Wirtschaft
Wandert die Zugsparte im Gegenzug nach Frankreich? In München beraten die Siemens-Aufsichtsräte über das weitere Vorgehen im Übernahmepoker um den französischen Rivalen Alstom.
Wandert die Zugsparte im Gegenzug nach Frankreich? In München beraten die Siemens-Aufsichtsräte über das weitere Vorgehen im Übernahmepoker um den französischen Rivalen Alstom.(Foto: dpa)

"Das wäre eine 180-Grad-Wende": Siemens nähert sich Alstom

Die Anzeichen verdichten sich: In München geben die Aufsichtsräte bei Siemens angeblich grünes Licht für ein Übernahmeangebot an den französischen Wettbewerber Alstom. In Paris gilt die Sache bereits als sicher.

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Noch ist es nicht offiziell: Der deutsche Industriekonzern Siemens wird nach Angaben der französischen Regierung ein Übernahmeangebot für Alstom einreichen. Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg erklärte vor der Nationalversammlung in Paris, ein Angebot von Siemens sei "auf dem Weg" zum Alstom-Verwaltungsrat. Eine Sitzung des Gremiums ist für den Abend geplant. Laut der französischen Zeitung "Le Monde" wird Alstom seine zunächst für den Abend vorgesehene Entscheidung über den Verkauf der Energiesparte wahrscheinlich noch verschieben.

Bei Siemens in München wollte man die Angaben aus Paris zunächst nicht kommentieren. Dort waren am Vormittag die Mitglieder des Aufsichtsrats zu einer kurzfristig anberaumten Sitzung zusammengekommen, in der sie über ein Angebot und seine Konsequenzen beraten wollten. Aus dem Umfeld des Dax-Konzerns hieß es, der Siemens-Aufsichtsrat habe bereits seine grundsätzliche Zustimmung zu den Übernahmeplänen signalisiert. Dies berichtete zumindest das "Handelsblatt" unter Berufung auf Unternehmenskreise. Das Kontrollgremium unterstütze das Vorhaben, hieß es. Eine konkrete Offerte sei noch nicht beschlossen worden, dazu sollten zunächst die Bücher Alstoms geprüft werden, hieß es.

Siemens hatte am Wochenende sein Interesse an Alstom bekundet und angeboten, den Energiebereich für 10 bis 11 Milliarden Euro zu kaufen und im Gegenzug den Bahnbereich in Frankreich bei Alstom anzusiedeln. Dadurch sollen zwei weltweit führende Unternehmen im Bereich Energie sowie Transport entstehen. Zudem bot Siemens eine Job-Garantie für drei Jahre an. Damit zeichnet sich eine Bieterschlacht zwischen Siemens und dem US-Rivalen General Electric (GE) ab, der bereits ein milliardenschweres Angebot vorgelegt hat.

Von nationalem Interesse

Die Führungsspitzen von Siemens und Alstom waren zu Wochenbeginn bei Frankreichs Präsident François Hollande vorstellig geworden, um ihre jeweiligen Konzepte für eine Alstom-Teilübernahme darzulegen. Die sozialistische Regierung in Paris hatte sich verärgert gezeigt, dass Alstom hinter ihrem Rücken mit GE den Verkauf der Energiesparte schon beinahe abgeschlossen hatte. Alstom ist für den französischen Staat von nationalem, strategischem Interesse.

Der Poker um das französische Industrie-Schwergewicht Alstom kommt für Siemens-Chef Joe Kaeser Beobachtern zufolge zur Unzeit. In acht Tagen wollte er eigentlich seine Vision für den Münchner Traditionskonzern vorstellen - eine Übernahme von Alstom kam in Kaesers Plänen bisher nicht vor.

Nicht ohne Risiko

Doch das Angebot des US-Konkurrenten GE für den Energie- und Zugtechnikkonzern ließ bei Siemens die Alarmglocken klingeln. Nun wollen die Münchner ein Gegenangebot vorlegen. Investoren sehen das kritisch: "Eine risikoärmere Strategie von organischem Wachstum wäre uns lieber gewesen", sagt Tim Albrecht, Fondsmanager bei DWS Investment. Die Offerte sei eine reine Verteidigungsmaßnahme gegen die Expansion von GE in Europa, meinte Rob Virdee, Analyst bei der Espirito Santo Investment Bank. "Sie hätten das ohne GE nicht gemacht."

