an. Ist es möglich, dass die Welle auch zu uns nach Deutschland schwappt? n-tv.de sprach mit Ambros Schindler, dem Leiter des Deutschen Stiftungszentrums.

n-tv.de: Herr Schindler, in den USA haben einige Milliardäre beschlossen, die Hälfte ihres Vermögens zu spenden. SPD und Grüne fordern nun, dass sich auch hierzulande Superreiche anschließen. Fällt das in Deutschland auf fruchtbaren Boden?

Ambros Schindler: Ich glaube, die Forderung wird nicht dieselbe öffentliche Resonanz haben können. Bei uns vertreten viele die Meinung: Über Geld spricht man nicht. Da ist man diskret. Die Grundeinstellung, zu spenden und stiften, ist in Amerika offensiver als bei uns. Amerikaner gehen viel offener mit ihren Vermögens- und  Einkommensverhältnissen um als wir. Wenn Sie dort im Fahrstuhl nach oben fahren, wird der andere versuchen, herauszufinden, ein "Wie-viel-Dollar-Mann" Sie sind. Und er kriegt wahrscheinlich sogar eine Antwort.

Die Mentalität ist also eine andere?

Ja. Aber der wichtigste Grund ist: In Deutschland war es – anders als in den USA - immer so, dass bestimmte Bereiche des Lebens in der Wahrnehmung der Menschen selbstverständlich durch den Staat abzudecken sind. Soziales und Bildung etwa. In Amerika war stets die Notwendigkeit zu geben viel größer; das ist auch immer noch so. In Deutschland handelt es sich häufig um eine ergänzende Förderung, wenn wir von Stiftungen reden. In den USA ist es oft die Grundförderung.

Wie sieht es denn in Deutschland aus mit der Spendenbereitschaft der Reichen?

Warren Buffet und Bill Gates gehören zu den reichsten der Reichen der Welt. Und sie wollen ihren Reichtum teilen.
Warren Buffet und Bill Gates gehören zu den reichsten der Reichen der Welt. Und sie wollen ihren Reichtum teilen.(Foto: REUTERS)
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In Deutschland haben wir 53 Milliardäre nach der 2010.  Wenn man die Milliardäre von der Spitze runter durchgeht, stellt man fest: jeder zweite davon hat eine eigene Stiftung. Das ist beachtlich. Auch wenn man darunter liegende Vermögen und Einkommen betrachtet, lässt sich sagen: Je reicher jemand ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er eine Stiftung hat.  Ab einem Jahreseinkommen von 500.000 Euro ist die Wahrscheinlichkeit, eine Stiftung zu haben, sechs Mal größer als bei Einkommensbeziehern zwischen 100.000 und 500.000 Euro.

Das sind interessante Zahlen – woher kommt es, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung oft ein anderes ist?

Ich kenne viele Stifter und Spender von größeren Stiftungen, die nach außen nicht erkennbar werden lassen, dass sie dahinter stehen. Die mediale Kritik der letzten Jahre, zum Beispiel an den Managergehältern, veranlasst manche einkommensstarke Stifter, lieber im Verborgenen zu helfen. Sie wollen nicht, dass auch noch öffentlich diskutiert wird, ob ihr gemeinnütziges Engagement richtig und ausreichend ist. Anders ist das bei denjenigen Personen, die ohnehin in der Öffentlichkeit stehen - wie zum Beispiel die Stars in der Unterhaltungsbranche und des Sports: Lahm, Stich, Nowitzki oder Metzelder können sich mit ihren Stiftungen besser outen, weil ihre - mit Managern vergleichbaren - Einkommen nicht in der öffentlichen Kritik stehen.

"Stiftung" hört sich nach Geldsammeln an. Wie viel tragen da die Stifter selbst?

Die vermögenden Stifter dotieren ganz überwiegend mit eigenem Geld. Es gibt natürlich auch die Sammelstiftungen. Aber nach meiner Erfahrung tun sich vermögende Stifter mit dem Sammeln von Geld im Volk schwer, weil viele befürchten, dass ihr geringer Beitrag im Vergleich zur Dotation des Stifters bei der Förderung nur eine geringe Rolle spielen wird.

Dr. Ambros Schindler ist Leiter und Geschäftsführer des Deutschen Stiftungszentrums.
Dr. Ambros Schindler ist Leiter und Geschäftsführer des Deutschen Stiftungszentrums.

Hat sich die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren geändert?

In der Bundesrepublik werden jährlich rund fünf Milliarden Euro gespendet. Das ist leicht ansteigend, nur nach größeren Wirtschaftskrisen gibt es immer wieder kleine Einbrüche, die aber schnell wieder wettgemacht werden. Was die Stiftungen angeht, hat sich deren Bestand in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Woran liegt das?

Das mittlere Alter derjenigen, die heutzutage Stiftungen gründen, liegt bei 65 Jahren. Das sind zumeist Personen, die ein ganzes Leben ohne wirtschaftliche Crashs Geld verdienten, ohne Einbrüche wie etwa den zweiten Weltkrieg. Durch solche Einschnitte wurden früher immer wieder Vermögen vernichtet. Diese Generation hat jetzt Vermögen, dass sie selbst erwirtschaftet hat - und kann dies stiften. Die Mehrzahl spendet also selbst erwirtschaftetes Vermögen, kein geerbtes. Ein anderer Grund ist, dass sich die Familienbindung im Vergleich zu früheren Zeiten verändert hat. Die Neigung, Geld in die fernere Familie wie Neffen oder Nichten zu geben, ist gesunken. Man wohnt eben nicht mehr um den selben Kirchturm herum und fühlt sich  häufig nur noch formal verwandt. Deshalb ist die Neigung, sein Geld in eine Stiftung zu stecken, größer, als es fernen Verwandten zu überlassen. An die enge Familie, die Kinder, wird natürlich weiter, aber oft neben der Stiftung,  vererbt.

Wagen sie einen Ausblick in die Zukunft. Wie könnte sich das in Deutschland verändern?

In diesen Tagen wird in Deutschland zur Errichtung von Stiftungen aufgerufen. Das wird mit der ungleichen Verteilung der Vermögen begründet, oder es wird gar mit der Erhöhung der Einkommensteuer oder der Einführung der Vermögensteuer gedroht. Mit diesem Kontext erweisen alle dem Stiftungswachstum einen Bärendienst. Der Aufbau von moralischem und/oder steuerlichem Druck erschwert und verhindert Entscheidungen von Stifterinnen und Stiftern zur Übertragung von Vermögen an gemeinnützige Stiftungen. Klug beraten war man dagegen in den USA, dass man eine solche Initiative Warren Buffet und Bill Gates überließ, statt mit Appellen und politischen Drohungen die potentiellen Stifterinnen und Stifter in die Defensive zu treiben.

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Quelle: n-tv.de

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