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Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Porsche Automobil Holding SE, Wendelin Wiedeking, vor Gericht.
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Porsche Automobil Holding SE, Wendelin Wiedeking, vor Gericht.(Foto: dpa)

Mehrjährige Haftstrafen drohen: Urteil gegen Ex-Porsche-Manager erwartet

Haben die beiden ehemaligen Porsche-Manager Wiedeking und Härter den VW-Aktienkurs manipuliert? An diesem Freitag fällt die Entscheidung des Landgerichts Stuttgart.

An diesem Freitag entscheidet das Stuttgarter Landgericht in einem der spannendsten Strafprozesse der vergangenen Jahre: Die beiden Ex-Porsche-Manager Wendelin Wiedeking und Holger Härter mussten sich seit vergangenem Oktober wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation vor Gericht verantworten. Sie sollen während des Volkswagen-Übernahmepokers im Jahr 2008 den Markt in die Irre geführt und den VW-Aktienkurs manipuliert haben. Das glaubt die Staatsanwaltschaft und fordert deshalb mehrjährige Haftstrafen für die beiden Angeklagten.

Wiedeking soll nach dem Willen der Ermittler für zweieinhalb Jahre hinter Gitter, der Ex-Finanzchef Härter für zwei Jahre und drei Monate. Beide sollen zudem eine Geldstrafe von einer Million Euro zahlen. Für die Porsche SE fordern die Ermittler zudem eine Strafzahlung von insgesamt 807 Millionen Euro. Die Angeklagten und ihre Verteidiger halten die Vorwürfe für unbegründet und plädieren auf Freispruch.

Der Prozess hat sich über knapp ein halbes Jahr hingezogen, knapp 20 Zeugen wurden vernommen, ein Gutachter hat ausgesagt und zig Ordner voller Dokumente waren Teil des Verfahrens. Die Zeugen haben in ihren Aussagen keine eindeutigen Beweise für die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft geliefert. Die beiden Strafverfolger Heiko Wagenpfeil und Aniello Ambrosio berufen sich in ihrem Plädoyer deshalb vorwiegend auf Indizien.

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In dem Prozess wurden dabei zwei Anklagen verhandelt. In der ersten Anklage beschuldigen die Staatsanwälte die beiden Ex-Manager, dass im Geheimen bereits spätestens im März 2008 der Plan feststand, Volkswagen übernehmen zu wollen. Öffentlich sei das in den Folgemonaten jedoch in mehreren Erklärungen dementiert worden. Dadurch hätten die beiden Angeklagten den Markt in die Irre geführt und den VW-Kurs manipuliert. Die Porsche SE hatte am 26. Oktober 2008 mitgeteilt, VW zu mehr als 75 Prozent übernehmen zu wollen.

Die zweite Anklage wurde erst im Juni vergangenen Jahres eingereicht und dreht sich genau um diese Pressemitteilung vom 26. Oktober, die die Porsche Holding damals an einem Sonntag verschickte. Darin erklärte die Porsche SE auch, sich über Aktienkäufe und Optionsgeschäfte rund 74 Prozent an VW gesichert zu haben. Es sei suggeriert worden, dass nur noch wenige Prozent der Stammaktien frei am Markt handelbar gewesen wären, sagen die Ermittler. Denn das Land Niedersachsen hält rund 20 Prozent an VW.

Kurs springt auf 1000 Euro

Was dann geschah, ist gemeinhin bekannt: Zu Beginn der Folgewoche sprang der VW-Kurs von etwa 210 Euro auf rund 1000 Euro. Vor allem Finanzinvestoren hatten zuvor auf fallende Kurse spekuliert und VW-Aktien leer verkauft. Sie mussten VW-Papiere kaufen, egal zu welchem Preis. Die Ermittler glauben, dass das genau der gewünschte Effekt der beiden Angeklagten war. Denn ihrer Meinung nach wäre Porsche gar nicht mehr in der Lage gewesen, die Übernahme zu stemmen.

Die hochkomplexen Optionsgeschäfte hatten nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft in der Vorwoche vor Bekanntgabe der Übernahmepläne zu Verlusten von rund 7 Milliarden Euro geführt. In der Folgewoche wäre sogar bei einem gleichbeibenden VW-Kurs nochmals ein ebenso großer Verlust angefallen, argumentieren die Strafverfolger. Einzig ein steigender VW-Kurs hätte die Porsche SE "aus ihrem Verlustszenario" befreien können, behaupten sie in ihrem Plädoyer.

Die Verteidiger halten dagegen. Es sei ein "billiger Trick" der Ankläger, wenn die Ermittler in ihren Berechnungen nur ein "kleines Zeitfenster" vom 16. bis zum 24. Oktober 2008 betrachteten. Diese Betrachtungsweise ignoriere vollkommen vorangegangene Buchgewinne, die etwaige Verluste weitgehend neutralisiert hätten, sagte Härter-Verteidigerin Anne Wehnert in ihrem Plädoyer. Nach Ansicht der Verteidigung wären nicht Verluste von 14 Milliarden angefallen, wie es die Staatsanwaltschaft errechnet hatte, sondern lediglich ein Verlust von weniger als 200 Millionen Euro.

Die Staatsanwaltschaft sei ihrer großen Verantwortung nicht gerecht geworden, resümierte auch Wiedeking-Anwalt Walther Graf in seinem Plädoyer. "Seit über sechs Jahren hantiert sie sorglos mit den unterschiedlichsten Verdachtshypothesen", sagte Graf. Dabei sei Staatsanwalt Wagenpfeil vorgegangen "wie ein Krimiautor" und habe aus tatsächlichen Begebenheiten und "seiner blühenden Ermittlerfantasie" einen Sachverhalt "zusammengepuzzelt", sagte Graf.

Angeklagte beteuern Unschuld

Die beiden Angeklagten sagten in ihren Schlussworten, dass sie sich nichts vorzuwerfen hätten. "Wir haben stets zutreffend kommuniziert", sagte Wiedeking. Über die ständig wechselnden Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft zeigte sich Ex-Finanzchef Härter verwundert. "Hätte ich so gerechnet wie die Staatsanwaltschaft, dann hätte sie mich angeklagt und das dann auch zu Recht", sagte Härter in seinem Schlusswort. Er habe jedoch nicht so gerechnet. Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagte er.

Das Urteil in dem Prozess wird voraussichtlich große Aufmerksamkeit bekommen. Einerseits auf Grund der Prominenz der beiden Angeklagten. Anderseits weil VW-Großaktionär Porsche SE seit Jahren mit vielen Hedgefonds in diversen Zivilverfahren verhandelt, ebenfalls wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation. Insgesamt summieren sich deren Schadensersatzforderungen auf etwa 5 Milliarden Euro. Das Urteil im Strafprozess dürfte für die Zivilkläger deshalb wichtige Erkenntnisse liefern.

Quelle: n-tv.de

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