Alstom, Hersteller des französischen Hochgeschwindigkeitszugs TGV und von Kraftwerksturbinen und Zugsignaltechnik, kämpft derzeit mit sinkenden Aufträgen und einem schwachen Cashflow. Der französische Konzern ist deshalb keine wirklich gute Partie und stand bei Siemens auch nicht auf dem Wunschzettel.

"Bis letzte Woche wurde Alstom noch totgeredet und auch von den Produkten her als nicht wettbewerbsfähig angesehen", erklärte ein Fondsmanager einer anderen Investmentgesellschaft, der namentlich nicht genannt werden wollte. "Ein Kauf wäre eine 180-Grad-Wende. Wenn Siemens das macht, brauchen sie schon sehr gute Argumente, um das strategisch zu rechtfertigen." Für GE würde eine Übernahme von Alstom jedenfalls mehr Sinn ergeben als für Siemens.

Notgedrungen den Finger gehoben?

Ein finanzstarker GE-Konzern, der Siemens direkt auf dem europäischen Markt herausfordert, ist für die Münchner aber ebenfalls kein wünschenswertes Szenario. Für die französische Politik wäre es ein Albtraum, wenn ein französischer Traditionskonzern samt der dazugehörigen Arbeitsplätze in die Hände eines US-Konzerns fiele. Deshalb kam Siemens als Nothelfer ins Spiel.

Zur Debatte steht nun eine Art Tauschgeschäft: Die Münchner übernähmen die Energiesparte von Alstom, dafür bekämen die Franzosen das Zuggeschäft mit dem Aushängeschild ICE. Siemens hatte zuletzt Lieferprobleme mit seinen Hochgeschwindigkeitszügen, und der Bereich ist auch nicht so profitabel. Wäre eine Übernahme also ein eleganter Weg für Kaeser, das Zuggeschäft loszuwerden?

Elegant, aber unwahrscheinlich, meinte ein Fondsmanager. "Das Zuggeschäft ist schon margenschwach, ohne den Bereich würde Siemens rein optisch mehr Richtung Zwölf-Prozent-Marge gehen. Aber ob das kartellrechtlich durchgeht, ist die Frage."

Auch im Energiegeschäft gibt es durchaus Argumente für einen Zusammenschluss von Siemens und Alstom. Siemens würde Marktanteile gewinnen und die Produkte ergänzen sich - die Franzosen sind bei Dampfturbinen stark, die Münchener bei Gasturbinen. Doch die Frage ist, ob sich Siemens tatsächlich noch stärker in einem Markt engagieren will, dessen Aussichten im besten Fall unsicher sind: Die Hauptkunden, die europäischen Versorger, stecken in einer tiefen Krise und halten sich mit dem Kauf neuer Turbinen zurück.

"Die Versorgerkunden stehen auf der Investitionsbremse. Wann sich das löst, kann keiner sagen", gab DWS-Fondsmanager Albrecht zu bedenken. Auch Christoph Niesen von Union Investment ist skeptisch. Das bestehende Orderbuch von Alstom berge Risiken, weil der Konzern seinen Kunden möglicherweise Rabatte eingeräumt habe. "Die Technologie von Alstom mag komplementär sein, aber Alstom ist als Wettbewerber auf den Märkten recht preisaggressiv aufgetreten. Was kauft Siemens sich da ein an Portfolio?"

Kaeser muss sich beeilen

Der Druck auf Kaeser, der Peter Löscher im vergangenen Sommer nach einer öffentlich ausgetragenen Schlammschlacht an der Siemens-Spitze abgelöst hat, ist vor der großen Strategieshow immens. Die Investoren wollen endlich wissen, welchen Weg der Industrieriese mit Kraftwerken, Windturbinen, Industrieanlagen, Zügen und Medizintechnik im Angebot unter dem neuen Chef einschlägt.

"Wir hatten uns gewünscht, dass sich der Konzern auf die profitablen Bereiche konzentriert, margenschwache Geschäfte verkauft und die freiwerdenden Mittel dann an die Aktionäre zurückgibt, entweder über einen Aktienrückkauf oder eine Ausschüttung", erläuterte DWS-Fondsmanager Albrecht. Eine milliardenschwere Übernahme passt da nicht ins Bild.

Wenn Kaeser die Akquisition tatsächlich mache, müsse sie niet- und nagelfest sein, sagt Union-Investment Fondsmanager Niesel. "Es ist seine erste große Handlung, seine erste große Akquisition. Wenn die schiefläuft, kann er es nicht wieder auf seinen Vorgänger schieben. Es ist jetzt seine Verantwortung."

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Quelle: n-tv.de

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