Wirtschaft
Auch bei Unternehmensanleihen ist es wichtig, die Balance zu halten.
Auch bei Unternehmensanleihen ist es wichtig, die Balance zu halten.(Foto: REUTERS)

Wackelkandidaten erkennen: Unternehmensanleihen sind keine Selbstläufer

Ein Gastbeitrag von Ottmar Wolf, Vorstand der Wallrich Asset Management AG

Bei der Auswahl von Unternehmensanleihen schneiden Privatanleger überdurchschnittlich schlecht ab. Dabei ließe sich die Zahl der Fehlgriffe stark verringern.

Seit Einführung der sogenannten Mittelstandsegmente an den Börsen in Stuttgart und Frankfurt vor wenigen Jahren ist inzwischen jeder siebte der dort gehandelten Corporate Bonds ausgefallen. Hiervon sind insbesondere Privatanleger betroffen. Viele von ihnen orientieren sich beim Kauf von Unternehmensanleihen nämlich fast ausschließlich am Bekanntheitsgrad des Emittenten und natürlich der Höhe der ausgelobten Kupons. Worauf es jedoch wirklich ankommt, ist die Qualität des Geschäftsmodells, die Fähigkeit zur Schuldentilgung bzw. Refinanzierung sowie als letzter Ausweg die voraussichtliche Höhe der Konkursquote – und zwar in genau dieser Reihenfolge.

Entgegen aller positiven Zukunftsprognosen des Managements lässt sich ein funktionierendes Geschäftsmodell insbesondere an stabilen operativen Erträgen und einem möglichst konstant hohen Cashflow erkennen. Sind diese beiden Bedingungen erfüllt, wird es in den allermeisten Fällen auch möglich sein, Zinsverpflichtungen zu erfüllen und fällige Anleihen zu refinanzieren. Gerade bei Neuemissionen ist in diesem Zusammenhang darauf zu achten, dass der Cashflow auch zur Abdeckung des nun deutlich höheren Kapitaldienstes ausreicht. Andernfalls sollten zumindest ein hoher Bestand an liquiden Mittel vorhanden und der Verschuldungsgrad (Verhältnis Fremdkapital zu Eigenkapital) überschaubar sein. Ein negatives Eigenkapital ist dagegen als Warnsignal zu sehen, und sollte zumindest von weniger erfahrenen Anlegern als Ausschlusskriterium betrachtet werden.

Gerade bei den Anbietern von Mittelstandsanleihen, die sich mit ihrer Werbung insbesondere an Privatanleger wenden, kommt dies aber in einigen Fällen vor. Nicht umsonst liegt die Ausfallquote dieser Schuldverschreibungen alleine bis heute bei fast 15 Prozent und damit um das 10fache (!) höher als bei Unternehmensanleihen größerer Emittenten. Dies ist umso dramatischer, da wir uns derzeit in einem überaus guten wirtschaftlichen Umfeld bewegen, und aufgrund der kurzen Historie der Mittelstandssegmente bisher noch kaum ein Papier zurückgezahlt und damit refinanziert werden musste.

An diesem Punkt beginnen nämlich oft erst die eigentlichen Probleme. Potenziellen Käufern einer Anleihe sollte sich deshalb auch klar erschließen, wie der Bond am Ende der Laufzeit getilgt werden kann. Besonders wichtig ist dies in Fällen, in denen eine einzige Schuldverschreibung, an deren Refinanzierung dann wohlmöglich das Wohl und Wehe des Emittenten hängt, die Passivseite dominiert bzw. gar die einzige wesentliche Position darstellt. Macht die Anleihe dagegen nur einen geringen Anteil der Bilanzsumme aus, und handelt es sich bei ihr zudem um die nächste größere Fälligkeit, sollte eine Tilgung in der Regel unproblematisch sein. Dies gilt umso mehr, wenn im Falle eines Falles zwecks Tilgung Konzernteile (z.B. Tochterfirmen) oder andere Assets verkauft werden könnten. Auch ein stabiler Ankeraktionär, der notfalls Eigenkapital nachschießen würde, trägt erheblich zur Vermögenssicherheit der Anleihegläubiger bei.

Gerade bei Wackelkandidaten, deren Kupons und Renditepotenziale auf Privatanleger besonders verführerisch wirken, ist darüber hinaus das Worst-Case-Szenario in die Betrachtung mit einzubeziehen. Der Gläubiger muss sich bei diesen Papieren deshalb schon vor dem Kauf Gedanken darüber machen, mit welcher Rückzahlungshöhe er im Konkursfall mindestens rechnet. Je nach dem, ob das Papier gesondert besichert ist, oder es im Rang sogar hinter diversen anderen Forderungen steht, wie dies bei vielen Mittelstandsbonds der Fall ist, können die Befriedigungsquoten nämlich sowohl im mittleren oder sogar oberen zweistelligen Bereich liegen, genauso aber auch gegen null tendieren. Grundsätzlich ist eine derartige Abschätzung allerdings überaus kompliziert, so dass sich weniger erfahrene Privatanleger auf Emittenten mit funktionierendem Geschäftsmodell und uneingeschränkt positiver Rückzahlungsprognose beschränken sollten.

Trotz aller Warnungen, ist es andererseits auch nicht sinnvoll, ausschließlich auf Papiere bester Bonität ohne jeden "Kratzer" zu setzen. Mit solchen Corporate Bonds ist bei dem aktuellen Zinsniveau schließlich kaum etwas zu verdienen. So lassen sich Defizite an der einen oder anderen Stelle durch entsprechend hohe Renditenerwartungen, die selbst bei durchaus noch akzeptablen Anleihen auch mal in den zweistelligen Bereich hinein reichen können, kompensieren. Zu derartigen Renditen kommt es in aller Regel allerdings erst während der Laufzeit, im sog. Sekundärmarkt. Für Investoren besteht deshalb gerade bei den Mittelstandsanleihen in der Regel kein Grund, direkt bei der Neuemission (Primärmarkt) dabei zu sein.

Disclaimer

Dieser Gastbeitrag gibt ausschließlich die Meinung des verantwortlichen Autors wider und dient nur zu Informationszwecken und zur Nutzung durch den Empfänger. Sie stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Investmentfonds dar.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen