Wirtschaft
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Sonntag, 05. Juli 2015

Teures Streikjahr 2015: Verdi muss an die Reserven gehen

Wegen des vermehrten Streikaufkommens in diesem Jahr hat Verdi bereits jetzt das geplante Budget überschritten. Besonders teuer ist der noch andauernde Poststreik. In wirkliche Bedrängnis wird das die Gewerkschaft wohl trotzdem nicht bringen.

Trotz wochenlanger Streiks bei der Post und in Kindergärten ist die Streikkasse der Gewerkschaft Verdi nach Einschätzung von Experten immer noch gut gefüllt. Zwar hätten die beiden großen Streiks insgesamt mehr als 40 Millionen Euro gekostet und damit die Streikreserven eines Jahres aufgebraucht, Verdi habe aber in den vergangenen Jahren viel Geld zurückgelegt, sagte der Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, der Welt am Sonntag.

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Seit 2012 stecke die Gewerkschaft jedes Jahr acht Prozent ihrer Beitragseinnahmen in den Streikfonds, zuvor seien es nur drei Prozent gewesen. Bei Einnahmen von 444,4 Millionen Euro im vergangenen Jahr seien also allein 2015 mehr als 35 Millionen Euro in die Streikkasse geflossen. Hinzu kommen noch die Erträge aus dem Vermögen der Gewerkschaft, aus Immobilien, Anleihen und Aktien.

Allein der Ausstand der Postler dürfte nach den Berechnungen des IW-Experten rund 30 Millionen Euro gekostet haben. Pro Tag dürfte der Poststreik rund 1,2 Millionen Euro kosten. Lesch geht dabei von durchschnittlich 20.000 (Vollzeit-)Streikenden und einem Ausfallgeld von 61 Euro je Tag aus. Hinzu komme der rund vierwöchige Streik im Sozial- und Erziehungsdienst, der mit bis zu 12 Millionen Euro zu Buche schlagen dürfte.

Verhaltener Optimismus

Die Gewerkschaft hält sich mit Aussagen zu ihrer Streikkasse gemeinhin zurück. Der teuerste Streik in der Geschichte der Dienstleistungsgewerkschaft war der Streik 2006 im Öffentlichen Dienst der Länder. Der Streik, der sich über 16 Wochen hinzog, dürfte Verdi bis zu 60 Millionen Euro gekostet haben, schätzt Lesch. Im Jahr darauf sei ein langer Streik bei der Telekom gefolgt. Seitdem habe die Gewerkschaft ihre Strategie verändert und setze verstärkt auf Warnstreiks, für die weniger Geld ausgegeben werden müsse.

Im Poststreik dauern die Gespräche zwischen der Deutschen Post und Verdi währenddessen an. Auch ein gerade beendeter Verhandlungsmarathon von mehr als 30 Stunden konnte jedoch noch zu keinem Kompromiss führen. "Es wird noch immer verhandelt und eine Lösung gesucht", sagte ein Gewerkschaftssprecher in der Nacht zum Sonntag. Er sei lediglich "verhalten optimistisch", dass man sich einigen werde. Verdi-Verhandlungsführerin Andrea Kocsis und Post-Personalchefin Melanie Kreis müssen sich mit zahlreichen Themen befassen - von Arbeitszeitregelungen über Lohnerhöhungen bis hin zum Kündigungsschutz. Zudem läuft die Gewerkschaft Sturm gegen neue Subunternehmen der Post, in denen der Konzern Beschäftigten niedrigere Löhne zahlt, als sie im Konzern üblich sind.

Verdi hatte die Gründung der neuen Gesellschaften mit derzeit rund 6500 Beschäftigten als Bruch geltender Verträge kritisiert, die Gewerkschaft reagierte mit der Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten. Die 140.000 Tarifbeschäftigten des Konzerns sollen künftig 36 statt 38,5 Stunden in der Woche arbeiten. Zudem hatte Kocsis 5,5 Prozent mehr Lohn gefordert.

Quelle: n-tv.de

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